Wieso beteiligen sich Vermögende so wenig – und immer weniger – an der Finanzierung der (Zivil-)Gesellschaft? Diese Frage diskutieren wir, Angela (Ullrich) und Joana (Breidenbach), seit vielen Jahren in verschiedenen Konstellationen. Wir lernten uns kurz nach Gründung (2007) der Spendenplattform betterplace.org kennen und tauschen uns seitdem zu Themen wie Online-Fundraising, Spendenbereitschaft, Digitalisierung und soziales Engagement aus. Dabei versuchen wir unsere jeweiligen Perspektiven, die der Volkswirtschaft (Angela) und Kulturanthropologie (Joana) miteinander zu verbinden.
Angela verfolgte über Jahre das Spendenverhalten der Deutschen und befasste sich in vielen Beiträgen und auch ihren Vorlesungen mit der Frage, warum sich manche Menschen engagieren und andere dies nicht tun, was das für unsere Zivilgesellschaft und schließlich auch für unsere Gemeinschaft und Demokratie bedeutet. Im Mittelpunkt steht dabei das Spannungsfeld zwischen den gegeben zivilgesellschaftlichen, institutionellen Strukturen und den darin agierenden Menschen. Wie sieht das Anreizsystem aus? Was sind Hemmnisse und Motive für finanzielles, aber auch zeitliches Engagement? Sie schaut zahlenbasiert zunächst mit einem ökonomischen Blick auf philanthropische Entwicklungen, aber analysiert diese an der Schnittstelle zur Psychologie und vor dem Hintergrund sozio-kultureller Veränderungen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie beim betterplace lab eine Studie zum Spendenverhalten von Top-Verdienenden in Deutschland, deren Ergebnisse nicht nur in diesen Beitrag einfließen, sondern auch ein Auslöser dafür waren.
Joana wandte sich in Büchern wie New Work needs Inner Work (2019), Die Entfaltete Organisation (2023, beide mit Bettina Rollow) und in Gründungen wie der brafe.space Community insbesondere der Schnittstelle zwischen der äußeren Dimension von gesellschaftlicher Transformation und unserer inneren, subjektiven Welterfahrung zu. Wie trägt unser jeweiliges individuell und kollektiv geprägtes Weltbild und Erleben zu unserer äußeren Manifestation und Handlungen bei? Dazu, welche Art von Unternehmen wir gestalten, welchen gesellschaftlichen und politischen Trends wir folgen, welche Beziehungen wir zu uns selbst, zueinander und zur größeren Welt unterhalten? In diesem Zusammenhang beschäftigt sie sich mit den „schrumpfenden Räumen“ (shrinking spaces) für zivilgesellschaftliches Engagement. Also dem globalen Trend, der sich in individueller Isolation und Überlastung, sozialer Fragmentierung, diskursiver Polarisierung, antidemokratischen Tendenzen und autoritären Regimes sowie in der existenziellen Bedrohung des gesamten planetarischen Wohlergehens durch die ungebremste Ausbeutung von Ressourcen manifestiert.
Sinkende Spendenbereitschaft als Symptom gesellschaftlicher Spaltung?
In den letzten Jahren kreuzten sich unsere so unterschiedlichen Perspektiven immer wieder, als wir versuchten besser zu verstehen, wieso die Spenden- und Engagementbereitschaft der Menschen in Deutschland und insbesondere die von besonders Vermögenden kontinuierlich abnimmt. Uns liegt dieses Thema am Herzen, denn zum einen kennen wir unzählige herausragende, wirkungsvolle soziale Organisationen, deren Existenz durch die schrumpfenden Finanzen bedroht sind und für die wir uns Ressourcen wünschen.
In einer immer polarisierten Welt wird zum anderen das Verhältnis der Gesellschaft zu Vermögenden und von Vermögenden zur Gesellschaft zur Sollbruchstelle der Demokratie. Gemäß dem Edelman Trust Barometer 2025 hegen 69 Prozent der Deutschen – soviel wie nie zuvor – moderaten bis starken Groll gegenüber Wohlhabenden, die als unfair empfunden vom System profitieren, während die breite Bevölkerung kämpft. Auch auf Seiten mancher Vermögenden gibt es Anzeichen für eine Abwendung von der Mehrheitsgesellschaft. Anekdotisch hören wir von dem Trend, dass zahlreiche Wohlhabende sich von der öffentlichen Infrastruktur unabhängig machen wollen und sich in Bereichen wie Energie, Lebensmittelversorgung oder Bildung auf eigene Beine stellen. Manche erwerben Immobilien und Aufenthaltsgenehmigungen in Ländern wie Neuseeland oder Kanada. Vereinzelt berichten die Medien auch von sehr reichen Menschen, die offen rechtspopulistische, anti-demokratische Parteien unterstützen. Im gleichen Fahrwasser schwimmt die aktuelle Debatte zu dem Verhältnis zwischen dem Lobby-Verband der Familienunternehmen und der AfD.
Misstrauen und Kontaktabbruch tragen zur weiteren Fragmentierung unserer Gesellschaft bei. Wir errichten Barrieren untereinander, die gemeinsame Lösungsräume verhindern. Aber die brauchen wir, um Antworten auf die existentiellen Herausforderungen unserer Zeit zu finden: den Umgang mit Klimakollaps, den Ungewissheiten einer KI-fizierten Arbeitswelt, der Zunahme autokratischer und korrupter Machtsysteme und vielem mehr. Soziales Engagement ist ein wichtiger Klebstoff, der unsere hoch ausdifferenzierte Gesellschaft zusammenhält. Dies belegt auch eine neue Studie der deutschen Stiftung Engagement und Ehrenamt (DSEE): Engagierte sind deutlich demokratieorientierter. Wenn Engagement, z.B. in Form von der Spendenbereitschaft gerade des leistungsstärksten Bevölkerungssegments, jedoch schwindet, müssen wir verstehen, was dahinter steckt, um dem Trend wirksam begegnen zu können.
In diesem gemeinsamen Blogpost teilen wir unsere derzeitigen Gedanken und Hypothesen zu dem nachlassenden Geben und Engagement Vermögender. Er ist kein wissenschaftlicher Beitrag und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist ein Angebot zu einem differenzierten Austausch mit Menschen, die sich die gleichen Fragen stellen, um dem Trend der „schrumpfenden Räume“ Alternativen, nämlich „wachsende Räume“, entgegen zu stellen. Wir thematisieren hier nicht das ganze Spektrum möglicher Maßnahmen rund um die Finanzierung des Gemeinwohls. So betrachten wir nicht die großen, wichtigen Debatten rund um Erbschaftssteuer und andere strukturelle, regulatorische Maßnahmen, die der zunehmenden Ungleichheit entgegenwirken könnten. Stattdessen konzentrieren wir uns auf die individuelle, freiwillige Spendentätigkeit von wohlhabenden Menschen.
In unserer Darstellung bringen wir uns auch selbst als Teil der hier beschriebenen Phänomene ein. Wir sind selbst finanziell privilegiert, kennen einige (sehr) vermögende Menschen, ebenso wie viele zivilgesellschaftliche Organisationen. Wir spenden selbst, betreiben aber auch für einzelne Initiativen selbst Fundraising, d.h. kennen das Thema von beiden Seiten des Gebens und Nehmens. Deshalb lassen wir hier auch unsere eigenen Erfahrungen einfließen. Uns geht es nicht darum, einzelne Gruppen zu beschämen oder unter moralischen Druck zu setzen. Vielmehr möchten wir die gegenwärtigen Trends besser verstehen und einige Erklärungsansätze öffentlich teilen, um zur weiteren breiten Diskussion, aber auch Forschung beizutragen.
Wir starten auf einer soliden Faktenbasis, um von dort zu wesentlich spekulativeren, qualitativen Erklärungsversuchen überzugehen. Für letztere beziehen wir uns auf Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung (Sozialpsychologie, Soziologie, Anthropologie), die sich mit Status, Empathie und Eliteverhalten, Philanthropie sowie der sogenannten Wealth Defense Industry (Collins, 2021) beschäftigt. Wir verbinden diese aber auch mit unseren eigenen Beobachtungen aus Gesprächen mit Vermögenden, um eine Reihe von Faktoren herauszuarbeiten, die Geben und Beteiligung an Zivilgesellschaft beeinflussen und in der bisherigen Forschung so nicht vorkommen. Wir enden mit einigen weiterführenden Fragen aber auch konkreten Anregungen für Räume und Formate, in denen Diskussionen wie diese, angestoßen und vertieft werden können.
Die Faktenbasis: Steigende Vermögen und abnehmende Spendenbereitschaft
Starker Vermögensanstieg, aber ungleich verteilt
Wir Deutschen werden immer reicher – zumindest ein Teil von uns. Mittlerweile haben sich hierzulande Vermögen in Höhe von rund 20 Billionen Euro angehäuft, Tendenz steigend (BCG, 2025). Allerdings entfällt ein gutes Viertel des gesparten Geldes, der Immobilien, Wertpapiere oder Bankguthaben auf ein einziges Prozent unserer Bevölkerung. Neben diesen „Superreichen“ gibt es aber auch einen recht großen Mittelklassen-Wohlstand, der rund 70 Prozent der Vermögen hält und knapp die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Hier trägt vor allem der Besitz von Immobilien zum Vermögenswachstum bei. Die andere Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen hat so gut wie überhaupt kein Vermögen und damit eigentlich auch keine Möglichkeit, Vermögen zu bilden (DIW, 2024).
Dieses enorme Vermögensungleichgewicht zeigt sich auch am Gini-Koeffizienten.. Dieser beträgt 0 bei kompletter Gleichverteilung und 1 bei maximaler Ungleichverteilung. Für die Nettovermögen liegt er in Deutschland derzeit bei 0,77 und damit auch im internationalen Vergleich recht hoch. Alle anderen großen EU-Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien erreichen hier geringere Werte (Bundesbank, 2025, UBS, 2025).
Befeuert wird die Vermögensanhäufung in der einen Hälfte der Bevölkerung durch Erbschaften und Schenkungen, die im Jahr 2023 auf einen neuen Höchstwert angestiegen sind, und zu einem Großteil an die ohnehin vermögendsten 20 Prozent der Bevölkerung fließen (Destatis, 2024; DIW, 2021).
Wieviel wird vom Einkommen abgegeben?
Um nun eine Idee zu bekommen, wieviel gerade die Wohlhabenden für gemeinnützige Zwecke abgeben, müssen die verfügbaren Einkommen betrachtet werden. Oft ist nämlich Vermögen – gerade auch in der Mittelschicht – in Immobilien gebunden oder wenig liquide angelegt. Es besteht ohnehin ein ganz enger Zusammenhang zwischen den beiden Größen: Aus hohen Vermögen resultieren hohe Einnahmen und aus diesen im Zweifel wieder höhere Vermögen. Wir können also davon ausgehen, dass Personen mit großem Vermögen auch diejenigen mit sehr hohen Einkommen sind und umgekehrt. Tatsächlich steigt auch die Zahl der Top-Verdienenden, die mehr als 500.000 Euro Einkünfte im Jahr steuerlich veranlagen, ausgesprochen dynamisch und dies in allen Altersgruppen. Die Ergebnisse unserer Studie zu den Top-Verdienenden (betterplace lab, 2024) zeigen zudem, dass sie zwar eine sehr hohe Spendenbeteiligung (über 80% von ihnen spenden) zeigen, diese aber über die Jahre hinweg kontinuierlich gesunken ist, und zwar in allen Einkommensklassen und in allen Altersgruppen. Ein Trend, der sich leider auch für die gesamte deutsche Bevölkerung bestätigt, so zeigen es die gerade vom Spendenrat veröffentlichten Zahlen. Fakt ist: Immer weniger Menschen spenden – und dies gilt auch für die Top-Verdienenden. Hinzu kommt, dass die Spenden hier mehrheitlich von den über 65-Jährigen geleistet werden, während die nachrückenden Altersgruppen, und zwar vor allem auch die geburtenstarken Jahrgänge, deutlich unterproportional zu ihren Einkommen spenden.
Ein weiterer nachdenklich stimmender Punkt ist: auch wenn die Top Verdienenden derzeit einen absolut gesehen enorm großen Anteil am gesamten Spendenvolumen tragen – sie leisten fast 18%, des Spendenvolumens, obwohl sie nur knapp 1% der Spendenden darstellen – geben sie relativ zu ihrer Leistungsfähigkeit nur recht wenig ab. Über den gesamten Beobachtungszeitraum (2012-2021) hinweg spenden die Top-Verdienenden relativ zu ihren verfügbaren Einkommen weniger als Personen in den untersten Einkommensklassen. Lediglich in den obersten Einkommensklassen ab ca. 1 Mio. Euro wird dieser Anteil der Spenden etwas größer. Mit jedem Prozent, das die Top-Verdienenden mehr von ihrem Einkommen abgäben, würden die finanziellen Ressourcen der Zivilgesellschaft um etwa 1 Mrd. Euro wachsen. Hier liegt ein enormer Hebel für die Finanzierung von gemeinnützigem Engagement in Multikrisenzeiten. Allerdings hat sich gerade in den Corona Krisenjahren (2020 und 2021) gezeigt, dass die Spendenaktivität bei den Top-Verdienenden eher stagnierte, während hier die unteren Einkommensklassen deutlich dynamischer spendeten.
Erklärungsansätze, die das Geben und Nicht-Geben von Vermögenden beeinflussen
Im Folgenden stellen wir vier Erklärungsansätze vor, die uns besonders relevant erscheinen. Wir fangen mit den subtilen, innerlichsten an und enden mit eher strukturell-institutionell verfassten.
1. Mit zunehmender Ungleichheit und Fragmentierung der Lebenswelten wächst auch die psychologische Entkoppelung und Taubheit gegenüber dem Leiden anderer.
Die oben anhand von Zahlen festgestellte Ungleichheit spiegelt sich auch in einer Reihe von sozialen Entwicklungen wider: Die Lebenswelten von Menschen mit unterschiedlichen Vermögen entwickeln sich immer weiter auseinander.
Im Bildungsbereich nahm z.B. die Anzahl von Privatschulen in den letzten Jahrzehnten stark zu und erhöhte sich sogar dann noch weiter, als die Gesamtzahl aller Schulen aufgrund der drastisch gesunkenen Geburtenzahlen Ende der 90er Jahre verringert wurde. So sank von 2000 bis 2020 die Zahl der Schulen um 21 Prozent, die Anzahl der Privatschulen stieg jedoch in demselben Zeitraum um 44 Prozent (Destatis, 20/21). Dieser Trend zeigt sich auch bei den Hochschulen. Im Jahr 2022 waren mehr als 12 Prozent aller Studierenden an private Hochschulen eingeschrieben (DGB, 2025).
Zugleich wohnen Reiche und weniger Reiche immer mehr in getrennten Stadtvierteln. Der sogenannte Segregationsindex zeigt, wie stark diese Aufspaltung ist: Er misst, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe – etwa armutsbetroffene Haushalte – umziehen müssten, damit sie gleichmäßig über die Stadt verteilt wären. In einigen deutschen Städten liegt dieser Wert inzwischen bei fast 40 Prozent. Besonders in ostdeutschen Städten, Teilen Norddeutschlands und im Ruhrgebiet nimmt die Trennung nach Einkommen, aber auch nach Alter und Bildung deutlich zu. Wo die Ungleichheit bereits hoch ist, verstärkt sich die soziale Spaltung noch einmal spürbar (WZB 2023, 2018).
Im gleichen Zeitraum fiel auch 2011, mit der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, die Bundeswehr und der Zivildienst als soziale Meltingpots weg. Weniger junge Männer teilen seitdem gemeinsame Erfahrungen mit Gleichaltrigen aus unterschiedlichsten sozialen und wirtschaftlichen Schichten. Betrachten wir alleine den Zivildienst, dann machten 2010 noch 78.387 Personen diese soziale Erfahrung, während diese Zahl 2011, im Gründungsjahr des Bundesfreiwilligendienstes, auf 26.240 fiel (Wikipedia). Auch die sinkende Anzahl von Sportvereinen und der Rückzug aus den Kirchengemeinschaften sorgen für weniger sozial durchmischte Begegnungsräume.
Hinzu kommt, dass immer mehr wohlhabende Menschen transnationale Lebensstile führen, die nicht an einen Ort und an eine Gemeinschaft gebunden sind. Sie haben oft mehrere Wohnsitze und sind Teil einer globalen, flexiblen und nomadischen Expat-Community. Dies kann zu einer Entkoppelung von der lokalen Ebene, den realen Bedürfnissen der Menschen vor Ort und einem geringeren Verantwortungsgefühl für deren soziale Nöte führen (Thomas Hylland Eriksen 2016).
Welche Einflüssen haben diese Entwicklungen auf pro-soziales Verhalten?
Aus der psychologische Forschung, z.B. aus den Arbeiten von Paul Piff und Kollegen (2010) wissen wir, dass wirtschaftliche Sicherheit und soziale Isolation pro-soziales Verhalten verringern. Experimente zeigen: Je wirtschaftlich abgesicherter Menschen sind und je weniger sie im Alltag auf kollektive Strukturen angewiesen sind, desto eher entsteht das Gefühl, gut allein zurechtzukommen und weniger verwundbar zu sein. Der Blick richtet sich dann stärker auf das eigene Leben, während die emotionale Resonanz mit Menschen mit wesentlich weniger Ressourcen schrumpft.
Menschen mit weniger Geld und niedrigere sozialen Status zeigen dagegen mehr Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, weil sie selbst mehr auf Solidaritätsnetze angewiesen sind und den Wert von Solidarität aus erster Hand kennen. Gegenseitigkeit prägt ihr Miteinander: Man hilft sich, weil man weiß, wie es dem anderen geht – und weil man darauf vertraut, selbst Unterstützung zu bekommen, wenn man sie einmal braucht. Dieses Verhalten ist intuitiv empathisch, aber zugleich zukunftsorientiert und strategisch: Es stärkt das Gefühl von Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft wirkt herein in zivilgesellschaftliche Initiativen, Vereine oder Kirchengemeinschaften, innerhalb derer teilweise konfliktreiche Interessen und verschiedene Perspektiven ausgehandelt werden. Im Gegensatz dazu sehen Vermögende zivilgesellschaftliches Engagement oft eher durch die wirtschaftliche Brille der „Dienstleistung“. Allerdings kann sich dieses Verhalten durchaus ändern, wenn sie mit Leid konfrontiert werden oder gar selbst davon betroffen sind. Ein besonders prominentes Beispiel dafür ist Scout24-Gründer Joachim Schoss, der nach einem schweren Unfall selbst mit starken körperlichen Einschränkungen leben muss und sich seitdem für Menschen mit Behinderungen engagiert.
Kollektives Trauma reduziert unsere Fühlfähigkeit
Unsere eigenen Erfahrungen weisen in eine ähnliche Richtung. In den letzten Jahren hat sich insbesondere Joana viel mit den individuell emotionalen und kollektiv gesellschaftlichen Auswirkungen von kollektivem Trauma beschäftigt. Kollektives Trauma entsteht, wenn überwältigende Erfahrungen ganze Gruppen in ihrer Fühl- und Beziehungsfähigkeit einschränken. Wie Thomas Hübl (2020) beschreibt, spaltet sich im Trauma die Wahrnehmung in „Ich“ und „das Andere“: Um sich zu schützen, blenden Menschen Teile der Realität aus. Auf dieser verzerrten Grundlage bilden sich kollektive Normen, Institutionen und Lebensstile, die selbst von Trauma geprägt sind – und in die wir als Neugeborene hineinsozialisiert werden.
Trauma verhindert, dass wir andere Menschen vollständig in unserem Nervensystem „abbilden“ können. So entsteht Othering – jene unvollständige Wahrnehmung, die Charles Eisenstein als „Story of Separation“ beschreibt, im Gegensatz zu Thich Nhat Hanhs „Interbeing“, dem Verständnis radikaler Verbundenheit. In diese Abspaltung hineingeboren, reproduzieren wir sie: Was wir nicht fühlen können, erscheint uns als fremd. So entstehen Nischen, Blasen und Abwertungen – Symptome einer Welt, die ihre fragmentierten Wurzeln nicht erkennt.
Um die wahrnehmungspsychologischen und identitären Folgen von Privilegien und Unterdrückung besser zu verstehen, nahm Joana an einer mehrjährigen Forschungsgruppe teil, in der Menschen aus verschiedensten Ländern des globalen Nordens und Südens zusammenkamen, um ihre wechselseitigen Beziehungsdynamiken experimentell zu erforschen.
Die meisten Teilnehmer stammten aus Regionen mit massiven Gewalterfahrungen wie dem Holocaust und dem Kolonialismus. Eine ihrer zentralen Erkenntnisse war, dass Privilegien unweigerlich mit einem gewissen Grad an Isolation einher gehen. Um die eigenen Privilegien und die damit einhergehende Hierarchisierung und Unterdrückung untergeordneter Gruppen psychisch zu ertragen, müssen wir uns bis zu einem gewissen Grad taub machen. Diese Taubheit ist keine willentliche Entscheidung, sondern ein automatischer Schutzmechanismus des Körpers, um die eigene psychologische Sicherheit zu erhalten.
Dieses Muster fiel Joana erst bei anderen Teilnehmer*innen auf. Sie wunderte sich darüber, dass eine Reihe von sehr privilegierten Teilnehmer*innen aus Ländern wie Brasilien, Indien und Südafrika, unnatürlich starr und emotionslos auf die Leidensgeschichten ihrer stark marginalisierten Landsleute reagierten, die ebenfalls an dem Workshop teilnahmen. Im Verlauf der Arbeit bemerkte sie die gleiche Taubheit bei sich selbst. Sie nahm andere, weniger privilegierte Menschen zwar intellektuell wahr, hielt sie aber unbewusst emotional auf Distanz. Ihre eigene, privilegierte soziale Position – geboren in eine gebildete, materiell abgesicherte Familie adeliger Herkunft – begrenzte ihre Empathiefähigkeit und ließ bestimmte Lebensrealitäten nicht wirklich zu ihr durchdringen. Ihre Privilegien trugen wesentlich dazu bei, dass Joana sich im Leben sicher fühlte.
Zugleich konnte sie in sich nachvollziehen, dass Privilegien mit einer Art innerer Taubheit einher gehen. So konnte sie Armut und Rassismus emotional auf Abstand halten. Denn würde sie dieses Leid wirklich an sich heranlassen, müsste sie ihren Lebensstil, ihre Autonomie und sogar ihre Identität hinterfragen – und erkennen, dass ihre Privilegien (auch) auf der Benachteiligung anderer beruhen. Diese Einsicht war schmerzhaft. Zugleich reifte in den Teilnehmer*innen der Forschungsgruppe die Erkenntnis, dass sehr privilegierte Menschen auch ohne diese Auseinandersetzung einen Preis zahlen: Ihre/unsere Fühlfähigkeit ist eingeschränkt, und damit auch ihre/unsere Möglichkeit, das Leben vollständig zu erleben. In Joanas Erfahrung fällt es uns/ihnen schwer, echte, tiefe Beziehungen einzugehen, sich verletzbar zu zeigen oder andere um Hilfe zu bitten. Vermögende fühlen sich oft von ihren Mitmenschen getrennt.
2. Die zunehmende allgemeine Unsicherheit beeinflusst Vermögende ebenso (vielleicht sogar noch mehr) als andere Gesellschaftsgruppen. Denn wie Menschen ihre eigene finanzielle Sicherheit erleben, hat oft wenig mit den objektiven Verhältnissen zu tun.
Der Wegfall äußerer stabilisierender Faktoren – durch Pandemie, Krieg, Klimakrise, geopolitische Verwerfungen, KI-Umbrüche und dergleichen – verunsichert heute auch Vermögende, selbst wenn ihr Reichtum durch diese Entwicklungen zum Teil noch gewachsen ist. Der Blick von außen auf sie ist allerdings häufig stereotyp und voller Projektionen: „Deren Sorgen möchte ich haben…“. Dabei haben auch Vermögende ein komplexes Innenleben, geprägt von Ängsten und Unsicherheiten. Objektive Finanzlage und subjektives Empfinden klaffen oft weit auseinander – materieller Wohlstand garantiert kein Gefühl finanzieller Sicherheit. Viele Superreiche haben heute mehr Zukunftsangst als je zuvor und halten ihr Geld zurück für Szenarien wie Klimarisiken, geopolitische Instabilität oder Wirtschaftskrisen.
Diese Diskrepanz zwischen dem eigenen Vermögen und der subjektiv gefühlten materiellen Sicherheit kam sehr deutlich in einer Übung zutage, bei der eine Gruppe ihre Beziehung zu finanzieller Sicherheit im Raum aufstellten. Die Teilnehmer*innen waren Teil von brafe.space, einer in Deutschland aktiven, sehr diversen Gemeinschaft von Investor*innen und Gründer*innen, die neue Formen von Unternehmertum, Verantwortung und Miteinander erforschen und ausprobieren. An der Aufstellung nahmen Menschen teil, die finanziell sehr unterschiedlich aufgestellt waren – von prekär bis sehr reich. Sie stellten sich entlang einer Achse im Raum auf, wobei der eine Pol für „ich fühle mich finanziell sehr gut abgesichert“ stand und der andere für „ich fühle mich finanziell sehr unsicher“. Auffällig und überraschend war, dass reale Vermögensverhältnisse oft nicht mit dem subjektiven Gefühl korrespondierten. Eine Person mit wenig Geld stand am Pol der Sicherheit, während sehr Wohlhabende sich eher unsicher fühlten.
Anschließend erklären alle ihren Platz und es zeigt sich, wie unterschiedlich Wohlstand und Sicherheit korrelieren:
Diese Vielfalt zeigt: objektive Lage und subjektives Empfinden stimmen oft nicht überein. Häufig lassen sich diese Gefühle auf frühe Prägungen zurückführen – wirtschaftliche Einbrüche, elterliche Sorgen oder entspannte Familienverhältnisse –, deren Spuren bis heute wirken, meist ohne dass wir es wissen. So hatte einer der Teilnehmer in seiner Kindheit die Insolvenz des Familienbetriebs erlebt und war in seinem Sicherheitsgefühl bis heute von den damit einhergehenden kontinuierlichen Streits und Sorgen der Eltern beeinflusst.
Die gegenwärtige sehr unsichere Weltlage verstärkt dieses Gefühl existentieller Unsicherheit auch bei sehr wohlhabenden Menschen. Ein sehr wohlhabender Freund berichtete uns, als wir ihm von diesem Artikel erzählten, dass in seinem Umfeld selbst Milliardäre starke Verlustängste haben und überzeugt sind, ihr Vermögen eines Tages „wirklich zu brauchen“. Dort kursieren Geschichten, die zunächst wie urbane Legenden wirken, aber mit großer Überzeugung erzählt werden – etwa die eines Familienmitglieds, das angeblich in einem armen südasiatischen Land über illegale Kanäle ein Spenderherz erhalten habe. Die geschilderten Kosten für die Identifikation eines „Spenders“, die beteiligte Logistik und ein ganzes medizinisches Umfeld seien immens.
Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, spielt hier weniger eine Rolle. Sie zeigt, welche Erzählungen in extrem wohlhabenden Kreisen zirkulieren: dass Geld Leben retten könne und die Welt so unsicher sei, dass man sein gesamtes Vermögen möglicherweise eines Tages benötigen könnte. Diese Narrative dienen zugleich als Legitimation des eigenen Reichtums.
Die Existenzängste sehr reicher Menschen könnten auch dazu beigetragen haben, dass die Spendenbereitschaft der Top-Verdienenden während der Corona-Pandemie zurückging. Vermögenspsychologisch ist das nicht ungewöhnlich: Reichtum erzeugt paradoxerweise häufig Angst vor Verlust. In einem Gespräch hörten wir dazu kürzlich den Satz: „Wer viel hat, kann auch viel verlieren.“ Diese Angst kann sich in Sorge vor Statusabstieg oder Erpressbarkeit ausdrücken. Hinzu kommt, dass selbst bei rationaler, nicht von Ängsten geleiteter Überlegung gerade in Krisenzeiten höhere Riskiomargen bei den Budgetüberlegungen berücksichtigt werden. Im Extremfall führt das dazu, dass erst am Ende des Lebens, wenn absehbar ist, was noch benötigt wird, eine größere Spende oder dann auch Erbschaft an eine NGO getätigt wird.
Mit wachsender allgemeiner Unsicherheit steigt auch bei Vermögenden das Bedürfnis nach Stabilität, Vorhersehbarkeit und Kontrolle. Felix Oldenburg schreibt, dass viele Vermögende in Deutschland Unternehmerinnen oder Unternehmer sind, die privat extrem risikoavers agieren. Gemeinwohlprojekte wirken auf sie schnell „chaotisch“, politisch oder unberechenbar. Hinzu kommt die Angst, das „falsche“ Projekt zu unterstützen oder öffentlich Fehler zu machen. Spenden erscheint dann weniger als wirksamer Hebel – und mehr als Image-Risiko.
3. In Zeiten multipler Krisen schwindet das Vertrauen von Vermögende in bestehende Institutionen. Manche meinen, gerade als Unternehmerinnen, bessere Antworten für die Zukunft zu entwickeln als Politik oder Zivilgesellschaft. Dementsprechend vergeben sie ihre Ressourcen oder halten sie zurück.
Sozialwissenschaftliche und journalistische Arbeiten zur High-Net-Worth-Philanthropie (Oldenburg 2025, Ostrower 1998, Giridharadas 2018) zeigen wiederkehrende Motive, die weitere Erklärungen dafür liefern, warum heute immer weniger Vermögende zivilgesellschaftliche Organisationen unterstützen. Ein zentraler Befund betrifft das geringe Vertrauen vieler Wohlhabender in bestehende Institutionen. Viele Vermögende schreiben staatlichen Stellen mangelnde Effizienz und Professionalität zu und halten traditionellen Wohlfahrtsorganisationen Bürokratie, Langsamkeit und Innovationsfeindlichkeit vor. Hinzu kommt ein kultureller Wandel innerhalb deutscher Eliten: Ein unternehmerisches Selbstbild dominiert, das eigene Vermögen wird als „selbst erarbeitet“ verstanden, und das Gemeinwohl gilt zunehmend als Aufgabe des Staates – nicht als private Verantwortung. Viele betrachten ihr Unternehmertum selbst bereits als größten Beitrag zum Gemeinwohl. Laut Grundgesetz ist der Staat hierzulande für die Daseinsfürsorge und Gemeinwohl zuständig und erfüllt trotz immer größer werdender steuer- und abgabenfinanzierter Sozialbudgets diese Aufgaben nur sehr unzureichend. Hier kommen viele NGO zum Zuge, die quasi für den Staat die Versorgungslücke schließen müssen. Das wiederum verärgert manche Top-Verdienenden, da sie gemäß ihrer Ratio hier – obwohl sie ja bereits hohe Sozialabgaben und Steuern gezahlt haben – die Unfähigkeit der staatlichen Institutionen zusätzlich subventionieren und dadurch Fehlanreize schaffen, das System nicht effektiver und effizient zu gestalten.
Parallel dazu hat sich in den letzten Jahrzehnten der Diskurs verfestigt, dass auch der soziale Sektor ineffizient sei und es bessere, marktförmige Lösungen brauche. Viele erfolgreiche Unternehmer*innen glauben, dass die privatwirtschaftliche Logik, die sie reich gemacht hat, auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragbar sei. Dieses geringe Vertrauen in die Fachlogiken anderer Sektoren geht oft mit einem starken Bedürfnis nach Kontrolle einher: Wenn man überzeugt ist, selbst effizienter zu sein als NGOs oder der Staat, möchte man entsprechend mitbestimmen, wie Projekte gestaltet werden.
Tatsächlich hat der soziale Sektor zwei Jahrzehnte lang eine deutliche Ökonomisierung erlebt: Der „Philanthrocapitalism“ blühte, Manager*innen wurden zunehmend in Beiräte und Aufsichtsgremien berufen, und im Social Entrepreneurship entstand die Idee, gesellschaftliche Probleme über skalierbare Geschäftsmodelle zu lösen. Mit dieser Entwicklung gingen nicht selten ein Überlegenheitsgefühl, Anspruchsdenken und paternalistische Haltungen einher – im Sinne von: „Ich habe ein Millionenunternehmen aufgebaut, jetzt zeige ich denen, wie man Bildung oder Armutserfahrungen ‚hackt‘.“ Auf der strukturellen Ebene hat die wirtschaftliche Logik zudem zu einem Boom von Reportingpflichten, Wirkungsanalysen und Kennzahlensteuerung geführt, die oft weniger dem tatsächlichen Bedarf sozialer Organisationen entsprechen als den Erwartungen der finanzstarken Eliten.
Viele dieser Manager*innen mussten jedoch feststellen, dass ihre Methoden nicht zur Realität sozialer Arbeit passen: Antworten auf Armut, Ausgrenzung oder Diskriminierung lassen sich nicht wie digitale Plattformen skalieren. Die Arbeit ist konfliktreich, langsam, lokal und oft unvorhersehbar. Das irritiert Menschen aus einer Managementkultur, die Distanz, Steuerbarkeit und klare Kennzahlen gewohnt sind.
Wenn philanthropische Interventionen nicht die erwartete Wirkung zeigen oder die Zielgruppen nicht dankbar reagieren, kommt es häufig zu Enttäuschung. Manche ziehen sich verletzt zurück und bestärken in ihren Kreisen Narrative über „unfähige NGOs“ oder „undankbare Empfängerinnen und Empfänger“. Verstärkend hinzu kommt, dass manche zivilgesellschaftliche Gruppen in den letzten Jahren konfrontative Shame-&-Blame-Taktiken eingesetzt haben, um auf Missstände aufmerksam zu machen – prominent etwa die Letzte Generation. Solche öffentlichkeitswirksamen Strategien können das Gefühl verstärken, moralisch angegriffen oder pauschal verurteilt zu werden, was bei manchen Wohlhabenden zu zusätzlicher Distanzierung führt.
Zu diesen Enttäuschungen gesellt sich in den letzten Jahren noch der Kulturkampf. Viele NGOs werfen mit ihrer Arbeit politische Fragen nach Ungleichheit,Teilhabe, Diskriminierung und Unterdrückung auf. Sie verfolgen strukturelle Antworten auf die immer größer werdende Ungleichheit, wie eine Reform der Erbschaftssteuer. Diese Themen konfrontieren Vermögende mit ihren eigenen Privilegien und führen zu Widerstand. Wie weit das Misstrauen gegen NGOs gekommen ist, zeigten die Kleine Anfrage der CDU/CSU im Februar 2025, einen Tag nach der Bundestagswahl. Die dort gestellten 551 Fragen zur politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen weckten das diffuse Misstrauen einer großen Bevölkerungsgruppe gegen zivilgesellschaftliche Arbeit. Es entstand der Eindruck, dass insbesondere politisch links-orientierte Gruppen finanziert werden würden (dabei sind eine der größten Empfänger konservative Gruppen wie der Bund der Vertriebenen) und davon wollten sich gerade auch zahlreiche Vermögende distanzieren.
Ein weiterer Grund für die sinkende Spendenbereitschaft ist die Orientierung an prestigeträchtigen Projekten. Forschung zeigt, dass viele Eliten Philanthropie auch als Bühne nutzen, um sich sichtbar einzubringen und Netzwerke zu pflegen (z.B. Harbaugh 1997, Giridharadas 2018). Gefördert werden dann kulturelle Leuchttürme, große Institutionen oder modische NGOs, die auf Charity-Galas präsent sind. Die alltägliche, unspektakuläre Infrastrukturarbeit der meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen – etwa in Nachbarschaftshäusern, Beratungsstellen oder Selbsthilfeinitiativen – bleibt dagegen im Schatten und wird strukturell unterfinanziert. Der Gipfel der Reputation und Kontrolle ist schließlich darin zu finden, dass immer mehr Wohlhabende eine eigene Stiftung gründen, mit der sie Projekte ihrer Wahl finanzieren und die Abläufe bestimmen können.
4. Vermögende sind oft umgeben von einem kompakten Konstrukt aus Traditionen, Denkweisen, Familienregularien, aber auch externen Akteuren wie Vermögensberatern, Bankiers, Steuerexperten, Juristen, Family Office Managern. Diese „Wealth Defense Industry“ verfolgt oft eher den Erhalt und die Vermehrung des betreuten Vermögens und ihre eigene Absicherung als eine großzügige Spendenkultur.
Ein weiterer, häufig unterschätzter Faktor, der zu der sinkenden Spendenbereitschaft beitragen könnte, betrifft die professionelle Infrastruktur, die große Vermögen strukturiert und schützt. Forschung wie die der Anthropologin Bridget Kustin und des Ownership Project der Universität Oxford zeigt, dass Ultra-High-Net-Worth-Vermögen in ein dichtes Geflecht spezialisierter Akteure eingebettet sind – Wealth Manager, Steuerjurist*innen, Estate Planner, Corporate Service Provider und zunehmend komplexe Family Offices. Diese Akteure bilden zusammen eine seit den 1980er Jahren stark wachsende internationale Branche, die in der kritischen Forschung als „Wealth Defense Industry“ bezeichnet wird. Ihr Ziel ist es, Vermögen über Generationen hinweg zu erhalten, steuerlich zu optimieren und gegenüber staatlichen oder gesellschaftlichen Zugriffen abzusichern.
Kustin zeigt, dass diese Industrie nicht nur finanzielle Strukturen schafft, sondern auch eine spezifische kulturelle Logik stabilisiert: Loyalität zum Klienten, maximale Diskretion, Risikovermeidung und die Vorstellung, dass Vermögen „verteidigt“ werden müsse. Dieser professionelle Rahmen verstärkt das Gefühl einer potenziell bedrohten Außenwelt und damit eine Haltung der Abschirmung, die großzügiges Geben eher erschwert. Technische Praktiken wie Steuerminimierung reduzieren die verfügbare Liquidität („wir haben gar nicht so viel frei“), während Mandate und Governance-Regeln Kapitalerhalt priorisieren und Philanthropie leicht als unprofessionell erscheinen lassen. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem Gemeinwohl zu einer abstrakten Idee wird – fern vom relationalen Feld zivilgesellschaftlicher Arbeit – und in dem Vermögen stärker als Verantwortung zur Bewahrung denn als Ressource zum Teilen verstanden wird.
Felix Oldenburg hat für diese kulturellen Faktoren, insbesondere bei vererbtem Vermögen (also 80 Prozent der Vermögen in Deutschland), das Bild des „gefesselten Wohstands“ geprägt. Im gleichnamigen Buch (2025) beschreibt er das Phänomen der Entkopplung vieler Vermögensnachfolger*innen von ihrem Geld: In den meisten Unternehmerfamilien gibt es das Narrativ, das Geld gehöre eigentlich den nächsten Generationen. Dadurch spüren viele aktuelle Vermögenseigentümer*innen keine Eigentümerschaft, die es ihnen erlaubt, das Geld wegzugeben. Tatsächlich können sie das oft sogar rechtlich nicht, weil sie sich durch Schenkungsverträge zu Lebzeiten oft vertraglich verpflichtet haben, ihr Geld weiterhin in den Familienvehikeln durch die Vermögensverwalter der Familie anzulegen. So entsteht regelmäßig die psychologisch sehr belastende Situation, von außen für reich gehalten zu werden, aber tatsächlich kaum über Vermögen verfügen zu können.
Zusätzliche Hürden für philanthropisches Engagement und weitere Forschungsfragen
In der Literatur und auch in unserem Umfeld werden zudem weitere Gründe genannt, auf die wir hier nur kurz hinweisen. Olga Shirobokova (Ashoka Österreich, Visionary Program) spricht von den 5 D's, fünf Disconnects, also Formen der Trennung oder Distanz, die das philanthropische Handeln Vermögender hemmen: 1. eine Distanz zum Begriff „Philanthropie“, 2. zu den konkreten gesellschaftlichen Herausforderungen, 3. zu historischen Vorbildern des Gebens, 5. zu inspirierenden Peers und 5. schließlich zu jenen Lösungen, die Energie und Zuversicht geben könnten.
Felix Oldenburg ergänzt für den deutschen Kontext eine Reihe zusätzlicher struktureller Hindernisse: eine fehlende Kultur des sichtbaren Gebens, die Angst vor öffentlicher Kritik, eine unübersichtliche und oft veraltete Förderinfrastruktur, die wenig zeitgemäße digitale Werkzeuge bietet, sowie steuerliche Fehlanreize, die Kapitalerhalt belohnen und eine Art „Parkhaus-Philanthropie“ begünstigen. Hinzu kommen fragmentierte Vermögensstrukturen, die rechtlich kompliziert oder illiquide sind, sowie das Fehlen einer ausgeprägten „Gebe-Identität“ und überzeugender Vorbilder. Bei jüngeren Vermögenden spielt zudem die Angst vor der eigenen Inkompetenz eine Rolle: die Unsicherheit, welche Themen relevant sind, welche Formen des Engagements passen könnten und wie Wirkung überhaupt beurteilt wird. Sein Fazit: Deutschland fehlt eine moderne, offene und wirkungsorientierte Kultur des Gebens – und eine zeitgemäße Infrastruktur, die es Wohlhabenden leicht macht, mutig, sichtbar und wirksam zu handeln.
Diese Perspektiven zeigen, dass es nicht nur individuelle Haltungen oder professionelle Strukturen sind, die Geben erschweren, sondern ein ganzes Feld aus kulturellen, technischen und institutionellen Faktoren. Gleichzeitig deuten sie auf mögliche neue Wege hin: Räume, in denen Vermögende angstfrei lernen und experimentieren können; zeitgemäße digitale Tools, die Transparenz schaffen und Vertrauen stärken; Erzählungen, die Großzügigkeit sichtbar machen; und Gemeinschaften, die inspirieren statt beschämen. All dies verweist auf ein entstehendes Ökosystem, in dem ein anderes Verständnis von Vermögen und Verantwortung möglich wird – und in dem Großzügigkeit als soziale Praxis, nicht als Risiko erscheint.
Einige zusätzliche Fragen erscheinen uns für die weitere Erforschung des Themas relevant. Dazu gehört etwa die Frage, ob der Trend zum Impact Investing ein Crowding Out klassischer Spendenpraktiken bewirkt hat – also ob neue, unternehmerische und renditeorientierte Formen des gesellschaftlichen Engagements ältere, gemeinnützige Organisationsmodelle verdrängen, Ressourcen umlenken oder Erwartungen an Wirksamkeit und Kontrolle verändern.
Interessant ist auch, ob und wie sich das Spendenverhalten von „altem“ und „neuem“ Geld unterscheidet. Während lang bestehende Vermögen häufiger bereits mit Stiftungen oder Familientraditionen des Gebens verbunden sind, fehlt neuen Vermögenden dieser Zugang oft – was die Frage aufwirft, wie potenzielle Spendende überhaupt erst „geweckt“ und sinnvoll angesprochen werden können. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der rund 600.000 Nonprofits in Deutschland mit weniger als 20.000 Euro Jahresbudget arbeiten, sodass größere Spenden kaum einfach zu platzieren sind. Das deutet auf die Notwendigkeit modernerer Angebote und Anreizsysteme hin, wie sie beispielsweise bcause anbietet (Hinweis: Joana ist in bcause investiert). Möglicherweise spielt auch die Herkunft des Vermögens eine Rolle: Geerbtes Vermögen kann andere Impulse auslösen als selbst erarbeitetes – zwischen Bewahren, Weitergeben oder Großzügigkeit –, während erarbeitete Vermögen oft unternehmerischen Logiken folgen. Eine ältere DIW-Studie (2016) zeigt, dass große Vermögen in Deutschland überwiegend aus Erbschaften, Unternehmertum und Immobilien entstehen, was unterschiedliche Spenden- und Risikomuster nahelegt.
Neue Räume und Ansätze für Reflexion, Beratung und Begegnung
Zum Schluss lohnt sich ein Blick auf jene neuen Räume und Angebote, die das Potenzial haben, Fragmentierung zu verringern und gesellschaftlichen Zusammenhalt auch über eine veränderte Spendenkultur zu stärken. Der derzeitig historisch einmalige Great Wealth Transfer eröffnet ein Zeitfenster, in dem enorme Ressourcen neu ausgerichtet werden können. Laut unterschiedlicher Quellen werden dabei in den USA bis 2048 zwischen 84,4 Billionen USD an Vermögen übertragen. In Kanada sollen über 1 Billionen USD alleine im nächsten Jahr, 2026, von Baby-Boomern an ihre Kinder übertragen werden. In Deutschland, wo die Zahlenlage deutlich intransparenter ist, wird im Zeitraum 2015 bis -2024 von rund 3,1 Billionen Euro an vererbtem Vermögen ausgegangen.
Zeitgleich entstehen weltweit Formate, die Vermögenden einen anderen Zugang zu Verantwortung ermöglichen. The Hour Before Dawn etwa bietet geschützte Reflexionsräume, in denen vermögende Deutsche, deren Familien ihr Geld in der Nazizeit erwirtschaftet haben, ihre Beziehung zu Macht, Privilegien und gesellschaftlicher Wirkung jenseits von Schuldzuweisungen erkunden können. Das kanadische Wealth Shift Studio verbindet Bildung, Beratung und gemeinschaftliches Lernen, um Vermögen bewusster und wirksamer einzusetzen.
Neue Berater*innen wie Iris Brilliant in den USA, aber auch die Teams rund um bcause und Das neue Geben oder die Plattform Effektiv Spenden verfolgen nicht der defensiven Logik der Wealth Defense Industry, sondern fördern ein empathisches, gesellschaftlich orientiertes Verständnis von Vermögen. Gemeinsam schaffen sie Räume, die Mut, Orientierung und Großzügigkeit stärken – und damit den Grundstein für eine moderne Kultur des Gebens legen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt neu beleben kann.
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Quellen: