Ein Rückblick auf das Programm L'Echelle Germany
✦ FONDATION CHANEL x BETTERPLACE LAB ✦
Von betterplace lab | August 2023 - Februar 2026
Das Jahr 2026: Zivilgesellschaftliche Organisationen stemmen sich tagtäglich gegen Ungleichheit, Gewalt und politischen Gegenwind – mit engen Budgets, befristeten Förderverträgen und Teams, die an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Gleichzeitig sind feministische Themen immer noch Reizwörter in der Gesellschaft, nicht nur in den Augen derer, die das Bundesprogramm "Demokratie leben" gerade massiv abbauen wollen, sondern auch für manche Stiftungen, die ihr Kapital lieber in prestigeträchtigere Themen investieren. So lässt sich ein System beschreiben, das dringend anders funktionieren muss. Das ist Deutschland 2026.
Die Ausgangslage: Schön auf dem Papier, brutal in der Realität
Deutschland liegt im Gender Pay Gap im traurigen EU-Spitzenfeld –18 Prozent weniger verdienen Frauen* im Durchschnitt. Die Istanbul-Konvention hat Deutschland zwar ratifiziert, aber lückenhaft umgesetzt. Häusliche Gewalt befindet sich in Deutschland auf hohem Niveau, mit 700 Gewalttaten an Frauen* täglich, davon statistisch ein Femizid alle drei Tage. Und die Organisationen, die diese Lücken füllen? Unterfinanziert, überarbeitet und nahezu unsichtbar.
Dieses Phänomen hat einen Namen: 'Starvation Cycle' – der Aushungerungskreislauf. Klingt dramatisch und ist es auch. Gemeinnützige Organisationen bekommen Fördergelder fast ausschließlich für konkrete Projekte, vor allem von Ministerien, aber auch von vielen unternehmensnahen Stiftungen. Budgets für Strategie, Teamaufbau, Kommunikation, Lobbying oder einfach mal eine ordentliche Buchhaltungssoftware, sogenannte Overhead-Kosten sind da oft Fehlanzeige. Das Ergebnis: Wer zu wenig Geld hat, um sich zu professionalisieren, bleibt klein. Wer klein bleibt, bekommt weniger Aufmerksamkeit. Wer weniger Aufmerksamkeit bekommt, bekommt noch weniger Geld. Und so weiter.
Dazu kommt der politische Gegenwind: Haushaltssperren, eine Kleine Anfrage der CDU, die gemeinnützige Organisationen unter Generalverdacht stellt, feministischer Backlash, Einschüchterungen und Bedrohungen durch antidemokratische Kräfte, nicht nur in ostdeutschen Bundesländern. Die feministische Zivilgesellschaft ist nicht nur unterfinanziert – sie steht unter Beschuss. Dieser Kontext ist keine Hintergrundfolie. Er ist der Grund, warum Programme wie L'Echelle Germany jetzt und weiterhin gebraucht werden.
Das Programm L'Echelle Germany der Fondation Chanel ist ein Versuch, genau das zu ändern. 32 Monate, zehn Organisationen, eine klarer Auftrag: Finanzierung für die Konsolidierung und strukturelle Konsolidierung ihrer Organisationen, gepaart mit nachhaltiger Stärkung durch das Rahmenprogramm des betterplace labs.
Damit hat sich das Programm L’Echelle Germany für einen anderen Ansatz entschieden. Keine reinen Projektgelder. Stattdessen: echte organisationale Entwicklung und Konsolidierung, kombiniert mit solider finanzieller Unterstützung – und das über gut zweieinhalb Jahre. Das ist im deutschen Förderdschungel bisher eher ungewöhnlich.
Was wir getan haben – und was wirklich dahintersteckt
Das betterplace lab hatte die Aufgabe, das Begleitprogramm aufzubauen und durchzuführen: Mapping und Auswahl, Empowerment durch Kompetenzstärkung, Vernetzung und Kollaboration und Wirkungssteigerung durch ein maßgeschneidertes Mentoring. Der Kern unserer Vorgehensweise: zuhören, was wirklich gebraucht wird.
Überblick verschaffen: Mapping und Auswahl
Wer gehört eigentlich in Deutschland zur feministischen Zivilgesellschaft? Wer setzt sich für die Rechte von Frauen* und Mädchen ein und hilft bei Gewalt, Ausgrenzung, Diskriminierung oder dem Verarbeiten von Traumata durch Flucht und Missbrauch? In einem Mapping konnten wir 152 Organisationen und Verbände identifizieren, die sich für FLINTA*-Rechte, Geschlechtergerechtigkeit, Gewaltprävention und die Stärkung marginalisierter Stimmen einsetzen. Da es wenig Daten oder andere Mappings gibt, auf denen wir aufbauen konnten, bestand kein Anspruch auf Vollständigkeit. Aber ein erster Schritt, systematisch feministische (Basis-)Arbeit zu erfassen und sichtbar zu machen, war getan. Aus diesem Fundus wurde ein offener, bewusst niedrigschwellig gehaltener Bewerbungsaufruf gestartet. 126 Bewerbungen gingen daraufhin ein. In einem mehrstufigen Auswahlprozess haben Vertreter*innen der Jury daraufhin zehn Organisationen für das Programm L’Echelle Germany ausgewählt. Kriterien waren unter anderem: gesellschaftliche Relevanz, Skalierungspotenzial, Innovationsgrad und Wirkungsorientierung. Dabei verstanden wir Skalierung bewusst als Konsolidierung und gesundes Wachsen, um Wirkung zu erhöhen.
Die zehn ausgewählten Organisationen können unterschiedlicher kaum sein – und genau das war gewollt. Von der Beratungsstelle für von Gewalt betroffene Frauen* und Mädchen im ländlichen Hessen bis zur FLINTA*-Organisation in Hamburg; von der strategischen Prozessführung und Rechtsberatung für geflüchtete Frauen* bis zur Initiative für reproduktive Rechte – diese Organisationen wurden im Programm gefördert:
Bedarfsanalyse: Die Baustellen kennenlernen
Gemeinsam mit den Organisationen ging es in die Tiefe. Nach dem Kick-Off und weit vor den ersten Workshops im Capacity Building Programm stand eine gründliche Bedarfsanalyse: Umfragen, Tiefeninterviews, Organisationsentwicklung nach der Integralen Landkarte in Kooperation mit IMU Augsburg. Das Ergebnis war eindeutig: Alle zehn Organisationen hatten massiven Bedarf beim strategischen Fundraising, um die Finanzierung ihrer Organisation zu sichern. In fast allen Organisationen haben die Gründerinnen oder Geschäftsführerinnen quasi nebenbei noch Mittel eingeworben, herbeigeschafft und mitfinanziert.
Capacity Building: Wissen, das wirklich gebraucht wird
Auf dieser Grundlage entstand ein maßgeschneidertes Workshop-Programm mit diversen Themen: umfängliche Fundraising-Strategie, EU-Förderung, KI im Fördermittelmanagement, digitale strategische Kommunikation, politisches Lobbying, Wirkungsanalyse, Vision und Zukunftsplanung. Die Themenbandbreite orientierte sich an den Bedarfen der Organisationen. Denn wir wollten kein „One-Size-Fits-all“ Workshopprogramm anbieten, sondern direkt an den identifizierten Bedarfen andocken. Dabei starteten wir die Reise mit unseren Wellbeing-Workshops, um eine genährte Grundlage zu schaffen, um Burn-Out-Anzeichen und Überlastung zu erkennen und um Strategien kennenzulernen,um – wenn auch nur punktuell – bewusst aus der Überforderungsspirale auszusteigen. Denn nur, wenn es uns gut genug geht, können wir Gutes tun.
Und doch zeigte das Begleitprogramm mit dem reichhaltigen Workshop-Angebot auch einmal mehr, wo strukturelle Engpässe liegen. Die ehrliche Bilanz: Wer ein Drei-Personen-Team hat und im Jahresendstress steckt, kann nicht zweitägige Schulungen besuchen – egal wie gut sie sind. Capacity Building funktioniert nur, wenn Organisationen auch die Kapazität haben, daran teilzunehmen. Diese Ironie ist real.
Mentoring: Die eigentliche Geheimwaffe
Was am besten wirkte: individuelles Mentoring. Jede Organisation bekam bis zu zehn persönliche Sessions – zugeschnitten auf ihre jeweilige Situation. So digitalisierte etwa der Frauennotruf Wetterau seine gesamte Büroverwaltung. Der Brennessel e.V. entwickelte eine vollständige Social-Media-Strategie. BIWOC Rising baute fundierte Expertise im EU-Fundraising auf. Der Intervention Lesbenverein Hamburg entwickelte seine Vereinsstrukturen bis hin zu den Gremien intersektional weiter. Jumen e.V. und Doctors for Choice konnten neben der Forschung, Projektarbeit und einer App-Entwicklung im Ehrenamt auch finanzierte Stellen schaffen. Mentoring ist 1:1-Arbeit und damit nicht skalierbar – aber es wirkt.
Das Netzwerken: Kollaboration „on top“?
Wie entstehen Synergien, Vertrauen und im besten Fall ein echtes Ökosystem? Die Vision: Zehn Organisationen, die sich gegenseitig kennen, vertrauen und idealerweise gemeinsam an etwas arbeiten. Ein Ökosystem feministischer Organisationen, das stärker ist als die Summe seiner Teile.
Die Realität: Digitale Austauschformate wurden von vielen als „noch ein Termin obendrauf“ wahrgenommen. Die Anwesenheit war unregelmäßig. Neben wichtigem Erfahrungsaustausch, sind keine konkreten Kollaborationsprojekte entstanden. Manche fanden die thematische Bandbreite der Kohorte zu groß, um eine gemeinsame Agenda zu entwickeln. Anderen fehlte schlicht die Zeit, um daran teilzuhaben – ein wiederkehrendes Problem.
Was gut funktioniert hat, waren dagegen die Veranstaltungen in Präsenz. Sobald die Organisationen sich persönlich begegnet sind, entstand etwas anderes: echtes Vertrauen, Gespräche am Rand, die Gemeinsamkeiten offenbarten, Austausch über ähnliche Herausforderungen, gegenseitige Ermutigung. Kleine Kollaborationsmomente – aber wichtig und nachhaltig verankert.
Funders Table: Wenn Philanthropie auf Realität trifft
Ein Höhepunkt des Programms war das Netzwerktreffen in Berlin, der „Funders Table“ im Juni 2025: Vertreter*innen privater Stiftungen trafen direkt auf die zehn Organisationen – in einem Moment politischer und finanzieller Krise für die Zivilgesellschaft, in dem der Wind besonders scharf wehte: Haushaltssperren, CDU-Anfrage, Neutralitätsgebotdebatte.
Feministische Organisationen brauchen Zugang zu Philanthropie – nicht als Almosen, sondern als strategische Partnerschaft. Der Funders Table war ein erster Schritt zum Vertrauensaufbau, ehrlichen Austausch, wo die Herausforderungen liegen, für neue Kontakte und sogar einige Förderzusagen, wenn auch eher im kurzfristigen und kleineren Umfang. Der Samen ist aber gesät. Es braucht aber viel mehr solcher Formate: in der Breite, systematisch und dauerhaft, um Beziehungen auf Augenhöhe aufzubauen und die Menschen und Geschichten hinter den Themen und Wirkungsansätzen zu verstehen, sie zu fördern und damit nicht zuletzt die Demokratie zu stärken.
Was wir gelernt haben – ungeschminkt
32 Monate Programm, zehn Organisationen, zahlreiche Workshops, Interviews, Check-ins, Treffen in Präsenz, Evaluationen und Abschlussbericht. Was bleibt?
Der Appell: Jetzt handeln für die Demokratie!
L'Echelle Germany war ein Pilotprogramm. Es braucht mehr davon. Die Ergebnisse sind ermutigend. Aber sie sind auch ein Weckruf. Was die feministische Zivilgesellschaft in Deutschland jetzt braucht, ist klar: Kernfinanzierung statt Projektförderung. Mehrjährige Zusagen statt Jahresverträge. Vertrauen statt Berichtspflichten, die mehr Zeit kosten als der Nutzen wert ist. Und: private Philanthropie, die endlich den Schritt macht und feministische Arbeit als das erkennt, was sie ist – eine Investition in die Grundlagen einer gerechten, demokratischen und damit resilienten Gesellschaft.