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von Kerstin Walter und Lukas Harlan
04. Aug. 2025
Ein Beitrag von Kerstin Walter und Lukas Harlan

Mehr als vier Monate sind vergangen, seit wir beim Hearth Summit Berlin zusammenkamen, um einen Raum für kollektives Lernen zu Fragmentierung und Verbundenheit zu eröffnen. Rund 150 Personen haben sich mit großer Offenheit, Mut und Präsenz eingebracht – dafür sind  wir sehr dankbar und möchten uns ebenso bei all denjenigen bedanken, die zum Gelingen dieser Veranstaltung beigetragen haben!

Mit diesem Rückblick wollen wir unsere Perspektive auf die gemeinsame Erfahrung sowie Stimmen der Facilitator*innen teilen. Die Videos dazu möchten wir Euch sehr ans Herz legen. Ihr findet sie unter diesem Link.

Unser Anliegen und die Herangehensweise

Der Summit war ein Experiment. Wir wollten erforschen, wie es möglich ist, Fragmentierung nicht nur zu analysieren und über sie zu reden, sondern ihr zu begegnen – in uns selbst, in Beziehung, im kollektiven Feld. Es ging uns dabei um folgende zwei Kernfragen: 

  1. Welchen Beitrag leisten wir selbst zur Fragmentierung, bzw. wie und warum erleben wir sie in uns selbst?
  2. Wie kann es uns gelingen, trotz unterschiedlicher Positionen zu Gesellschaft, Politik oder Umwelt in Verbindung zu bleiben?

Dieses Vorhaben war ambitioniert. Und es hat uns alle spürbar gefordert. 

Wir haben erlebt, wie schwer es auf unserem Summit war, mit offensichtlich unterschiedlichen Positionen zu zentralen gesellschaftlichen Themen miteinander in Verbindung zu bleiben. Wir haben erlebt, wie diese Unterschiedlichkeiten Räume für Begegnung und Verbindung verengen oder für manche sogar schließen können. Und wir haben auch erlebt, dass durch geteilte Erfahrung und Offenheit Räume und neue Möglichkeiten für Verbindung entstehen können.

Zur Programm- und Prozessgestaltung

Im Programm des Hearth Summits haben wir versucht, Symptome und Ursachen von Polarisierung zu unterscheiden und diese Unterscheidung erfahrbar zu machen (siehe Eisberg-Modell). Mit der Frage, was eigentlich persönliche Gründe für Fragmentierung zu bestimmten Themen sind und aus welcher Überzeugung und Empfindung diese stattfindet.

Flankiert wurde dieser Ansatz durch künstlerische Interventionen, die mit Musik und Poetik andere Zugänge und (innere) Bewegungen zum Thema des Summits ermöglichten, sowie vertiefende Workshopangebote, die sich mit Gesellschaftlicher UnterdrückungLoslassenkörperlicher Bezogenheit sowie Sprechen und Zuhören beschäftigt haben. 

Sicherheit und erwartbarer Rahmen 

Im Prozess des Hearth Summits haben wir versucht, allen Stimmen Raum zu geben. Gleichzeitig haben wir darauf geachtet, dass die Äußerungen sich im Rahmen bestimmter Werte bewegen. Dazu haben wir zu Beginn des Summits eine Werte-Vereinbarung, die Commitments, sichtbar gemacht und erläutert, die ihr noch einmal nachlesen könnt:  

Commitments für den Summit

Die Commitments beschreiben das WIE im Prozess. Allerdings war der Rahmen nicht transparent genug. Damit meinen wir den expliziten Hinweis vorab, dass wir jede auftauchende Perspektive und Wahrnehmung einladen möchten und es dadurch auch unangenehm und schmerzhaft werden kann, weil auch menschenverachtende oder gewaltvolle Weltansichten benannt werden könnten. Nicht gegen andere - das haben die Commitments nicht zugelassen - aber benannt als eigene Perspektive. Der Hearth Summit Berlin hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, den erwartbaren Rahmen schon vor dem Event sehr klar zu definieren. Dabei steht die Unterscheidung von sicherem Ort und Spannung zwischen Menschen im Zentrum. Einen sicheren Ort für alle gibt es nicht. Und auf die Möglichkeit, auf ganz andere Perspektiven zu stoßen und damit Spannungen zu erleben, hätte bewusst hingewiesen werden können. Da wir diese Unterscheidung aber zu Beginn nicht gemacht und dazu kein klares Einverständnis eingeholt haben, vermischten sich die Ebenen von Spannungen und einem vermeintlich sicheren Ort. Dadurch, dass die Unterscheidung fehlte, ist diese Vermischung im Prozess selbst aufgetaucht. Das hat ihn für manche sehr herausfordernd gemacht und bedrohlich sein lassen. Dafür übernehmen wir die Verantwortung. 

Durch die Erkennbarkeit von weit auseinander liegenden politischen Positionen und kurzzeitig aggressive Kommunikation (die vom Moderator*innen-Team eingehegt wurde), haben Teilnehmende Spannungen erlebt. In dem daraus entstandenen Gruppenprozess ist eine Trennung persönlicher Prozesse und des gemeinsamen Prozesses insgesamt erschwert worden, der Raum wurde zu belastend für einige Teilnehmende und sie haben sich entschieden, die Veranstaltung zu verlassen. Sie haben sich nicht mehr sicher gefühlt, da sie eine andere Erwartung zum Rahmen hatten, wofür wir vollstes Verständnis haben (die Teilnehmenden haben anschließend Unterstützungsangebote bekommen und wir haben den Tagungsbeitrag zurückerstattet). Gleichzeitig bedauern wir sehr, dass durch diese Unklarheit bei Ankündigung der Veranstaltung unsererseits keine Integration der aufgetauchten Spannungen im Rahmen der Veranstaltung stattfinden konnte und möchten uns für Verletzungen entschuldigen, die dadurch entstanden sind!

Einige unvollständige praktische Ableitungen aus unserer Erfahrung:

  1. Erwartbares explizit machen: In der Ankündigung einer Veranstaltung mit einem brisanten Thema wie Fragmentierung und einem hohen Anspruch an eine tiefe Auseinandersetzung damit ist es wichtig, Intention und Rahmen sehr deutlich zu machen, damit eine Entscheidung für oder gegen die Beteiligung an einem Prozess möglich ist.
  2. Benennen, wer (nicht) da ist: Indem benannt wird, welche Gesellschaftsgruppen präsent und repräsentiert bzw. nicht präsent und repräsentiert sind, entsteht ein Bewusstsein zur Zusammensetzung einer Gruppe.
  3. Methodische Abbildung von Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten: Durch Soziogramme, Aufstellungen oder persönlichen Austausch zum Beispiel zu Marginalisierung-Erfahrungen, können zu Beginn auf kognitiver, emotionaler und körperlicher Ebene Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar und fühlbar gemacht werden, wodurch erste unerwartete, aber spielerische Beziehungsmomente entstehen und gleichzeitig neue Verbindungen stattfinden.
  4. Ebenenwechsel und Selbstbezug: In dem Moment, in dem ein Prozess zu stagnieren droht, ist es hilfreich, auf die Wahrnehmungs- und Erfahrungsebene zu wechseln. Durch Übungen zur Regulation des Nervensystems und durch körperliche Reflexionsübungen von zum Beispiel Marginalisierungsmomenten aus eigener Erfahrung. So werden unterschiedliche Perspektiven geöffnet und es entsteht wieder mehr Anschlussfähigkeit gegenüber dem Fremden.
  5. Anordnung des Raums: Durch eine Unterteilung in kleinere Gruppen oder eine kreisförmige Anordnung des Raums kann eine Atmosphäre entstehen, in der sich Menschen mehr auf Augenhöhe begegnen. Das Sichtbarsein füreinander, das Teilen von Blicken und Gegenwart stärken das Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit.
  6. Verantwortung: Sie liegt nicht allein bei den Facilitator*innen. Wir alle sind gemeinsam gefragt, die Verantwortung für den Raum und für ein achtsames Miteinander zu tragen. Das bedeutet auch, sich einzubringen, Grenzen zu setzen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen – aber auch unbequeme Gespräche nicht zu scheuen. Kollektive Verantwortung braucht Räume zur Artikulation, Resonanz und Integration. Und ein echtes Zuhören – auch (und gerade) dann, wenn es unbequem wird. Dies funktioniert allerdings nur, wenn wir Erwartbares so weit es geht explizit machen (siehe Punkt 1).
  7. Stimmenvielfalt: Wir sollten uns dafür einsetzen, Stimmen zu stärken, die anderswo nicht gehört werden - und jede Gelegenheit dafür bewusst nutzen!
  8. Sicherheit: Wir können keine Sicherheit garantieren, wohl aber einen transparenten Rahmen setzen für Mut und Begegnung - und möglichst wenig Angst.
  9. Humor: Wir können Verbindung und Vertrauen schaffen über Freude, Lachen und Herzlichkeit.

Zum Abschluss
Dieser Summit war kein perfekter Raum. Aber er war reich und echt. Voller Risiko, Reibung, Erkenntnis. Durch Kunst, Begegnung, Mut und Gemeinschaft sind wir grundlegenden Dynamiken unseres Zusammenlebens begegnet. Mit all ihren Qualitäten und auch Herausforderungen. Der Summit hat uns gezeigt, dass das Aushalten von Unklarheit, Ambiguität und Unfertigkeit nicht nur herausfordernd, sondern auch notwendig ist für echte Transformation. 

Wir hoffen, dass die vielfältigen Erfahrungen, die ihr gemacht habt – sei es kraftvoll, irritierend, schmerzhaft oder verbindend – euch Impulse schenken, die euch auf eurem Weg weiter begleiten und bereichern. Und wir danken euch für das Vertrauen, Teil dieses offenen Prozesses gewesen zu sein.

Wir bleiben mit weiteren Fragen. Und mit der tiefen Überzeugung: Transformation beginnt da, wo wir bereit sind, gemeinsam hinzuschauen.

In Dankbarkeit,
Kerstin und Lukas  

An Invitation to a Brave Space

Together we will create brave space
Because there is no such thing as a “safe space”
We exist in the real world
We all carry scars and we have all caused wounds.
In this space
We seek to turn down the volume of the outside world.
We amplify voices that fight to be heard elsewhere,
We call each other to more truth and love
We have the right to start somewhere and continue to grow. We have the responsibility to examine what we think we know. We will not be perfect.
It will not always be what we wish it to be
But
It will be our brave space together,
And
We will work on it side by side.

Micky Scottbey Jones

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Die erste Folge in der Resilienz-Reihe