Splitter von der Ausstellung „Nervöse Systeme“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Was mich nervös macht?

Die Ausstellung „Nervöse Systeme“ im Haus der Kulturen der Welt hat mich tatsächlich nervös gemacht. In der Naturwissenschaft gelten Thesen solange, bis sie ein Experiment widerlegen kann. In diesem Ansatz ist die Kritik enthalten. Es geht darum, kausale Zusammenhänge herzustellen. Aber die Idee, man könne den zukünftigen Verlauf des Weltgeschehens immer besser vorhersagen, je mehr Daten man hat, fühlt sich für mich nicht gut an. Ich weiß nicht, ob alles wirklich nur Mathematik ist, ob es den Laplaceschen Dämon gibt. Unternehmen wie Google oder Palantir und staatliche Institutionen wie Geheimdienste tasten sich jedenfalls in dieses Richtung in der Überzeugung, dass Ungewissheit nur ein Mangel an Information ist.

Was mich nervös macht? Dass ich nicht verstehe, wie diese Unternehmen und Institutionen aus Daten Schlüsse ziehen und dass sie darüber nicht reden wollen. Dass Algorithmen, die Abweichungen von Normen (wer bestimmt, was die Norm ist?) in etwas so Komplexem wie dem Leben in einem Dorf in Afghanistan anzeigen, dazu führen, dass eine Hochzeitsgesellschaft weggebombt wird – in der Mathematik sah es aus wie ein konspiratives Treffen potentieller Terroristen.

Hans Ulrich Gumbrecht sagte neulich bei einem Vortrag: „Es hängt ein „Vorhang von Mathematik“ zwischen dem Menschen als Subjekt und den Objekten, der Umwelt, die er zu verstehen versucht.“ Aber ich bin kein Mathematiker. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Krake, die ohne Probleme den Verschluss eines Glases aufdrehen und mit einem Werkzeug das Futter rauspulen kann; deren Hirn aber nicht die Kapazität hat, die chemische Zusammensetzung von Glas zu verstehen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde wir jetzt erstmal den Weg der Mathematik gehen, aber niemand kann kann so recht die nicht absehbaren Konsequenzen einschätzen. Aber mit einem Gefühl kann man schlecht gegen Algorithmen anstinken, oder?

Dennis Buchmann

Überwachung crowdsourcen

2007 installierte der beschissen-konservative Netz-Aktivist Jon Healy fünf Webcams an der Grenze zu Mexiko. Die Webcams wurden noch schnell ans Internet angeschlossen und schon konnte jeder „besorgte Bürger“ – gegen eine Gebühr von fünf Dollar – die Grenze ganz gemütlich von Zuhause aus überwachen und Einwanderer ohne Papiere bei den Beamten der Border Patrol melden. Von nun an entschieden sie über Verhaftung oder Verbleib in den USA. Das gefiel den selbsternannten „Virtual Texas Deputies“ und das gefällt Jon Healy. Nachdem Gerüchte über syrische Terroristen, die via Mexiko in die Vereinigten Staaten eindringen sollen, aufkamen, ruft er aktuell bewaffnete Freiwillige zum Aufmarsch an die Grenze auf.

Da hatte ich wohl zu kurz gedacht. Das Problem der aktuellen Datenlage liegt nicht ausschließlich darin, dass nur einige wenige (Regierungen und vor allem Konzerne) Zugriff auf das geballte Wissen haben, das über uns alle angesammelt wird. Wie zu besten Stasi-Zeiten lassen sich auch heute noch Menschen instrumentalisieren und für eine zweifelhafte Ideologie vor den Karren spannen. Überwachung: Do it yourself.

Stephan Peters

Ein gerechter Tauschhandel?

Ich finde Google faszinierend. Mit dem Motto “Don’t be evil” ist der Konzern vor 18 Jahren gestartet, und jetzt, gerade mal volljährig, ganz oben auf der Liste der Big Player, Datenkrake, Machtzentrum… Also doch evil? Oder Weltverbesserer mit Kontaktlinsen für Diabetiker, Internet für die weißen Flecken auf der Landkarte und Erfinder des unfallfreien Straßenverkehrs mit autonomen Autos? Google nimmt Daten, macht sie zu Geld und gibt dafür etwas zurück. Ist das ein guter Tausch? Oder verkaufen wir uns für ein paar Gimmicks, die am Ende nur für die spielerische Verschwendung der Lebenszeit benutzt werden?

Nervöse Systeme zeigt mit “Fragments On Machines” einen Film von Emma Charles, in dem sie in Manhattan in fensterlose Gebäude eintaucht und endlose Gänge mit Kabeln und Severn zeigt. Menschenleer. Monoton und zuverlässig schnurren die Maschinen. Sie geht auch in die Keller und findet zwischen geborstenen Kabeln und Dreck nur einzelne Arbeiter, die noch kurz gebraucht werden, um den digitalen Organismus am Laufen zu halten. Aber wie lange noch? Wie weit ist es vom selbstfahrenden Auto zum Kontrollverlust, zu Skynet, Terminator, Weltuntergang.

Oder ist es egal, weil wir vorher sowieso den Verstand verlieren? Weil die Vernetzung allumfassend wird, aber die Verbindung zu uns irgendwo auf dem Weg verlorengeht. Werden wir verrückt?

Apropos Verbindung, wie war noch mal mein Passwort? Ich schaue in Aram Bartholls Büchern nach. Für seine Arbeit “Forgot Your Password” hat er 4,7 Millionen Passwörter in dicke weiße Bücher gedruckt. All diese Passwörter wurden bei LinkedIn entwendet. Mein Passwort ist nicht dabei. Ich bin nicht bei der Plattform angemeldet, aber was heißt das schon. Ich gebe im Internet viel von mir preis und die Zeit wird zeigen, ob der Tauschhandel fair war. Ein bisschen nervös bin ich schon.

Tim Meyer

Die Ausstellung „Nervöse Systeme“ läuft noch bis 9. Mai 2016 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.