Meet the Pioneers #1: Martin Sambauer von DIVERSUS

Abbildung: Martin Sambauer bei einem Design Workshop für DIVERSUS

Meet the Pioneers

In unserem neuen Format „Meet the Pioneers“ sprechen wir mit Menschen, die mit mutigem Blick und Engagement nach vorne schreiten, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Ihre Motivation und ihr Gestaltungswille gelten einer Zukunft, die menschlich, gerecht und nachhaltig ist.

Ob Gründerin einer innovativen Open Source Software, einflussreicher Autor oder digital-soziale Aktivistin – ihre Ideen und Projekte faszinieren uns. Das wollen wir mit euch teilen. Visionär*innen brauche Orte um gehört zu werden. Ein solcher Ort ist unsere „Meet the Pioneers“-Reihe.

 

Martin Sambauer / DIVERSUS

Martin Sambauer ist Civic-Tech-Enthusiast, Medienprofi und Gründer. Mit DIVERSUS hat er ein Open Source Projekt ins Leben gerufen, das die Wissensinfrastruktur von morgen bilden könnte. Die Idee: Ein Hyperlayer über dem normalen Web gibt Nutzer*innen die Möglichkeit Informationen und Inhalte jeder Herkunft miteinander in Beziehung zu setzen und zu kuratieren. So entsteht das „Full Picture“ einer Information, wie Sambauer sagt. Dieses sei die Grundlage, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und Lösungen für unsere globalen Probleme zu finden.

 

Yannick Lebert: Hallo Martin. Wir wollen heute über dich und DIVERSUS sprechen, das Projekt das du gegründet hast und woran schon lange arbeitest. Was ist denn DIVERSUS?

Martin Sambauer: DIVERSUS ist eine “kommunikative Infrastruktur”, mit der man einen besseren Zugriff auf Daten bekommt, die andere Menschen zur Verfügung stellen.  In dem Moment wo jemand bestimmte Informationen sucht, findet er sie schneller. Schneller finden ist immer in dem Moment wichtig, in dem Wissen gebraucht wird. Wissen wird eigentlich permanent gebraucht: Zu welchem Arzt soll ich gehen? Was ist der richtige Arbeitsplatz für mich? Auf welche Schule soll ich meine Kinder schicken?

Ich will wissen, was Gefahren birgt, was am besten für mich und meine Familie ist. Wissensbildung ist die maßgebliche Technik, die uns befähigt in unserer Gesellschaft zu überleben. Das Internet ist eine Wissensplattform, aber wir stellen fest, dass das Wissen nicht so leicht zugänglich ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Deswegen wollen wir ein neues Instrument entwickeln und anbieten.

 

DIVERSUS macht Wissen leichter zugänglich

 

Yannick Lebert: Inwiefern wird Wissen durch DIVERSUS leichter zugänglich?

Martin Sambauer: Wir sehen uns als künftigen Hyperlayer über dem jetzigen Internet. Unsere Daten werden immer in Relation zu anderen Daten von Nutzern ins System geholt. Es entsteht also ein Netz, wo alles zueinander in Relation steht. Das wird von den Nutzern aufgebaut, später vielleicht durch eine künstliche Intelligenz unterstützt.

Als zentrales Nutzungs- und Darstellungsparadigma entwickeln wir eine „Flower“, also Blume.  Der Blütenstempel der Blume repräsentiert eine Information, während die kreisförmig daran angelagerten Blüten wiederum andere Informationen sind, die in einer Beziehung zur Ausgangsinformation im Stempel stehen. Diese Blume verrät uns auf den ersten Blick etwas über die Reichhaltigkeit einer Information. Dabei interessiert uns nicht nur die innere Reichhaltigkeit der Information, sondern auch wie viel komplementäre Informationen angezogen werden.

An dieser Stelle reagieren wir auf ein gewisses Manko des derzeitigen Internet. Wenn du ein bestimmtes Thema recherchierst, ist es zurzeit schwer die damit zusammenhängenden Komplementärthemen zu finden. Wir werden von Google auf die mächtigste Echokammer des gesuchten Schlagwortes gelenkt. Wenn wir zum Beispiel bei Spiegel Online landen, landen wir in einer Echokammer, weil dort gleichgesinnte Redakteure ein Thema vielfach beleuchten. Ich werde also zweimal in eine bestimmte Richtung gedrückt: erst durch Google, das mich zur reichhaltigsten Echokammer lenkt und dann innerhalb der Echokammer zu einer bestimmten Betrachtung des Themas. Uns interessieren solche Information ebenfalls.

Abbildung: Verschiedene Informationstypen bilden eine “Flower”, ein Fact Checker wird gerade abgespielt.

Uns interessiert aber darüber hinaus auch alles, was an diese Information angelagert wird, also jede denkbare komplementäre Information. Jeder Widerspruch, jeder Fact-Check, vielleicht auch jeder Joke. Das ist in dem Moment wichtig, in dem du versuchst ein Feld zu erforschen, in dem du wirklich Wissen brauchst.

 

Dich interessiert nicht nur die eine Antwort, die du im Prinzip schon mit einer Suchanfrage in Google eingibst, sondern dich interessiert das gesamte Bild, das du gerade untersuchst, in seiner gesamten Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit.

 

„Full Picture“ statt insolierter Informationen

 

Yannick Lebert Kannst du das an einem Beispiel erläutern?

Martin Sambauer: Immer dann, wenn du dich nicht auf ein einzelnes Medium oder eine einzelne Information verlassen willst, weil dich das Thema tiefer interessiert oder weil die Antworten für dich wichtig sind, ist DIVERSUS das Richtige. Beispiel: Es gibt ein Volksbegehren zum Thema Artensterben und du willst dich entscheiden, ob du unterschreibst oder nicht. Dann suchst du das Thema in DIVERSUS und bekommst mehrere Informationen angeboten.

Die “Flower” um die jeweilige Information herum, verrät dir sofort, an welcher Information weitere Informationen hängen oder eben nicht. Die Farben sagen dir z.B. dass es sehr viel Widerspruch (rot) und gleichzeitig  sehr viel Support (grün) gibt – das könnte darauf hindeuten, dass die Ausgangsinformation kontrovers ist, das ist möglicherweise besonders interessant. Es sind aber gleichzeitig auch viele wissenschaftliche Beiträge da (blau) und sogar einige Witze (orange).

Du entscheidest dich vermutlich für die Info, die am meisten weiterführende Information magnetisch angezogen hat. Dann fängst du an diesen Blumenstrauß zu sichten. Innerhalb von kürzester Zeit findest du heraus, was die wichtigsten Anliegen des Volksbegehrens sind, was die Kritiker sagen und wo ungeklärte Fragen offen geblieben sind. Du bekommst das “Full Picture” und nicht nur eine einzelne Information. Je mehr das System akzeptiert wird, desto mehr Themenbereiche wird es abbilden. Recherchieren wird auf diese Weise schnell und kinderleicht, spielerisch.

 

Den Klimawandel durch beschleunigten Wissensaufbau vermeiden

 

Yannick Lebert: In einigen Wochen soll der Verein gegründet werden. In eurer Präambel steht, “die ökologische Bedrohung der Menschheit durch die Menschheit wächst stetig. Die Herausforderung besteht darin unsere Technologien, sozialen Systemen und Kulturen auf humane Weise weiterzuentwickeln, um in solchen Zeiten auf ebenso humane Weise zu bestehen”. Kannst du beschreiben, worin sich diese Bedrohungen konkret ausdrücken?

Martin Sambauer: Wenn ich mir die möglichen Szenarien ansehe, die in den nächsten Dekaden auf uns zukommen, ist der Klimawandel immer der dominante Faktor. Der Klimawandel hat möglicherweise die Folge, dass die Landwirtschaft nicht stabil betrieben werden kann. Der Ausfall von Landwirtschaft führt zu Unruhen und Migrationsdruck in anderen Regionen. Solche Szenarien wollen wir vermeiden und falls sie doch kommen, müssen wir soziale und technische Systeme finden, um sie zu bewältigen. All das hat mit Wissensaufbau zu tun. Der schnelle Wissensaufbau, der heute schon so wichtig ist, wird in Zukunft noch wichtiger. Er betrifft das Überleben der Spezies, wie aber auch das schöne und sichere Leben für jeden Einzelnen.

 

Gemeinsam die sinnvollsten Lösungen finden

 

Yannick Lebert: Wie bist du denn auf die Idee gekommen. Kannst du ein wenig deinen Werdegang skizzieren?

Martin Sambauer: Ich habe als Art Director für Fernsehsender und Werbung gearbeitet. Es ging dabei stets um Massenkommunikation. Da kann man kaum anders als begleitend eine ethische Strukturanalyse der Medien zu machen. Man kann dabei nicht übersehen, dass der Medien-Prozess ziemlich verzerrt ist. Das können wir uns aber heute, in Zeiten des Klimawandels, nicht mehr leisten. Heute muss es nur darum gehen, gemeinsam zu den sinnvollsten Lösungen zu kommen, nicht zu den lukrativsten Lösungen für einzelne Industrien. Ich habe begleitend zu meinem Beruf immer versucht eine strukturelle Antwort zu finden: Wie kann man solche Verzerrungen ausgleichen? Die grundlegende Idee besteht darin, dass man jede Information in die Balance bringt, im Spektrum ihrer Komplementärinformationen. Dadurch entzerrt sie sich dann eigentlich von selbst.

Yannick Lebert: Gab es einen konkreten Vorfall, der dich auf die Idee gebracht hat?

Martin Sambauer: Vor zehn Jahren bin ich angefragt worden, eine Show für einen Autobauer zu machen. Ich habe einen Teil der Gelder dazu verwendet Interviews mit bekannten Experten zu machen, die mir das Peak Oil Phänomen und den Klimawandel erklärten. Beim Abtippen der Interviews habe ich bemerkt, dass alle Antworten interessant sind und dass alle zusammen passen, wie die Puzzlestücke eines riesigen Puzzles. Nun wollte ich aus den Interviews nicht einen weiteren monoperspektivischen Film machen, sondern es ist vielmehr der Wunsch entstanden, dass jeder Nutzer selbst diese Möglichkeit haben sollte. Mir wurde dadurch klar, dass die Dialektik der Schlüssel ist, also das Für und Wider, das Hin und Her, das in der Politik und in der Wissenschaft so viel Erkenntnisse hervorgebracht hat. Das Interessante ist das dialektische Zusammenfügen der Puzzlestücke.

 

Dialektik bildet den Schlüssel zur Erkenntnis

 

Yannick Lebert: Und was meinst du mit Dialektik?

Martin Sambauer: Darüber hab ich auch lange nachgedacht und viel diskutiert. Bei Hegel ist dieser große historische Prozess gemeint, aufgebaut aus These, Antithese und Synthese, der dann hoffentlich irgendwann in einer ultimativen Republik mündet. Jemand sagte mir, dass Hegel die Dialektik sogar kosmologisch gedacht hat. Wenn wir den Physikern zuhören, wie zunächst Protonen und Elektronen entstanden und dann die Neutronen dazu kamen, dann stimmt das vielleicht auch. Das ist auch irgendwie ein dialektischer Prozess.

Für mich geht es dabei aber mehr um die menschlichen Erkenntnisprozesse, die sind ebenfalls dialektisch aufgebaut. Beispiel: Wie schnell ist eigentlich Licht? Endlich oder unendlich schnell? Diese Diskussion begann in der Antike und hat ca. 2.500 Jahre gedauert. Heute kennt man die Geschwindigkeit des Lichts bis auf die neunte Stelle hinter dem Komma.

Dialektik kann von einem beliebigen Gedanken ausgehen, der mag falsch sein oder richtig, klug oder dumm, der dialektische Prozess iteriert sich unweigerlich immer mehr an die Wahrheit heran – solange die Gruppe der Diskutierenden divers ist, das ist dabei wichtig, sonst landen wir wieder in Echokammern. Das ist mein Begriff von Dialektik. Wir wollen diesen Prozess digital beschleunigen, in globalem Maßstab, so dass Prozesse die früher 2.500 Jahre gebraucht haben heute vielleicht in kürzerer Zeit vollzogen werden, in wenigen Monaten oder Wochen. Das ist die große Vision dahinter.

 

Eine Infrastruktur für die Wissensproduktion der Zukunft

 

Yannick Lebert: Das ist eine wissenschaftliche Vision. Wo ist die menschliche Vision?

Martin Sambauer: Was ich gerne erreichen würde, ist dass wir durch die Infrastruktur jedem Menschen auf dieser Welt die Möglichkeit geben sich dialektisch an dem Zukunftsprozess zu beteiligen in dem wir alle stecken. Jeder Mensch, egal ob es ein afrikanisches Mädchen ist oder ein nepalesischer Junge oder ein europäischer Opa, wie ich – jeder Mensch hat eine wichtige Perspektive. Deswegen heißen wir DIVERSUS, weil die Dialektik dann am wirkungsvollsten ist, wenn sich wirklich alle Menschen  einbringen können. Weil dieses abgeschattete Phänomen, das wir Wirklichkeit nennen, nur aus der Perspektive aller beschrieben werden kann.

Yannick Lebert: Jetzt konkret zum Projekt. Du machst nicht alles allein, aber du hast auch kein festes Team. Wie funktioniert das eigentlich? Wie war dein Weg bis hierher? Wo sind Schwierigkeiten gewesen?

Martin Sambauer: Das war ein langer Prozess. Auf der anderen Seite haben wir bereits vor Jahren über Lösungen nachgedacht, für die es jetzt erst die Technologien gibt. Wir haben uns über Video-Mockups an einen Prototyp herangetastet, der demonstriert, wie das Nutzungsparadigma auf dem Handy aussieht. Diese Mockups haben dazu geführt dass wir inzwischen eine Unterstützergemeinde von vielleicht 20 Leuten haben, die wollen, dass wir jetzt zusammen einen Schritt weiter kommen.

Uns ist wichtig, dass das Projekt im innersten Kern keinen kommerziellen Verzerrungen unterworfen ist. Deswegen ist es für mich der richtige Schritt, dass in der Mitte des Projekts ein Non-Profit Verein steht. Zur Verbreitung des Projekts werden wir Business Partnerschaften suchen, sobald eine überzeugende Demo steht. Aber der initiale Ausgangspunkt ist eine Non-Profit Körperschaft.

 

Dezentral, Open Source und Non-Profit

 

Yannick Lebert: Habt ihr eine Finanzierung?

Martin Sambauer: Wir finanzieren jetzt alles privat aus dieser Gruppe heraus. Wir haben Software-Ingenieure verschiedener Herkunft im System. Einer ist bei einer großen Beratungsfirma tätig. Ein anderer ist leitender Entwickler bei einem Flugzeugbauer. Davon gehen im Moment kleine Finanzierungsimpulse aus, um den ersten Prototypen, die erste Demo, zu bauen.

Mit der Gründung des Vereins ist geplant, bald eine Spendenkampagne zu starten. Der Verein wird Non-Profit bleiben und alles was wir machen ist Open Source. Wir haben ein Interesse daran so viel Code wie möglich zu produzieren, um das Paradigma aufzubauen und für jeden zugänglich zu machen. Für jeden zugänglich heißt, dass wir gerne in verschiedene Länder gehen, besonders auch in die armen Gebiete.

Wir verfolgen die These, dass stabiler Frieden auf dieser Welt nur dann möglich ist, wenn es keine benachteiligten Gruppen gibt. Dazu müssen heute noch benachteiligte Gruppen eine Möglichkeit haben am Gestaltungsprozess unserer Welt teilzunehmen. Wir betrachten uns vielleicht ein wenig als möglichen Gegenimpuls zum zentralistischen Silicon Valley. Wir versuchen eine dezentralisierte Struktur aufzubauen, wo jeder aus jedem Land sich am Aufbau der Infrastruktur beteiligen kann.

Yannick Lebert: Wie wird DIVERSUS technisch umgesetzt?

Martin Sambauer: Wir haben im Moment mehrere Teams, die leicht unterschiedliche Wege gehen. Ein Team arbeitet auf Basis des Web Annotation Protocol, ein anderes geht da einen anderen Weg. Allen ist derzeit gemein, dass wir mit React und D3 arbeiten. Wir sind eigentlich ein Data Viz Projekt, das sich der Aufgabe verschrieben hat semantische Kohärenzen von Inhalten mit physikalischen Eigenschaften von Informationsobjekten in einem Display zu korrelieren. Farben, Formen, Größe, Masse, Geschwindigkeit, Anziehung oder Abstoßung von Objekten – all das macht eine Aussage darüber was die Objekte – oder besser die Informationen – miteinander zu tun haben.

Wir nutzen die angeborene Fähigkeit des Menschen blitzschnell physikalische Events zu interpretieren, um Inhalte leichter verständlich zu machen. Der Mensch ist nämlich nicht dafür optimiert, ständig Listen zu lesen, das halten wir für ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Alle gängigen Paradigmen von Netflix, über Facebook und Google sind auf Listen aufgebaut. Wir werden beim permanenten Konsum von Listen selbst zum Listenobjekt und das macht uns unglücklich. Wir fühlen uns redundant.

Wir sehen dagegen die Zukunft der Datenpräsentation in den vielfältigen Darstellungsformen der Natur und der Physik. Deswegen verlagern wir den Schwerpunkt der Prozessornutzung auf jeden Fall in den Bereich der Grafikeinheiten (GPUs), die hier mehr und mehr Leistung übernehmen können. Das ist schneller und attraktiver.

Yannick Lebert: Vielen Dank für das Gespräch!

 

weitere Informationen:

www.diversus.me

Meet the Pioneers #1: Martin Sambauer von DIVERSUS

Meet the Pioneers

In unserem neuen Format „Meet the Pioneers“ sprechen wir mit Menschen, die mit mutigem Blick und Engagement nach vorne schreiten, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Ihre Motivation und ihr Gestaltungswille gelten einer Zukunft, die menschlich, gerecht und nachhaltig ist.

Ob Gründerin einer innovativen Open Source Software, einflussreicher Autor oder digital-soziale Aktivistin – ihre Ideen und Projekte faszinieren uns. Das wollen wir mit euch teilen. Visionär*innen brauche Orte um gehört zu werden. Ein solcher Ort ist unsere „Meet the Pioneers“-Reihe.

 

Martin Sambauer / DIVERSUS

Martin Sambauer ist Civic-Tech-Enthusiast, Medienprofi und Gründer. Mit DIVERSUS hat er ein Open Source Projekt ins Leben gerufen, das die Wissensinfrastruktur von morgen bilden könnte. Die Idee: Ein Hyperlayer über dem normalen Web gibt Nutzer*innen die Möglichkeit Informationen und Inhalte jeder Herkunft miteinander in Beziehung zu setzen und zu kuratieren. So entsteht das „Full Picture“ einer Information, wie Sambauer sagt. Dieses sei die Grundlage, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und Lösungen für unsere globalen Probleme zu finden.

 

Yannick Lebert: Hallo Martin. Wir wollen heute über dich und DIVERSUS sprechen, das Projekt das du gegründet hast und woran schon lange arbeitest. Was ist denn DIVERSUS?

Martin Sambauer: DIVERSUS ist eine “kommunikative Infrastruktur”, mit der man einen besseren Zugriff auf Daten bekommt, die andere Menschen zur Verfügung stellen.  In dem Moment wo jemand bestimmte Informationen sucht, findet er sie schneller. Schneller finden ist immer in dem Moment wichtig, in dem Wissen gebraucht wird. Wissen wird eigentlich permanent gebraucht: Zu welchem Arzt soll ich gehen? Was ist der richtige Arbeitsplatz für mich? Auf welche Schule soll ich meine Kinder schicken?

Ich will wissen, was Gefahren birgt, was am besten für mich und meine Familie ist. Wissensbildung ist die maßgebliche Technik, die uns befähigt in unserer Gesellschaft zu überleben. Das Internet ist eine Wissensplattform, aber wir stellen fest, dass das Wissen nicht so leicht zugänglich ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Deswegen wollen wir ein neues Instrument entwickeln und anbieten.

 

DIVERSUS macht Wissen leichter zugänglich

 

Yannick Lebert: Inwiefern wird Wissen durch DIVERSUS leichter zugänglich?

Martin Sambauer: Wir sehen uns als künftigen Hyperlayer über dem jetzigen Internet. Unsere Daten werden immer in Relation zu anderen Daten von Nutzern ins System geholt. Es entsteht also ein Netz, wo alles zueinander in Relation steht. Das wird von den Nutzern aufgebaut, später vielleicht durch eine künstliche Intelligenz unterstützt.

Als zentrales Nutzungs- und Darstellungsparadigma entwickeln wir eine „Flower“, also Blume.  Der Blütenstempel der Blume repräsentiert eine Information, während die kreisförmig daran angelagerten Blüten wiederum andere Informationen sind, die in einer Beziehung zur Ausgangsinformation im Stempel stehen. Diese Blume verrät uns auf den ersten Blick etwas über die Reichhaltigkeit einer Information. Dabei interessiert uns nicht nur die innere Reichhaltigkeit der Information, sondern auch wie viel komplementäre Informationen angezogen werden.

An dieser Stelle reagieren wir auf ein gewisses Manko des derzeitigen Internet. Wenn du ein bestimmtes Thema recherchierst, ist es zurzeit schwer die damit zusammenhängenden Komplementärthemen zu finden. Wir werden von Google auf die mächtigste Echokammer des gesuchten Schlagwortes gelenkt. Wenn wir zum Beispiel bei Spiegel Online landen, landen wir in einer Echokammer, weil dort gleichgesinnte Redakteure ein Thema vielfach beleuchten. Ich werde also zweimal in eine bestimmte Richtung gedrückt: erst durch Google, das mich zur reichhaltigsten Echokammer lenkt und dann innerhalb der Echokammer zu einer bestimmten Betrachtung des Themas. Uns interessieren solche Information ebenfalls.

Abbildung: Verschiedene Informationstypen bilden eine “Flower”, ein Fact Checker wird gerade abgespielt.

Uns interessiert aber darüber hinaus auch alles, was an diese Information angelagert wird, also jede denkbare komplementäre Information. Jeder Widerspruch, jeder Fact-Check, vielleicht auch jeder Joke. Das ist in dem Moment wichtig, in dem du versuchst ein Feld zu erforschen, in dem du wirklich Wissen brauchst.

 

Dich interessiert nicht nur die eine Antwort, die du im Prinzip schon mit einer Suchanfrage in Google eingibst, sondern dich interessiert das gesamte Bild, das du gerade untersuchst, in seiner gesamten Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit.

 

„Full Picture“ statt insolierter Informationen

 

Yannick Lebert Kannst du das an einem Beispiel erläutern?

Martin Sambauer: Immer dann, wenn du dich nicht auf ein einzelnes Medium oder eine einzelne Information verlassen willst, weil dich das Thema tiefer interessiert oder weil die Antworten für dich wichtig sind, ist DIVERSUS das Richtige. Beispiel: Es gibt ein Volksbegehren zum Thema Artensterben und du willst dich entscheiden, ob du unterschreibst oder nicht. Dann suchst du das Thema in DIVERSUS und bekommst mehrere Informationen angeboten.

Die “Flower” um die jeweilige Information herum, verrät dir sofort, an welcher Information weitere Informationen hängen oder eben nicht. Die Farben sagen dir z.B. dass es sehr viel Widerspruch (rot) und gleichzeitig  sehr viel Support (grün) gibt – das könnte darauf hindeuten, dass die Ausgangsinformation kontrovers ist, das ist möglicherweise besonders interessant. Es sind aber gleichzeitig auch viele wissenschaftliche Beiträge da (blau) und sogar einige Witze (orange).

Du entscheidest dich vermutlich für die Info, die am meisten weiterführende Information magnetisch angezogen hat. Dann fängst du an diesen Blumenstrauß zu sichten. Innerhalb von kürzester Zeit findest du heraus, was die wichtigsten Anliegen des Volksbegehrens sind, was die Kritiker sagen und wo ungeklärte Fragen offen geblieben sind. Du bekommst das “Full Picture” und nicht nur eine einzelne Information. Je mehr das System akzeptiert wird, desto mehr Themenbereiche wird es abbilden. Recherchieren wird auf diese Weise schnell und kinderleicht, spielerisch.

 

Den Klimawandel durch beschleunigten Wissensaufbau vermeiden

 

Yannick Lebert: In einigen Wochen soll der Verein gegründet werden. In eurer Präambel steht, “die ökologische Bedrohung der Menschheit durch die Menschheit wächst stetig. Die Herausforderung besteht darin unsere Technologien, sozialen Systemen und Kulturen auf humane Weise weiterzuentwickeln, um in solchen Zeiten auf ebenso humane Weise zu bestehen”. Kannst du beschreiben, worin sich diese Bedrohungen konkret ausdrücken?

Martin Sambauer: Wenn ich mir die möglichen Szenarien ansehe, die in den nächsten Dekaden auf uns zukommen, ist der Klimawandel immer der dominante Faktor. Der Klimawandel hat möglicherweise die Folge, dass die Landwirtschaft nicht stabil betrieben werden kann. Der Ausfall von Landwirtschaft führt zu Unruhen und Migrationsdruck in anderen Regionen. Solche Szenarien wollen wir vermeiden und falls sie doch kommen, müssen wir soziale und technische Systeme finden, um sie zu bewältigen. All das hat mit Wissensaufbau zu tun. Der schnelle Wissensaufbau, der heute schon so wichtig ist, wird in Zukunft noch wichtiger. Er betrifft das Überleben der Spezies, wie aber auch das schöne und sichere Leben für jeden Einzelnen.

 

Gemeinsam die sinnvollsten Lösungen finden

 

Yannick Lebert: Wie bist du denn auf die Idee gekommen. Kannst du ein wenig deinen Werdegang skizzieren?

Martin Sambauer: Ich habe als Art Director für Fernsehsender und Werbung gearbeitet. Es ging dabei stets um Massenkommunikation. Da kann man kaum anders als begleitend eine ethische Strukturanalyse der Medien zu machen. Man kann dabei nicht übersehen, dass der Medien-Prozess ziemlich verzerrt ist. Das können wir uns aber heute, in Zeiten des Klimawandels, nicht mehr leisten. Heute muss es nur darum gehen, gemeinsam zu den sinnvollsten Lösungen zu kommen, nicht zu den lukrativsten Lösungen für einzelne Industrien. Ich habe begleitend zu meinem Beruf immer versucht eine strukturelle Antwort zu finden: Wie kann man solche Verzerrungen ausgleichen? Die grundlegende Idee besteht darin, dass man jede Information in die Balance bringt, im Spektrum ihrer Komplementärinformationen. Dadurch entzerrt sie sich dann eigentlich von selbst.

Yannick Lebert: Gab es einen konkreten Vorfall, der dich auf die Idee gebracht hat?

Martin Sambauer: Vor zehn Jahren bin ich angefragt worden, eine Show für einen Autobauer zu machen. Ich habe einen Teil der Gelder dazu verwendet Interviews mit bekannten Experten zu machen, die mir das Peak Oil Phänomen und den Klimawandel erklärten. Beim Abtippen der Interviews habe ich bemerkt, dass alle Antworten interessant sind und dass alle zusammen passen, wie die Puzzlestücke eines riesigen Puzzles. Nun wollte ich aus den Interviews nicht einen weiteren monoperspektivischen Film machen, sondern es ist vielmehr der Wunsch entstanden, dass jeder Nutzer selbst diese Möglichkeit haben sollte. Mir wurde dadurch klar, dass die Dialektik der Schlüssel ist, also das Für und Wider, das Hin und Her, das in der Politik und in der Wissenschaft so viel Erkenntnisse hervorgebracht hat. Das Interessante ist das dialektische Zusammenfügen der Puzzlestücke.

 

Dialektik bildet den Schlüssel zur Erkenntnis

 

Yannick Lebert: Und was meinst du mit Dialektik?

Martin Sambauer: Darüber hab ich auch lange nachgedacht und viel diskutiert. Bei Hegel ist dieser große historische Prozess gemeint, aufgebaut aus These, Antithese und Synthese, der dann hoffentlich irgendwann in einer ultimativen Republik mündet. Jemand sagte mir, dass Hegel die Dialektik sogar kosmologisch gedacht hat. Wenn wir den Physikern zuhören, wie zunächst Protonen und Elektronen entstanden und dann die Neutronen dazu kamen, dann stimmt das vielleicht auch. Das ist auch irgendwie ein dialektischer Prozess.

Für mich geht es dabei aber mehr um die menschlichen Erkenntnisprozesse, die sind ebenfalls dialektisch aufgebaut. Beispiel: Wie schnell ist eigentlich Licht? Endlich oder unendlich schnell? Diese Diskussion begann in der Antike und hat ca. 2.500 Jahre gedauert. Heute kennt man die Geschwindigkeit des Lichts bis auf die neunte Stelle hinter dem Komma.

Dialektik kann von einem beliebigen Gedanken ausgehen, der mag falsch sein oder richtig, klug oder dumm, der dialektische Prozess iteriert sich unweigerlich immer mehr an die Wahrheit heran – solange die Gruppe der Diskutierenden divers ist, das ist dabei wichtig, sonst landen wir wieder in Echokammern. Das ist mein Begriff von Dialektik. Wir wollen diesen Prozess digital beschleunigen, in globalem Maßstab, so dass Prozesse die früher 2.500 Jahre gebraucht haben heute vielleicht in kürzerer Zeit vollzogen werden, in wenigen Monaten oder Wochen. Das ist die große Vision dahinter.

 

Eine Infrastruktur für die Wissensproduktion der Zukunft

 

Yannick Lebert: Das ist eine wissenschaftliche Vision. Wo ist die menschliche Vision?

Martin Sambauer: Was ich gerne erreichen würde, ist dass wir durch die Infrastruktur jedem Menschen auf dieser Welt die Möglichkeit geben sich dialektisch an dem Zukunftsprozess zu beteiligen in dem wir alle stecken. Jeder Mensch, egal ob es ein afrikanisches Mädchen ist oder ein nepalesischer Junge oder ein europäischer Opa, wie ich – jeder Mensch hat eine wichtige Perspektive. Deswegen heißen wir DIVERSUS, weil die Dialektik dann am wirkungsvollsten ist, wenn sich wirklich alle Menschen  einbringen können. Weil dieses abgeschattete Phänomen, das wir Wirklichkeit nennen, nur aus der Perspektive aller beschrieben werden kann.

Yannick Lebert: Jetzt konkret zum Projekt. Du machst nicht alles allein, aber du hast auch kein festes Team. Wie funktioniert das eigentlich? Wie war dein Weg bis hierher? Wo sind Schwierigkeiten gewesen?

Martin Sambauer: Das war ein langer Prozess. Auf der anderen Seite haben wir bereits vor Jahren über Lösungen nachgedacht, für die es jetzt erst die Technologien gibt. Wir haben uns über Video-Mockups an einen Prototyp herangetastet, der demonstriert, wie das Nutzungsparadigma auf dem Handy aussieht. Diese Mockups haben dazu geführt dass wir inzwischen eine Unterstützergemeinde von vielleicht 20 Leuten haben, die wollen, dass wir jetzt zusammen einen Schritt weiter kommen.

Uns ist wichtig, dass das Projekt im innersten Kern keinen kommerziellen Verzerrungen unterworfen ist. Deswegen ist es für mich der richtige Schritt, dass in der Mitte des Projekts ein Non-Profit Verein steht. Zur Verbreitung des Projekts werden wir Business Partnerschaften suchen, sobald eine überzeugende Demo steht. Aber der initiale Ausgangspunkt ist eine Non-Profit Körperschaft.

 

Dezentral, Open Source und Non-Profit

 

Yannick Lebert: Habt ihr eine Finanzierung?

Martin Sambauer: Wir finanzieren jetzt alles privat aus dieser Gruppe heraus. Wir haben Software-Ingenieure verschiedener Herkunft im System. Einer ist bei einer großen Beratungsfirma tätig. Ein anderer ist leitender Entwickler bei einem Flugzeugbauer. Davon gehen im Moment kleine Finanzierungsimpulse aus, um den ersten Prototypen, die erste Demo, zu bauen.

Mit der Gründung des Vereins ist geplant, bald eine Spendenkampagne zu starten. Der Verein wird Non-Profit bleiben und alles was wir machen ist Open Source. Wir haben ein Interesse daran so viel Code wie möglich zu produzieren, um das Paradigma aufzubauen und für jeden zugänglich zu machen. Für jeden zugänglich heißt, dass wir gerne in verschiedene Länder gehen, besonders auch in die armen Gebiete.

Wir verfolgen die These, dass stabiler Frieden auf dieser Welt nur dann möglich ist, wenn es keine benachteiligten Gruppen gibt. Dazu müssen heute noch benachteiligte Gruppen eine Möglichkeit haben am Gestaltungsprozess unserer Welt teilzunehmen. Wir betrachten uns vielleicht ein wenig als möglichen Gegenimpuls zum zentralistischen Silicon Valley. Wir versuchen eine dezentralisierte Struktur aufzubauen, wo jeder aus jedem Land sich am Aufbau der Infrastruktur beteiligen kann.

Yannick Lebert: Wie wird DIVERSUS technisch umgesetzt?

Martin Sambauer: Wir haben im Moment mehrere Teams, die leicht unterschiedliche Wege gehen. Ein Team arbeitet auf Basis des Web Annotation Protocol, ein anderes geht da einen anderen Weg. Allen ist derzeit gemein, dass wir mit React und D3 arbeiten. Wir sind eigentlich ein Data Viz Projekt, das sich der Aufgabe verschrieben hat semantische Kohärenzen von Inhalten mit physikalischen Eigenschaften von Informationsobjekten in einem Display zu korrelieren. Farben, Formen, Größe, Masse, Geschwindigkeit, Anziehung oder Abstoßung von Objekten – all das macht eine Aussage darüber was die Objekte – oder besser die Informationen – miteinander zu tun haben.

Wir nutzen die angeborene Fähigkeit des Menschen blitzschnell physikalische Events zu interpretieren, um Inhalte leichter verständlich zu machen. Der Mensch ist nämlich nicht dafür optimiert, ständig Listen zu lesen, das halten wir für ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Alle gängigen Paradigmen von Netflix, über Facebook und Google sind auf Listen aufgebaut. Wir werden beim permanenten Konsum von Listen selbst zum Listenobjekt und das macht uns unglücklich. Wir fühlen uns redundant.

Wir sehen dagegen die Zukunft der Datenpräsentation in den vielfältigen Darstellungsformen der Natur und der Physik. Deswegen verlagern wir den Schwerpunkt der Prozessornutzung auf jeden Fall in den Bereich der Grafikeinheiten (GPUs), die hier mehr und mehr Leistung übernehmen können. Das ist schneller und attraktiver.

Yannick Lebert: Vielen Dank für das Gespräch!

 

weitere Informationen:

www.diversus.me