Ist das Internet böse? Wohl kaum. Die Frage ist natürlich, was man damit macht. Es pauschal zu verteufeln bringt niemand weiter. Es kritisch zu betrachten, ist hingegen wichtig. Der Vergleich zweier Bücher. (Spoiler: Eins davon ist echt doof.)

Spätestens seit Eli Parisers Warnung vor der Filter Bubble bemühe ich mich um ein breites Informationsspektrum. Dazu gehört auch die Lektüre Internet-kritischer Bücher wie Andrew Keens The Internet is NOT the Answer. Darin beschreibt der britisch-amerikanische Autor in oft drastischen Tönen die “toxischen” Entwicklungen des Internet 2.0. Da sei auf der einen Seite die drohende Überwachungsgesellschaft, welche die Stasi harmlos erscheinen läßt. Auf der anderen Seite skizziert er den Trend der wachsenden Ungleichheit zwischen einer sehr kleinen Gruppe geekiger Internetmilliardäre und dem Rest der Bevölkerung, die zunehmend ins Präkariat abdriftet.

 

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Diese Trends sind real. Auch mich besorgt die Monopolbildung und der Missbrauch digitaler Technologien für Bürgerüberwachung. Ebenso bedenklich ist, dass eine sehr partikulare, männliche, weiße Silicon Valley Mentalität in vielen Teilen der Welt als Maßstab für Innovation und Wirtschaftsgebahren angesehen wird. Doch bei der Lektüre des Buches überwiegt mein Ärger über die vielen klischeehaften Szenarien, mit denen der Autor um sich wirft, die Menschen zu Marionetten degradiert und die Schlagkraft seiner richtigen kritischen Einsichten deutlich schwächt.

 

Wieso sind alte Unternehmen „echter“ oder „besser“ als Startups?

So stellt Keen den Niedergang von Kodak dem Aufstieg von Instagram gegenüber. Kodak, ein riesiger Konzern der Arbeitsplätze für 145.000 Menschen geschaffen hat, sei von dem Silicon Valley Hurrikan in den Bankrott getrieben worden — von Firmen wie Instagram, einem Startup mit 13 Mitarbeitern, welches für eine Milliarde an facebook verkauft wurde.

Dabei tut Keen so, als seien Unternehmen wie Kodak “echter” und “natürlicher” als die neu entstehenden Startups. Aber wieso? Zunächst haben Unternehmen keinen Wert an sich, sondern sind dazu da, spezielle menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Das von Kodak bediente Bedürfnis, gegenwärtige Augenblicke für die Zukunft festzuhalten und sich und seine Umwelt darzustellen, wird heute offensichtlich von digitalen Werkzeugen und Photo-Apps besser befriedigt. Bei einem solchen Strukturwandel gehen viele Arbeitsplätze verloren und Gemeinden, wie Rochester, NY, welches auf Kodak als Arbeitgeber und Steuerzahler ausgelegt war, stehen vor den enormen Herausforderungen, soziale Netze bereitzustellen und neue Beschäftigungsformen anzuziehen, bzw. zu entwickeln. Aber Internet Startups und ihre Gründer deshalb zu dämonisieren, ihnen vorzuwerfen, dass sie nichts weiter tun, als unsere Jobs zu vernichten und uns zu verdummen, ist unfair und billig.

Ebenso abfällig äußert sich Keen über die Milliarden Internetnutzer, die PhotoApps wie Instagram benutzen; wir sind Teil einer “Narzismus-Epedimie” und “Selphie-centric culture” –  Opfer falschen Bewusstseins. Aber ist es nicht viel interessanter zu hinterfragen, wieso so viele Menschen darauf anspringen, sich selbst und ihre Umwelt zu gestalten und sich durch Fotos und auf Social Media Plattformen auszudrücken? Gute anthropologische Forschung wie Dan Millers ethnographische Studie über facebook in Trinidad (unser Blogpost dazu) zeigt, wie Menschen digitale Technologien verwenden um “mehr wie sie selbst zu werden”,  wie Technologien dabei helfen, uns ausdrücken .

Doch Keen hat keine Wertschätzung für Internetnutzer. So wischt er Blogger und Bürgerjournalismus mit einem Satz vom Tisch: “Information without gatekeepers is almost always either inaccurate or corrupt or both”. Manchmal kann man nur schmunzeln: Um darzulegen, wie Streaming-Dienste die Musikindustrie kaputt gemacht haben und wie unsinnig das Argument vom Long Tail ist, beschreibt Keen nostalgisch eine Straße im London seiner Kindheit, in der sich ein Plattenladen neben den anderen reihte. Dies sei der wirkliche Long Tail gewesen. Tja, aber nur für die glücklichen Bewohner Londons der 70er und 80er Jahre! Überall sonst auf der Welt, wo Menschen heute Zugriff auf 30 Millionen Songs über Dienste wie Spotify etc. haben, war die Musikauswahl deprimierend gering.

 

“We’ve heard this kind of nonsense before”

Keens einseitige, auf die USA und UK fokussierte Sicht zeichnet auch den Rest des Buches aus. Kein Wort über gesellschaftliche Vorteile digitaler Technologie in Bereichen wie Landwirtschaft, Gesundheit oder finanzieller Inklusion im Westen und weltweit. Keine der Internetfirmen, die Keen beschreibt, bietet aus seiner Sicht gesellschaftlichen Mehrwert, alle dienen nur der Bereicherung ihrer Gründer und Finanziers. In dieser Lesart existieren die tausenden, sinnvollen, weltverbessernden Internetdienste, über die wir im betterplace lab forschen, nicht; Kommerzielle Unternehmen wie Transferwise, die die exorbitanten Gebühren von Rücküberweisungen für Migranten auf ein Bruchteil reduzieren. Non-Profits wie Digital Green, die indischen Bauern Know-How für bessere Ernten vermitteln. Plattformen wie betterplace.org, die erstmalig einer großen Vielfalt von Grassroots-Initiativen die Möglichkeit geben, Spenden zu sammeln. Technologien wie Skype, über die Millionen Arbeitsmigranten mit ihren Familien täglich in Kontakt bleiben. Statt dessen werden Internetvordenker wie Kevin Kelly oder Chris Anderson, die die Potentiale digitaler Technologien in den Vordergrund stellen, mit dem Satz “We’ve heard this nonsense before” beiseite gewischt.

Andrew McAfee und Erik Brynjolfssons Buch The Second Machine Age, das kurz vor Why The Internet is Not the Answer erschienen ist, gelingt es wesentlich besser, die Balance zwischen Chancen und Risiken der zunehmenden Automatisierung und Monopolisierung im digitalen Zeitalter zu beschreiben. Auch hier wird die “Winner takes it all” Mechanik mit ihren potentiell schädlichen Folgen für soziale Gerechtigkeit beschrieben, die Keen an den Pranger stellt. Aber die Autoren hinterfragen die Grundannahmen unserer Zeit wesentlich kritischer. Wieso gehen wir beispielsweise davon aus, dass das “goldene Zeitalter der Erwerbsarbeit” nicht von einem “goldenen Zeitalter der sinnhaften Betätigung” abgelöst werden wird, in dem bezahlte Arbeit nicht mehr der zentrale Bestandteil menschlicher Identität ist?

 

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Natürlich, für diese Visionen brauchen wir politische Gestaltung. Und an dieser Stelle — wenn er Regierungen und Verbunde wie die EU auffordert, die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung besser zu gestalten — kann ich mich mit Andrew Keen wieder etwas versöhnen (auch wenn seine Forderungen alles andere als neu sind).

Noch etwas anderes gelingt The Second Machine Age im Vergleich zu The Internet ist Not the Answer besser: McAfee und Brynjolfssons vermitteln ein Bild von der Brillianz und der Anziehungskraft der digitalen Pionierleistungen, wo Keen nur das “Silicon Valley Distortion Field” sieht. Denn offensichtlich geht vom Silicon Valley ein extrem vitaler Zukunftsimpuls aus  –  hier wird eine ungeheuer große Energie freigesetzt und hart gearbeitet um Neues in die Welt zu bringen. Visionen werden entwickelt. Darunter sind auch Lösungsansätze für große gesellschaftliche und ökologische Probleme, wie die vielen philanthropischen Aktivitäten der Tech Pioniere zeigen. Aber ja, diese schöpferische Energie ist zu einseitig. Sie ist geprägt von meist jungen, weißen Männern ,  die zum Teil höchst eindimensionale Vorstellungen von Menschsein und Gesellschaft haben und ihr weitgehend unwidersprochen ihre Struktur geben können.

Das zu ändern, liegt an jedem einzelnen von uns. In dem wir zum einen wahrnehmen, wie viel andersartige, auch gemeinwohl-orientierte digitale Innovationen schon heute in Ländern von Brasilien über Ruanda bis Indonesien entwickelt werden. Und indem wir diese alternativen Ansätze fördern, so dass mehr Menschen  –  Frauen und Südafrikaner, Gewerkschaftler ebenso wie der jugendliche Aktivist und Sozialunternehmer  –  die digitale Zukunft mitgestalten und dafür sorgen, dass sie inklusiver, vielschichtiger und gerechter wird.

 

Unterschrift Joana