Das betterplace storytelling lab geht nach einem Jahr und vier Workshops zu Ende. Zeit zu fragen, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitgenommen haben und was daraus folgt.

Es war einmal eine NGO. Die wollte die Welt ein kleines bisschen besser machen. Deshalb entwickelte sie tolle Ideen, unterstützte Projekte in verschiedenen Ländern, formulierte Positionspapiere und überzeugte Menschen, ihre Geldbeutel für den guten Zweck zu öffnen. Sie wurde immer wichtiger und machte sich einen großen Namen in Entwicklungszusammenarbeit und Gesellschaft. Doch je öfter die politischen Akteure wechselten und je komplexer Konflikte wurden, desto eher hatte die NGO das Gefühl: Ich bin zu leise.

Wir vom betterplace lab wollen aber, dass NGOs und ihre Botschaften in der Politik gehört werden. Deshalb und weil dieses Jahr die Bundestagswahl und Deutschlands G20-Vorsitz anstehen, haben wir vor zwölf Monaten das storytelling lab an den Start gebracht. Dafür haben wir Menschen aus kleinen und großen Organisationen gefragt, ob sie sich austauschen, ihr Tun kritisch hinterfragen und über neue Formate nachdenken wollen – auf Augenhöhe, an Orten und mit Menschen, die inspirieren und von denen manche auf dem sozialen Sektor keine Profis sind. Sie wollten. So haben wir uns am 10. und 11. Februar 2017 im Colonia Nova zu unserem letzten von insgesamt vier Workshops getroffen.

Bundestagswahl, Deutschlands G-20-Vorsitz und Afrika-Konferenz

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Genug Raum für Ideen im Colonia Nova

Im Workshop beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem mit konzeptionellen Fragen:Aufgabe war es, eine Veranstaltung zu planen, die neue Impulse in Bezug auf die von der Bundesregierung geplante Konferenz „Partnerschaft mit Afrika“ setzen soll. Sie definierten Ziele und Zielgruppen, trafen dramaturgische Entscheidungen, überlegten sich potenzielle Speakerinnen und Speaker und skizzierten alle Abläufe. Wie immer bekamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei die geballte Expertise von Profis an die Hand.

Menschen lieben Geschichten. „Wir haben so schon immer kommuniziert, das ist ganz intuitiv“, sagt Sergius Seebohm von seebohm.berlin, der Franziska bei der Konzeption der Workshops unterstützt. Jeder erzähle täglich Geschichten in der Kneipe, im Büro, bei der Ärztin und überall da, wo er oder sie anderen Menschen begegnet. NGOs können das für sich und ihre Botschaften nutzen und wir glauben, dass da noch mehr geht als bisher.

Raus aus der Komfortzone, Mut zu neuen Ideen

In den vorherigen drei Workshops wurde gegeneinander gepitcht und Kampagnen entwickelt. Los ging es mit Sessions zu storytelling allgemein und zielgruppenspezifisch, es wurde darüber nachgedacht, welche Chancen darin für Advocacy stecken und sich intensiv in Kampagnen- und Kommunikationsplanung reingedacht. Heraus kamen  Geschichten über Menschen.Etwa über die 19-jährige Saira aus Karatschi, die sich für ein poliofreies Pakistan einsetzt oder Nabajju Stellah aus Uganda, die Jugendliche über Sexualität und Verhütung aufklärt, weil sie selbst als Teenagerin Mutter wurde.

„Im storytelling lab ging es auch darum, neue Lernräume zu schaffen und Menschen an Orten zusammenzubringen, wo sie sich sonst nicht treffen“, sagt Franziska vom betterplace lab. Im Sommer 2016 waren wir deshalb im KAOS Berlin, wo es Kreativ-Werkstätten, Ateliers und Ausstellungsräume gibt. Ziel war es, die NGO-Brille für einen Moment abzunehmen und damit vertraute Themen nochmal anders anzuschauen.

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Mit Poetry-Slammerin Leila Younes El-Amaire (Mitte) …

Deshalb haben wir verschiedene Künstler, wie zum Beispiel eine Poetry-Slammerin und eine Dramaturgin dazu geladen. Wir wollten mit Gedanken experimentieren, die eigene Geschichte anwenden, hinterfragen und offen miteinander sprechen: „Alles kann, nichts muss“, so hat Leonie Müßig von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung die Atmosphäre innerhalb der Workshops wahrgenommen. Ihr falle es leichter, „die Gedanken spinnen zu lassen“, wenn sie aus ihrem Arbeits-Kabuff rauskomme. Und genau das sollten die Workshops leisten: Raus aus der Komfortzone, Mut zu neuen Ideen, Netzwerke schätzen. Das kann ganz schön herausfordernd sein, weil es ungewohnt ist, so offen miteinander zu sprechen und weil es nie leicht ist, sich die Zeit zu nehmen. Manches hat aber auch richtig gut funktioniert. Zwischen dem zweiten und dem dritten Workshop hat sich Richard Haep von der Welthungerhilfe selbst auf eine TEDx-Bühne in Hamburg getraut und erzählt, warum eine Welt ohne Hunger keine Utopie ist. Wir fanden das ganz großartig.

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Ein Ort, an dem man sich nicht jeden Tag trifft: KAOS Berlin

Die Zivilgesellschaft glaubt oft, dass sie die Welt alleine retten muss. „Stimmt natürlich nicht, es gibt immer Partner“, sagt Franziska. Um sich zu vernetzen, sollte aber nicht nur Care wissen, was Oxfam unter den Nägeln brennt, sondern die Advocacy-Kollegin auch ab und zu den Presse-Kollegen in der eigenen Organisation fragen, was er gerade plant. Richard und Leonie finden, dass dieses Bewusstsein im storytelling lab stärker geworden ist. Für beide ist klar, dass sich auch die Kommunikation innerhalb der Organisationen verbessern müsste. Solche Erkenntnisse und Selbstreflexion können manchmal weh tun, weiß Franziska: „Das kann ruppeln, wird sich am Ende aber auszahlen.“

Politikerinnen und Politiker sind auch nur Menschen

Wichtiger Grundsatz für storytelling im Advocacy-Kontext: Politikerinnen und Politiker sind auch nur Menschen. Also muss man sie da packen, wofür sie brennen, wovor sie Angst haben, was sie antreibt. Denn jeder hat Hoffnungen, Ängste, Überzeugungen. Wer erzählt, dass Menschen auf der Welt verhungern oder Ozeane immer  schmutziger werden, der muss das auch zeigen. Campaigning ist das eine, aber Politikerinnen und Politiker müssen mehr an die Hand kriegen. Es reicht nicht, nur an das Hirn oder nur das Herz zu appellieren, es braucht auch den passenden Ton. Etwa dann, wenn Themen sehr sensibel sind. Das heißt aber auch, auf dem Schirm zu haben, was man mitdenken muss. Für Leonie ist inklusive Kommunikation dafür ein gutes Beispiel. „Das ist für viele selbstverständlich, hat in meiner eigenen Arbeit aber bisher keine Rolle gespielt.“ Wir sind zufrieden, denn genau das sollte das storytelling lab sein: Impulsgeber und Brückenbauerin mit Mitteln der Kommunikation und des Erzählens. Wir nehmen für uns eine Menge mit und glauben: 2017 können NGOs richtig was reißen.