Wie steht es eigentlich um die Präsenz des menschlichen Ichs im Zeitalter des Digitalen? Das war die sehr große und sehr gute Frage, um die es gestern im Vortrag von Professor Hans Ulrich Gumbrecht bei der ersten „Auszeit“ des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation ging. Ich als gelernter Biologe, also Naturwissenschaftler, war begeistert von den abstrakten Modellen des Geisteswissenschaftlers! Auch weil er seine Philosophie mit konkreten Alltagsproblemen wie dem der Geschlechtsidentitätsstörung bei Kindern geerdet hat.

 

Wie steht es also um die Präsenz des Ichs in der Infosphäre, um Gumbrechts frage noch ein bisschen abstrakter zu formulieren? Der Stanford-Professer stellte gleich zu Beginn klar:  „Ich möchte gegenintuitives, riskantes Denken anregen“. Er werde Fragen und Denkanstöße statt Antworten und Lösungen liefern. Doch zumindest seine Modelle, mit denen er dabei arbeitet, lassen sich ohne Fragezeichen beschreiben.

Als Ausgangssituation beschreibt Gumbrecht, wie heute immer mehr Menschen einen großen Teil ihrer Lebenszeit verbringen, wie sie arbeiten: Sie sitzen den ganzen Tag vor einem Bildschirm und nutzen ihren Geist. Körperlich sind fast nur Neuronen gefragt. Gumbrecht spricht deshalb von einer „Fusion von Bewusstsein und Software“, die der Höhepunkt von Descartes „cogito ergo sum“ sei.

 

Eine Schwade von Mathematik vernebelt unseren Blick auf die Wirklichkeit

Dann kam Heidegger ins Spiel. In einem seiner Modelle ist der Mensch als Subjekt mit Objekten, also der materiellen Welt, konfrontiert. Der Mensch ist vorhanden, steht vor der Welt. Um die Lücke zwischen sich als Subjekt und den Objekten zu überwinden, interpretiert er, versucht zu verstehen, reichert Wissen über die Welt an. Dieses Wissen gründet schließlich in der universellen Wissenschaft der Mathematik. Es hängt also ein „Vorhang von Mathematik“ zwischen dem Menschen als Subjekt und den Objekten. Und weil die Welt zunehmend durch Algorithmen gedeutet wird, spricht Gumbrecht von einer „Schwade von Mathematik, die mittlerweile so groß und dicht ist, dass man die Wirklichkeit kaum noch von Mathematik unterscheiden kann. Alles wird ausgerechnet.

So gehe uns die Materialität der Dinge verloren, sagt Gumbrecht und fügt sogleich hinzu, dass uns die Digitalität aber auch ungemein produktiv mache und uns ungeahnte Möglichkeiten verschaffe. Diese Explosion der Möglichkeiten geht mit einem Verlust an Konkretheit einher. Aber dass ein kleines Kind aus seinem Bekanntenkreis, das mit einem Penis geboren wurde, sich aber seit Kleinauf als Mädchen fühlt, sein Geschlecht umwandeln lassen kann, sei super. Das hat wohl eher etwas mit allgemeinem technischen Fortschritt und weniger mit Digitalität an sich zu tun – aber es verschaffe dem Menschen mehr Freiheit.

Polyperspektivismus vs. historisches Weltbild

Nun kommen wir zu den zwei Weltbildern, die seit Ende des 19. Jahrhunderts konkurrieren. Beim „Feld der Kontingenz“ gehen Intellektuelle davon aus, dass jede Beobachtung von der Perspektive abhängt, dass es unzählige Perspektiven, also Erfahrungen, also Repräsentationen, also Wahrheiten gibt. Dieser Polyperspektivismus ist für Leute, die endgültige Wahrheiten suchen, nicht besonders befriedigend. Begrenzt ist das Feld der Kontingenz durch Gegebenheiten (früher bspw. das Geschlecht) und Unmöglichkeiten (bspw. Allwissen).

Das historische Weltbild hingegen absorbiert die Perspektiven, indem es alles narrativ aus der Vergangenheit ableitet. In der Biologie macht das bspw. die Evolutionstheorie, und wenn man sich fragt: „Was ist Berlin?“, würde man von der Gründung der Stadt bis heute seine Geschichte erzählen.

 

Ist unsere Zukunft blockiert?

Das Digitale fördere nun die Transformation vom historischen zum kontingenten Weltbild. Und das macht die Welt komplizierter, auch weil Gegebenheiten und Unmöglichkeiten schwinden. Gumbrecht  erwähnte das Projekt der Unsterblichkeit, das mittlerweile auf die Agenda der medizinischen Universitäten gerückt ist. Der Gewinn an Freiheit und Möglichkeiten weite das Feld der Kontingenz zu einem Universum der Kontingenz. Das führe zu der viel zitierten Überforderung der Möglichkeiten. Weil man „constantly on the go“ sei, sehnen sich die Menschen nach „something to hold on to“ nach einer „world without possibilies“, sagt Stanford-Gumbrecht, als ihm keine adäquate Übersetzung einfällt.

Außerdem sei die Zukunft nicht mehr so offen, wie früher angenommen. Klimawandel, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit, Flüchtlingsströme und andere Gefahren blockierten unsere Zukunft, meint Gumbrecht, der Optimismus des Machbaren schwinde. (Ich kenne keine genauen Zahlen, aber zumindest gefühlt haben sich noch nie so viele Menschen sozial engagiert wie heute, glauben also, dass da noch was zu machen ist.)

 

Das Silicon Valley als Vollendung des weltverneinenden Pessimismus

Wichtiger noch: Die Gegenwart wurde früher als „nicht wahrnehmbarer Übergang zwischen Vergangenheit und Zukunft angesehen“. Doch wegen der fast unendlichen digitalen Speicherkapazität ist die Gegenwart überschwemmt von Vergangenheit und verbreitert sich dadurch.

Mit Blick auf die etwas bedrückende Einsicht, dass es in einer kontingenten Welt keine beruhigenden Wahrheiten gibt, bezeichnet Gumbrecht das Silicon Valley als die Vollendung des weltverneinenden Pessimismus. Das ist dann wohl seiner gegenintuitiven Gedanken. Denn wenn der Mensch die Welt zunehmend als Fusion von Bewusstsein und Software prägt, sitzt der Geist der Welt im Silicon Valley. Dort, in den USA, werde der Fokus aber halt eher auf die Verringerung des Unmöglichen gelegt, dort hat Digitalität an sich oberste Priorität. In Deutschland hingegen liege der Fokus auf der Überforderung, die mit Zunahme der Möglichkeiten einhergehen – demnach kommen mir die USA aber irgendwie optimistisch vor. Gegenintuitives Denken? Halt finden die Menschen in den USA nach Gumbrecht jedenfalls vor allem in Religiösität, während in Deutschland Staatlichkeit dafür sorgen soll

Gumbrecht findet in der öffentlichen Debatte viel Gehör, weil er seine Gedanken auch Laien verständlich machen kann. Bei mir hat er das geschafft. Was haltet ihr von seinen Gedanken? Von diesem Blogpost? Ich freue ich auf euere Kommentare!

 

PS: Fotos habe ich auf der Veranstaltung keine gemacht. Das Format der Auszeit beinhaltet, dass man sein Handy am Eingang abgibt.

 

Unterschrift Dennis