In insgesamt 24 Mini-Workshops wurden die schönen Ideale der Kollaboration mit der Realität konfrontiert. Foto: Henning Schacht/Initiative D21/flickr.com, CC BY ND

Das Engagement in der digitalen Flüchtlingshilfe ist groß. Jetzt gilt es, die Szene noch besser zu vernetzen und Kollaborationen anzuregen. Der Digitale Flüchtlingsgipfel war ein erster Schritt.

Manche Dinge sind tatsächlich viel interessanter als sie klingen mögen. Nach der Mittagspause haben sich 170 Menschen beim Digitalen Flüchtlingsgipfel jeweils drei Hashtags ausgedacht und nacheinander in die Runde geworfen. Das dauerte eine halbe Stunde und war echt aufregend.

Mit seinen Hashtags sollte jeder Teilnehmer des Digitalen Flüchtlingsgipfels Interessensschwerpunkte vermitteln: #bildung #inklusion #mapping #cocreation #opendata #unbegleiteteminderjaehrige. Mit jedem Stichwort wurde ein immer größer werdendes Bild von einer Gruppe engagierter Menschen gemalt, die etwas in der digitalen Flüchtlingshilfe bewegen wollen – okay, zwei Fußball-EM-Hashtags und ein #YOLO waren auch dabei.

Kollaboration und Konsolidierung

Das Motto der Veranstaltung, die wir zusammen mit dem Bundesministerium des Inneren (BMI), Initiative D21 und Open Transfer organisiert haben, war: „More wood behind fewer arrows“. Damit ist gemeint, dass es viele Projekte gibt, die in eine ähnliche Richtung gehen. Es ist an der Zeit, Kollaboration und Konsolidierung aktiver anzustreben. Im Laufe des Vormittags wurde klar, dass sowohl die Redner (inklusive Bundesminister Thomas de Maziére) als auch die anderen Teilnehmer diese Sicht aus eigener Erfahrung teilen.

170 Menschen denken sich Hashtags für die digitale Flüchtlingshilfe aus und zeigen damit, was sie bewegen wollen. Foto: Initiative D21/flickr.com, CC BY ND

170 Menschen denken sich Hashtags für die digitale Flüchtlingshilfe aus und zeigen damit, was sie bewegen wollen. Foto: Henning Schacht/Initiative D21/flickr.com, CC BY ND

Aber für mich war diese Hashtag-Runde tatsächlich ein entscheidender Moment. Denn die unterschiedlichen und differenzierten Antworten zeigten, dass sich die Menschen im Raum wirklich auskennen und den Entwicklungen in der digitalen Flüchtlingshilfe seit einiger Zeit folgen. Deshalb war der Zeitpunkt des Gipfels jetzt genau richtig. Im Sommer und Herbst letztes Jahr entstanden viele neue Projekte, aber in dieser ersten explorativen Phase wäre so ein Austausch weniger ergiebig gewesen. Man muss ein bisschen länger dranbleiben und einiges schon ausprobiert haben, bevor man die Komplexität und die Herausforderungen das Themas gut versteht (Stichwort: „learning by doing“). Inzwischen sind einige weniger seriöse, beim Hackathon entstandene Projekte einfach nicht mehr aktiv, und die Anwesenden haben schon viele Erfahrungen gesammelt. Die Szene ist gereift.

Schön waren auch die Momente, wenn sich auf dem Gipfel Menschen begegnet sind, die sich bislang nur über einen Mailverkehr ausgetauscht haben und sich nun endlich mal persönlich kennenlernen konnten. Das zeigt, es gibt eine Community, in der Vernetzung schon stattfindet, doch der Gipfel konnte diese noch einmal verstärken.

Coordinating the coordinators

"Nur gemeinsam haben wir Schlagkraft in einem schwer finanzierbaren Sektor”, so Joana Breidenbach. Foto: Initiative D21/flickr.com, CC BY ND

„Nur gemeinsam haben wir Schlagkraft in einem schwer finanzierbaren Sektor”, so Joanna Breidenbach. Foto: Henning Schacht/Initiative D21/flickr.com, CC BY ND

Nach viel Übereinstimmung am Vormittag wurde es dann am Nachmittag durch das „Barcamp“-Format interaktiv – also durch insgesamt 24 spontane Mini-Workshops. Hier wurden die schönen Ideale der Kollaboration mit der Realität konfrontiert. Besonders spannend fand ich einen Workshop von vier Projekten, die Geflüchteten nicht direkt helfen, sondern anderen Hilfsprojekten eine Plattform anbieten: zusammen-fuer-fluechtlinge.de von betterplace, GoVolunteer, HelpTo und metacollect. Obwohl alle offen für eine gegenseitige Unterstützung sind und eine zentralisierte und geteilte Datenbasis viele Vorteile hätte, wurde klar, dass das erstens extrem viele Ressourcen kosten und den Willen von Geldgebern erfordern würde – und die sind wohl in Deutschland momentan nicht vorhanden. Und zweitens würde ein solches Vorhaben in dem Alltag einer kleinen, jungen Organisation wahrscheinlich nicht die nötige Priorität genießen.

Man hat die Idee nicht ausgeschlossen, aber kleinere Schritte beim punktuellen Datenaustausch wurden eher priorisiert als direkt eine komplette Lösung anzustreben.

Eine pragmatische Lösung wäre es, so waren sich die meisten einig, die bestehenden Ressourcen stärker zu bündeln und die Kollaboration zwischen staatlichen Stellen und Zivilgesellschaft zu verstärken. Denn die gibt es bislang kaum. Es gibt „viel guten Willen, aber zu wenig Koordination“, sagte Staatssekretär Hans-Georg Engelke. Diese anzugehen ist das Thema für 2016. Denn „nur gemeinsam haben wir Schlagkraft in einem schwer finanzierbaren Sektor”, so Joana Breidenbach. Viele gute Ansätze sind da und die Ressourcen an Ideen und Motivation allemal.