Immer wenn ich davon erzähle, dass ich den internationalen Altkleiderhandel erforsche, möchten die Leute Bestätigung für ihre These, dass Altkleider lokale Textilmärkte in den Entwicklungsländern zerstören. Klingt ja auch nachvollziehbar,

denn importierte Altkleider sind bestimmt viel billiger als lokal hergestellte Textilien – zumal sie ja in den Industrienationen kostenlos abgegeben oder in Altkleider-Container verschiedener Hilfsorganisationen geworfen werden. Wenn also ein Land regelmäßig Lieferungen mit kostenlosen Klamotten erhält, werden die Menschen um so weniger neue kaufen. Diese Behauptung fußt auf verschiedenen Annahmen die ich hier als Mythen beschreibe und im folgenden diskutiere. Die Liste ist zwar nicht vollständig, konzentriert sich aber auf die wichtigsten Punkte. Mythos 1: Altkleider sind extrem billig Da ist zunächst einmal die Annahme, dass Altkleider so billig sind, dass sie eigentlich auch umsonst sein könnten. Ich habe im vorherigen Beitrag aber bereits geschrieben, dass es verschiedene Kategorien von Altkleidern gibt, und dass die High-End-Altkleider gerne auch von Leuten gekauft werden, die gar nicht auf billige Kleidung angewiesen sind. Einigen Altkleiderverkäufern in Cotonou, Benin, zufolge, erzielen Altkleider mittlerer Qualität höhere Preise als Textilien geringerer Qualität aus China. Sie beschweren sich folglich, dass der Altkleiderhandel in Westafrika durch den Import chinesischer Billig-Klamotten kaputt gemacht werde. Altkleider sind im Durchschnitt teurer als chinesische Neuware geringer Qualität. Man könnte einwenden, dass Altkleider bereits den lokalen Textilmarkt ruiniert haben und nun eben der Altkleidermarkt durch chinesische Importe ruiniert wird. Das könnte aber nur stimmen, wenn ein weiterer Mythos war wäre. Mythos 2: Die lokale Textilindustrie war einst vital Ja, es gab Textilindustrien in vielen Entwicklungsländern. (mehr Details etwa in diesem Artikel, den ich über die nigerianische Textilindustrie geschrieben hab). Nigeria hatte eine der stärksten Textilindustrien in Afrika: 1987 gab es dort 37 Textilfirmen mit 716.000 Spindeln und über 17.000 Webstühlen. Zwischen 1985 und 1991 war ein Wachstum von 67 Prozent zu verzeichnen – es scheint also, als hätte Nigeria eine vitale Textilindustrie gehabt. Jedoch war das Wachstum nicht besonders natürlich, denn es wurde durch Auslandsinvestitionen (hauptsächlich aus Indien und China) ermöglicht, die wiederum durch internationale Handelsabkommen angeregt wurden – dem so genannten Multi Fibre Agreement (MFA). Das MFA-System limitierte die Menge an Textilien, die jedes Land an Industrienationen (hauptsächlich in Europa und Nordamerika) exportieren durfte. Dies wurde hauptsächlich als ein Instrument angesehen, um die Textil-Exporte aus China begrenzen zu können. Viele Länder waren von dem MFA nicht betroffen, darunter auch Nigeria. Wenn also eine chinesische Firma von den Exportrestriktionen betroffen war, konnte sie eine nigerianische Firma kaufen und von dort aus exportieren, ohne unter das Multi Fibre Agreement zu fallen. So behaupten einige, dass das MFA, das 2005 auslief, teilweise für das Wachstum der nigerianischen Textilindustrie in den 80er-Jahren verantwortlich war. Allerdings wuchs während der gleichen Zeit auch der Altkleidermarkt in Nigeria. Die Textilindustrie wuchs also in einer Zeit, als auch der Handel mit Altkleidern wuchs. Zusammenfassed lässt sich sagen, dass einer der Gründe für lokal vitale Textilmärkte in den Restriktionen zu finden ist, die andere Länder daran hinderte, allzu viel Textilien zu exportieren. Es lässt sich aber auch sagen, dass es nichts mit Altkleider-Handel zu tun hatte. Mythos 3: Altkleider verdrängen lokal hergestellte Textilien Beispiele aus Nigeria zeigen, dass das nicht stimmt. Die am meisten getragene Textilie in Westafrika – die so genannten African Prints oder Afrikamuster – wurden ursprünglich in Europa hergestellt. Als die nigerianischen Textilfabriken gebaut wurden, gehörten zunächst auch die Afrikamuster zu den hergestellten Produkten. In Westafrika galten die Stoffe als qualitativ sehr hochwertig. Das änderte sich, als chinesische Firmen ebenfalls Afrikamuster nach Westafrika exportierten. Händler auf dem Cotonou-Markt erzählten mir oft, dass sie früher nigerianische Stoffe handelten, heute aber nicht mehr. Denn die Ware aus China habe ähnliche Qualität bei knapp dem halben Preis. Weitere Faktoren, die zum Niedergang der niderianischen Textilindustrie geführt haben, sind schlechtes Management, Mangel an Infrastruktur und hohe Rohstoffpreise. Hinzu kommt, das die Textilindustrie in den Industrienationen immer noch so stark subventioniert wird, dass die Hersteller aus Entwicklungsländern nicht konkurrieren können. Abschließend gefragt: Führen Altkleider also zum Rückgang lokaler Textilmärkte? Ich kann dafür keine überzeugenden Argumente finden. Olumide Abimbola hat gerade seine Dissertation zum Thema „Internationaler Handel mit Altkleidern“ am Max Planck Institut für ethnologische Forschung in Halle/Saale eingereicht. Er hat Feldforschung auf dem britischen und westafrikanischen Altkleidermarkt betrieben. Er bloggt unter loomnie.com. Übersetzung des original Posts.