Wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Aber heute geht es im bis zum letzten Platz gefüllten Studio der Berliner Freiheit, dem Saal mit der großen Fensterfront, genau darum: Die vermeintliche Glasdecke in der nach wie vor männerdominierten digitalen Wirtschaft zu durchbrechen. Denn heute lädt das Vodafone Institut zum großen „Women-in-Tech-Come-together“ ein.

Selbst die Frauen- und Familienministerin ist gekommen und betont in ihrer Rede, wie wichtig es ist, dass der immer noch erschreckend geringe Anteil der Frauen im Technologiebereich größer wird. Wichtig für die Produktentwicklung, für die Arbeitskultur, aber auch – und vor allem – wichtig für die Gleichberechtigung und die zukünftige Rolle der Frauen. Frau Schwesig bemängelt zurecht, dass Frauen, die technische Leistungen erbringen, zu wenig wahrgenommen werden. Gleichzeitig versichert sie: „Die digitale Agenda hat kein Geschlecht!“ Sucht man auf der Webseite der digitalen Agenda nach „Frauen“, so ergibt sich kein Treffer. Hier muss wohl dringend nachgerüstet werden.

Unglaublich witzig und einfach nur authentisch berichtet Riva-Melissa Tez, Mitgründerin von Permutation Ventures, über das Leben einer Frau im Silicon Valley. Wie sie auf Partys lange Gespräche über Brot-Sticks führte, weil man dachte, sie gehöre zum Personal oder dass sie die ewige Frage, mit wem sie denn da sei, so leid war und irgendwann darauf antwortete: „Mit meinem Ehemann, aber der wartet draußen auf mich.“ Die typische Angst der Frauen im Tech-Sektor, vielleicht doch nicht gut genug zu sein oder nicht genug zu wissen, zerstreut sie, indem sie „das größte Geheimnis“ verrät: „Nobody knows what they are doing.“ Daran hat auch sie sich erst gewöhnen müssen.

Erfahrungen und Anekdoten haben auch die vier Panelteilnehmerinnen mitgebracht, die ihre Start-ups bereits in trockene Tücher bringen konnten. Frauen werden immer wieder wie Neulinge behandelt, selbst wenn ein Unternehmen gut läuft und es um die zweite oder gar dritte Finanzierungsrunde geht, berichtet Ida Tin, Mitgründerin von Clue. Marieme Jamme, Gründerin von IAmTheCode, ist sehr stolz darauf, als Senegalesin ohne Schulausbildung britischen Frauen das Programmieren beizubringen. Wie wichtig es ist, Fehler zu machen und diese als Teil des eigenen Weges zu akzeptieren, betont Dupsy Abiola, Gründerin von InternAvenue. Und Lisa Witter, Mitgründerin von apolitical, legt allen Anwesenden nahe, sich nicht auf Beleidigungen einzulassen, sondern stets ruhig zu bleiben und ein gutes Charisma zu entwickeln. Die größte Akzeptanz hätte sie immer dort erfahren, wo ihr die richtige Balance zwischen Strenge und Wärme gelungen wäre.
Die Stimmung ist großartig. Liegt es daran, dass gefühlt zu 99% Frauen anwesend sind und man unter sich ist? Jede Speakerin wird mit großem Applaus empfangen und verabschiedet, Statements werden beklatscht. Das stimmt schon fast euphorisch und meine Sitznachbarin jubelt: „What a fantastic event!“ Doch es wird noch besser, denn jetzt stellen sich die fünf Frauen-Tech-Start-Ups  vor, die aus über 150 Bewerbungen für das sechs Wochen dauernde F-Lane-Förderprogramm ausgewählt wurden und sehr unterschiedliche soziale Problem lösen wollen.

Wie kann man eine Augenuntersuchung bezahlen, die fast viermal so viel kostet wie das durchschnittliche Monatseinkommen in Uganda? Diese Frage stellt sich mit WaziVision, gegründet von Brenda Katwesigye, nicht mehr. Mit neuer Smartphone-Technologie können die Untersuchungen nun überall an mobilen Testcentern zu geringen Kosten stattfinden. Die notwendige Brille gibt es aus recyceltem Papier und Plastik, designt ab 11$ dazu. Ebenfalls in Uganda entwickelt wurde die App Ask without Shame. Die Gründerin Ruth Nabembez, deren Eltern und Schwester an Aids gestorben sind, will damit zur Aufklärung in Uganda beitragen und das Thema Sex enttabuisieren. Vor allem Jugendliche sollen durch die App ihren Körper besser verstehen und möglicherweise lebenswichtige Informationen erhalten. Derzeit nutzen schon 25.000 Menschen dieses Angebot.

Zur besseren Sicherheit, speziell von Frauen, trägt das Armband Securella der marrokanischen Gründerin Samia Haimoura, bei, das mit einem Panic Button ausgestattet ist. Bei Knopfdruck werden Freunde oder Verwandte per Smartphone alarmiert. Katharina Schiederigs App Digi Sitter soll Eltern und Babysitter synchronisieren und damit viel Stress bei allen Beteiligten vermeiden. Und die von Bonnie Chiu mitgegründete Nonprofit Lensational zielt darauf ab, Frauen durch Fotografie eine Stimme zu geben. Viele ehrenamtliche Mitstreiter statten in derzeit 15 Ländern weniger privilegierte Frauen mit Digitalkameras aus, bieten Fotografiekurse an und sorgen so für sozialen Wandel & Selbstbefähigung.

Mittlerweile ist die Limousine mit der Ministerin schon längst an der Glasfront vorbei gefahren. Sie hatte andere Verpflichtungen und konnte weder die Paneldiskussion noch die Pitches der fünf geförderten Tech-Gründerinnen verfolgen. Schade eigentlich, denn so sichtbar wie heute waren Tech-Frauen selten.