Welche Entwicklungen haben den sozialen Sektor international und in Deutschland im Jahre 2010 geprägt? Ein Jahr, dass geprägt war von humanitären Krisen – dem Erdbeben in Haiti, Überschwemmungen in Pakistan, Waldbränden in Rußland und zuletzt noch der Ausbruch des indonesischen Vulkans Merapi. Hier meine Top 3: Boom der Spendenplattformen International ist die Zahl der Spendenplattformen weiter enorm gestiegen. Fast keine Woche (und keine labnews) verging, ohne dass nicht noch ein weiterer Online Marktplatz für soziales Engagement life geschaltet wurde. Zuletzt war es mit viel TamTam Jumo, vom frühen Facebook Mitarbeiter Chris Hughes. Dieses Wachstum ist insofern höchst problematisch, da es zu einer Fragmentierung des Marktes führt, welche zum einen kostenintensiv ist (jede der Plattformen programmiert von neuem die gleichen Funktionalitäten, von Projektansichten und -suchen bis Zahlungsprozessen), zum anderen dazu führt, dass keine der bestehenden Marken sich wirklich im Spenderbewußtsein durchsetzt. Insbesondere die geldgebenden Stiftungen in den USA (keine dieser Plattformen trägt sich selbst) beginnen nun Druck auf die Online-Plattformen auszuüben sich zu konsolidieren und ernsthaft darüber auszutauschen, wie man zusammenarbeiten kann. Lucy Bernholz rief in diesem Zusammenhang in ihrem Jahresrückblick sogar das Ende des philanthropischen dot com Booms aus. Es bleibt zu sehen, ob es den im Internet arbeitenden philanthropischen Institutionen einfacher fällt zusammenzuarbeiten oder ineinander aufzugehen, als herkömmlichen NPOs, die dafür bekannt sind, dass sie sich so lange wie irgend möglich am Leben halten. „The art of the non-profit deal“ ist leider noch nicht erfunden, da Gründer gemeinnütziger Organisationen bei einer Übernahme nicht ausgezahlt oder abgefunden werden können. Die einzige Währung, die hier funktionieren könnte, sind Geschichten: eine NPO, die eine andere übernimmt, erzählt die Organisationsgeschichte so, dass der übernommenen Organisation ein Reputationsgewinn entsteht. In Deutschland gab es kein vergleichbares Wachstum von Neuzugängen – als nennenswert fallen mir nur Phineo, wo mittlerweile 36 Organisationen bespendbar sind, sowie die Crowdfunding Plattform start next, ein. Die Grenze zwischen for-profit und non-profit verschwimmt Schon seit einigen Jahren sind Social Entrepreneurship und soziale Investitionen (in Abgrenzung von NPOs und Spenden) auf dem Vormarsch. Auf der einen Seite betreiben immer mehr private und institutionelle Geldgeber ihr soziales Engagement nach ähnlichen Kriterien wie ihr finanzielles und legen insbesondere Wert auf die (meßbare) Wirksamkeit der geförderten Projekte. In den USA spricht man davon, dass die Social Investment Branche 2010 aus der Start-up Phase in die Wachstumsphase eingetreten ist und geht von einem zusätzlichen Förderungsvolumen von $120 Milliarden aus (Bernholz, Blueprint 2010). Die meisten sozialen Investoren sind so genannte „Sektor Agnostiker“, d.h. ihnen ist es gleichgültig, ob die geförderten Organisationen gemeinnützig oder nicht sind. Hauptsache die Maßnahmen bringen den versprochenen sozialen Wandel. Auch in Deutschland wächst die Social Enterpreneurszene, so sah 2010 die Geburt von enorm, einem Magazin, welches sich dem Wirtschaften für den Menschen und der Idee des Social Business verschrieben hat und Ashoka Deutschland zeichnete so viele Fellows wie noch nie zuvor aus. In der Nationalen Engagementstrategie der Bundesregierung nimmt das Sozialunternehmertum ebenfalls einen prominenten Platz ein und die Mercator Stiftung fördert seit 2010 einen Forscherverbund, der Anwendbarkeit, Nutzen, Grenzen und Wirkungen des Konzepts Social Entrepreneurship analysiert. Zugleich haben sich weder Sozialunternehmertum noch soziales Investieren in der breiteren Öffentlichkeit durchgesetzt und außer Bonventure gibt es immer noch keinen Social Investment Fund der soziale Unternehmen finanziell fördert. Ich bin gespannt, ob hier die Entscheidung von SOCAP erstmalig 2011 eine SOCAP Europe zu veranstalten, neue Impulse setzt. Die Grenze zwischen gemeinnützigen Projekten und solchen mit Gewinnerzielungsabsichten ist auch bei einer der erfolgreichsten US-Plattformen bedeutungslos: Kickstarter. Die hier um Finanzierung bittenden künstlerischen, sozialen oder IT-Projekte konnten 2010 über $20 Millionen von 250.000 Einzelförderern einsammeln (hier das Projekt, bei dem ich eingestiegen bin und welches statt der erfragten $2.000 mit $65.000 bedacht wurde). Ob Crowdfunding auch in Deutschland abheben kann – z.B. in Form von start next – bleibt zu sehen. Geben macht glücklich, behalten macht reicher Und schlußendlich war die deutsche Reaktion auf den Giving Pledge von Bill Gates und Warren Buffet für mich ein wichtiges, wenn auch frustrierendes Erlebnis des vergangenen Jahres. Während sich mittlerweile 16 US Milliardäre öffentlich verpflichtet haben, zu Lebzeiten mindestens die Hälfte ihres Vermögens philanthropischen Zwecken zu vermachen, stieß das Spendenversprechen hierzulande auf Mißtrauen und dem Ruf nach mehr Staat. Das Fazit der McKinsey Studie Sozialen Wandel gestalten (2008), die deutsche Spendenkultur sei stark ausbaufähig, gilt auch 2010 noch. Was sind aus eurer Sicht im sozialen Sektor die wichtigsten Entwicklungen des vergangenen Jahres? Welche Bedeutung gebt ihr der nationalen Engagamentstrategie? Welche Dynamik entwickelten Online Fundraising und Social Media in 2010? Und was wünscht ihr euch für 2011?