In Japan nennen es die Menschen nur Three Eleven (3/11), das Tohoku-Seebeben, welches die Menschen hier traumatisiert hat. Fast 20.000 Tote, fast 400.000 zerstörte Gebäude, ein immer noch undichtes Kernkraftwerk. Jeder zweite hier sagt, das Beben habe die Menschen verändert, viele glauben nun nicht mehr, dass die Technologie nur ausgefeilt genug sein muss, um die Natur kontrollieren zu können. Wie reagiert eine erdbebengeplagte Gesellschaft, wenn sie von der Katastrophe in Nepal hört?

Zeigen sich die Medien besonders empathisch? Helfen die Menschen besonders engagiert, spenden sie besonders viel? Um ein Gefühl dafür zu bekommen, habe ich mir den Spendenmarkt hier in Japan zunächst im Allgemeinen und dann kurz nach dem Erdbeben in Nepal im Detail angeguckt. Eine große Hilfe war dabei die Freundin eines Kollegen bei betterplace.org: Sarah Stark wohnt und arbeitet seit zwölf Jahren in Japan und hat ihre japanische Schriftzeichen lesenden Augen für mich offen gehalten.  Zunächst zum Spenden in Japan im Allgemeinen. Wieviel? Nanako Watanabe, die Chefin von Ashoka Japan, sagt, eine „Giving Culture“ sei hier kaum vorhanden, was am Mangel von religiösen Werten liegen könnte. Man kümmere sich um die Familie, alle darüber hinaus zählten nicht viel. Doch das heißt nicht, dass in Japan nicht gespendet wird. Es gibt unzählige Orte, an denen man Gelegenheit dazu hat.
Wo? An jeder Supermarktkasse. Und davon gibt es unzählige, denn Family Markt und SevenEleven haben meist nur kleine aber dafür sehr viele Filialen. An der Kasse stehen Sammelboxen fürs Kleingeld. Warscheinlich auch, weil das schnell lästig werden kann, beobachte ich einige Leute, wie sie ihr Geld da reinwerfen. An anderen Kassen kann man das Geld in der Wechselgeldschale lassen, um es zu spenden. Auch als Sarah ihre 10.000 japanischen twitter-Follower fragt, wie sie spenden, erwähnen einige diese Geleghenheit. Wohin das Geld geht? Meist an NGOs, die sich weiterhin um das Erdbebebgebiet kümmern. Außerdem stehen Spendensammler an den U-Bahnstationen und verneigen sich ununterbrochen und gerade zu pathologisch, während sie aber doch vergleichsweise lauthals um Spenden bitten. Oft sind es Schüler, die für einen zukünftigen Mitschüler sammeln, um dessen Gebühren für die weiterführende Schule finanzieren zu können. Aber, wie das Bild zeigt: Für Tiere wird auch gerne gebuckelt (in diesem Fall Katzen).
Bei Seiyu (gehört zu Walmart) kann man Plastikkarten von NGOs aussuchen, ähnlich iTunes oder anderen Gutscheinen, für die dann aufgerundet werden. Beim Handyprovider Softbank kann man über die Handyrechnung  spenden, auch regelmäßig und monatlich, wenn man möchte. Ein paar Klicks auf der Homepage von Softbank und die Spende ist eingerichtet. Spenden über die Lohnabrechnung ist bei vielen Firmen möglich. Und beim Messenger LINE, der das Whatsapp der Japaner ist, kann man Charity-Sticker kaufen, also große und ausgefeilte Emoticons, für um die 200 Yen (ca. 1,50 Euro), die dann an Hilfsorganisationen gehen. Ob Line einen gewissen Anteil an Gebühren einbehält, konnte ich noch nicht rausfinden. In Thailand ist der Service sehr intransparent, kritisiert Kathleen, die dort gerade im Rahmen des lab around the world recherchiert.
Ein weiterer wichtiger Ort des Spendens: Der Schrein. Davor steht eine sehr große Holzkiste, und wer Geld reinwirft, darf sich einen Zettel mit einer Prophezeihung nehmen und den Gong schlagen. „Aber Du glaubst nicht, was die Priester für Autos fahren!“, sagt Sarah. Wofür? Kindererziehung und Altenpflege sind beliebte Spendenthemen, aber auch nach wie vor die vom Erdbeben 3/11 besonders hart getroffenen Gebiete. Noch heute sieht man entsprechende Spendensammler vor den Metro-Stationen. Sarah selbst spendet nach jedem 11. des Monats 10.000 Yen (ca. 80 Euro) an eine NGO. Auch cool: Bürger der Stadt Ichikawa können darüber abstimmen, wofür ein Prozent der gezahlten Steuern gespendet werden. Das stärkt die Zivilgesellschaft und das Engagement, denn die meisten möchten für Projekte vor Ort spenden, die etwas für die Gemeinschaft tun. Und da wiederum hilft man gern mit. Das Konzept funktioniert so gut, dass es andere Städte übernommen haben. Das Erdbeben in Nepal und die Spenden der Japaner Wenn man über google auf japanisch nach „Nepal“ und „Spenden“ sucht, kommt Yahoo als erster Treffer. Japan ist eines der letzten Länder, in denen der Internetservice stark ist. Das Erdbeben in Nepal ist hier Top-Thema, eine direkte Online-Spendenmöglichkeit gibt es auch, Yahoo verdoppet die Spenden sogar bis zu einer Gesamtsumme von 20 Millionen Yen. Über 50 Millionen sind bis zum ersten Mai schon zusammen gekommen. Man kann hier nicht nur mit Kreditkarte, sondern auch über seine Handyrechnung oder mit seiner T-Card spenden, das ist das japanische Punktesystem à la Payback. (Eine „Spendenwelt“ wie die von Payback und betterplace.org konnte ich nicht finden.)

Ansonsten schlägt einem google noch das Japanische Rote Kreuz vor und einen Blog, der Spendenmöglichkeiten listet. Das ist keine große Online-Ausbeute. Die Crowd-Funding-Platform ReadyFOR steht irgendwo weiter unten und hat kein Special zu Nepal auf seiner Startseite, selbst die Online-Fundraising Plattform giveone.net sieht aus wie immer. Im japanischen iTunes Store kann man Spenden im Wert zwischen 200 und 50.000 Yen kaufen (geht ans Rote Kreuz) und auch Twitter Japan ruft auf, ans Rote Kreuz zu spenden. Wohin man auch guckt: Das Rote Kreuz scheint die einzige bekannte Hilfsorganisation zu sein. Fast alle Spenden in Japan fließen ihr zu, obwohl die Organsation nach dem Erdbeben 3/11 an Ansehen verloren hat: Die Medien und viele Menschen warfen ihr Spendenmisswirtschaft und einen aufgeblähten Verwaltungsapparat vor. Aber außer Unicef und dem UNHCR sind hier kaum andere NGOs als Empfänger vertreten (vereinzelt: Ärzte ohne Grenzen). Zwangsspenden und kostenlose Flüge für NGOs Nippon-Airlines lässt verlauten: Alle NGO-Mitarbeiter und sonstige Helfer fliegen bis Ende Mai von Tokyo nach Dheli kostenlos. Kurios: Die japanische Regierung sichert nicht nur eine Milliarde Yen für Hilfsgüter zu, sondern lässt ihre Parlamentarier zwangsspenden. Jedem werden 5000 Yen vom Gehalt abgezogen, so dass noch einmal 2,4 Millionen Yen zusammenkommen. Die Begründung erinnert ein bisschen an „Der hat mich zum Geburtstag eingeladen, also lade ich ihn auch ein“: Nepal hatte nach 3/11 auch gespendet und Bettdecken geschickt. Einen Nachmittag japanische Webseiten nach Spenden für Nepal zu durchsuchen, ergibt zwar kein lückenloses Bild der Spendenreaktion hier. Aber es zeigt zumindest, dass die Online-Dienstleistungen für Spenden hier noch unterentwickelt sind. Yahoo ist der erste Ort des Spendens und die Diversität der Hilfsprojekte geht – mangels eines unterentwickelten Online-Spendenmarktes – gegen Null.