In der humanitären Gemeinschaft ist es kein Geheimnis, dass Nothilfe-Spenden keine effizienten Spenden sind. Dennoch ist es allzu verständlich, dass wir in großer Not einen Beitrag leisten wollen und sei es nur durch einen Click auf den Spendenbutton einer großen Hilfsorganisation. Was mit diesem Geld dann genau passiert, verfolgen die wenigsten von uns. Als kritische Beobachter können wir aber dazu beitragen, dass durch Hilfe nicht alles noch schlimmer wird – etwa wie Paul Farmer mit seinem neuen Buch „Haiti – after the earthquake“.

Meist gibt es einige Monate oder Jahre nach Katastrophen ein paar aufwühlende Berichte, die davon erzählen, wie viele Gelder versickerten, doppelt ausgegeben wurden oder noch auf den Konten der Organisationen lagern. Aber im Vergleich zum Spendenaufruf sorgen diese Berichte nie für wirkliche Schlagzeilen, und so kommt es, dass wir kaum aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wo kein öffentlicher Druck entsteht, dysfunktionale Praktiken zu verändern, bleibt es oft beim business as usual. Von Veruntreuung bis Underperformance So auch im Fall des Erdbebens auf Haiti, der wohl größten Naturkatastrophe der letzten Jahre. Gerade ging die Story von Wyclef Jean’s Charity Jéle durch die Presse. Offensichtlich wurde bei Jéle der Großteil der 16 Millionen Spenden-US-Dollar veruntreut. Auch der NGO-watchdog Give Well kommt zu dem Schluss, dass die Haiti-Nothilfe enttäuschend war: Ein Jahr nach dem Erdbeben waren erst 2% der Trümmer beseitigt, eine Million Haitianer noch immer obdachlos und die ausgebrochene Cholera sorgte für weitere Tausende Todesopfer. Haiti – After the Earthquake Wer ein besseres Verständnis für die Probleme von Nothilfe, aber auch von Entwicklungshilfe im allgemeinen bekommen möchte, dem empfehle ich Paul Farmers neues Buch Haiti – after the earthquake. Farmer ist einer meiner persönlichen Helden, ein medizinischer Anthropologe und Harvard-Arzt, der mit seiner Organisation Partners in Health in den letzten 30 Jahren nicht nur das Gesundheitssystem in Zentralhaiti revolutioniert hat. Farmers Arbeit ist so faszinierend, weil er sich sowohl als Arzt auf der Mikroebene für das Leben jedes einzelnen Patienten einsetzt, als auch auf der Makroebene – bei der WHO, UN oder einzelnen Regierungen – dafür kämpft, dass ärmste Bevölkerungsgruppen weltweit adäquate medizinische Versorgung bekommen. So ist es u.a. ihm zu verdanken, das die ehemals prohibitiv teuren Medikamente für AIDS und Tuberkulose mittlerweile auch für ärmere Bevölkerungsgruppen zugänglich sind. Kurz vor dem Erdbeben war Farmer von Bill Clinton zum UN Deputy Special Envoy für Haiti ernannt worden. Sein Buch beschreibt aus dieser Doppelrolle – als UN Mitarbeiter, der bei allen großen Donor-Konferenzen anwesend ist, sowie als Arzt in Haiti – die Bemühungen der „Humanitären Maschine“ in den Monaten nach der Katastrophe. Sein Bericht ist ein Armutszeugnis für die internationale Gemeinschaft und es lohnt sich im Detail zu verfolgen, wie es den Akteuren allen guten Intentionen zum Trotz  nicht gelingt, effektive Hilfe zu leisten. Farmer verfolgt die Gründe für das Versagen bis in die Geschichte Haitis zurück, beschreibt aber auch, wie eine „Fetischisierung des Prozesses“ dazu führt, dass z.B. neun Monate nach dem Erdbeben kein einziger Cent der versprochenen Millionengelder ausgezahlt worden war. Haiti – Republik der NGOs Farmer geht der Frage nach, wie es kommen kann, dass in einem Land, in dem so viele NGOs operierten wie in keinem anderen Land der Welt, immer noch so bittergroße Armut herrscht. Er schließt sich einem anderen Haiti-Kenner, dem Journalisten Mark Danner an, der von Haiti als dem great petri dish of development spricht und genau in der Omnipräsenz der NGOs eine Wurzel des Problems sieht. Da so viele Entwicklungshilfegelder an internationale NGOs, also private Organisationen, fließen werden staatliche Institutionen mehr und mehr geschwächt. Aber nur sie – öffentliche Krankenhäuser, Schulen und Wasserwerke – können eine Infrastruktur aufbauen, die allen Bevölkerungsgruppen zu Gute kommt. Dazu schreibt Paul Farmer:

The international community doesn’t know best. Local people do. NGOs like the one that I am lucky to work with cannot replace the state — nor can the United Nations or anyone else. We don’t have the expertise, and we won’t stay forever. We don’t have the same stake in building a community that the locals themselves have. And if aid is to work, it can’t fall apart when the expats leave.

Wenige Staaten waren schon vor dem Erdbeben so schwach wie Haiti. In Folge des Erdbeben starben zudem noch 20% aller Staatsdiener. Dennoch kamen nur 0,3% der verteilten 2 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau bei öffentlichen Institutionen an. Der Löwenanteil ging an amerikanische For-Profit-Firmen und NGOs. Manche argumentieren, dass Staaten wie Haiti zu korrupt sind, als dass man ihnen Geld anvertrauen könnte. Dem widerspricht Farmer: Ja, es gibt Korruption und Mismanagement, aber die gibt es auch in der Hilfsindustrie. Durch Spenden an NGOs schwächen wir den öffentlichen Sektor und geben ihm keine Chance, transparent und wirksam zu sein.

It’s impossible to be transparent and track your budgets when you lack computers, electricity, and even the personnel to do so. Until the government has the resources it needs, Haiti will remain the republic of NGOs.

Hilfsdienstleistungen untergraben die Infrastruktur des Landes auch noch auf andere Weise: Wieso importieren humanitäre Organisationen Lebensmittel, wenn sie diese auch vor Ort Bauern abkaufen und damit die lokale Wirtschaft stärken könnten? Best Practice: Partners in Health Partners in Health hat in den letzten Jahrzehnten bewiesen, wie man auch als NGO verantwortungsvoll mit Spendengeldern umgehen kann und zugleich den staatlichen Sektor stärkt (diese Einschätzung stammt nicht von Farmer selbst, sondern u.a. von Give Well, die Partners in Health Spendern als eine der wenigen transparenten und effektiven NGOs empfiehlt). Aus einer ersten Krankenstation, die Farmer in den 80er Jahren in Haiti aufgebaut hat, ist mittlerweile ein ganzes Netz an Krankenhäusern, Schulen und Ausbildungsstätten für haitianische Ärzte und Krankenschwestern entstanden, die ihrerseits wiederum die gesamte Gesundheitsstruktur des Landes untermauern. Dabei sind Tausende von Arbeitsplätzen geschaffen worden. Und Arbeitsplätze sind das, was Haiti am dringendsten braucht. Jobs für Haitianer oder amerikanische Firmen? In seinem Buch entwirft Farmer eine Vision, was mit den 10.2 Milliarden US-Dollar, die die internationale Gemeinschaft für die Rekonstruktion in Aussicht gestellt hat, erreicht werden könnte. Als Vorbild dient ihm dabei insbesondere der erfolgreiche Wiederaufbau von Ruanda nach dem Genozid.

If we focused our efforts on the singular task of getting them jobs — even if we did nothing else — Haiti’s reconstruction could be a success.

Einheimische, viele von ihnen gut ausgebildet und begierig der Armut zu entkommen, könnten eingesetzt werden, um die Trümmer zu beseitigen, die zerstörten Regierungsgebäude wieder aufzubauen und das ganze Land, welches fast vollständig abgeholzt ist, mit Bäumen zu bepflanzen. Von den 9.8 Millionen Bürgern waren über die Hälfte vor dem Erdbeben arbeitslos. Aber alles deutet darauf hin, dass sie es bleiben werden, denn die internationale Gemeinschaft hat gerade mal 116.000 Haitianern im Zuge des Wiederaufbaus einen Job gegeben. Denn das Geld fließt vor allem in die Hände ausländischer (meist US-amerikanischer) Firmen und NGOs. Haiti – after the earthquake ist ein aufwühlendes Buch. Farmers Bericht wird ergänzt durch Aufsätze seiner haitianischen Mitstreiter, Ärzte, Anthropologen und Aktivisten, die aus ihren Perspektiven das Erdbeben und seine Folgen dokumentieren. Es hinterläßt mich mehr denn je mit der Überzeugung, dass wir uns sehr genau überlegen müssen, in welchen Fällen Spenden an NGOs Sinn machen und wie der Mix aus staatlicher und privater Finanzierung aussehen sollte. Zudem gilt es, darauf zu achten, dass NGOs staatliche Kapazitäten nicht untergraben und genau die Ansätze, die Arbeitsplätze schaffen, vordringlich zu fördern.