Im Rahmen unserer Feldforschungsreihe lab around the world haben wir 2016 ein spezielles Thema untersucht: Digitale Technologien in der Flüchtlingshilfe. Wir trafen kleine, tech-affine Initiativen in Griechenland, die Flüchtlingslager-Management aus einer Musik-Festival-Perspektive betrachten. Wir sprachen mit etablierten NGOs in der Türkei, die Probleme mit zu großen Excel-Dateien haben. Und fragten uns in Jordanien, warum es hier so wenige digital-soziale Initiativen gibt. Vor allem aber fragten wir die Geflüchteten in allen drei Ländern: Was haltet hier von all den Apps und Info-Webseiten, die „wir im Westen“ für euch gebaut haben?

 

 

 

Direkt zum PDF der Studie (english only my friend):

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Die 32-seitige Studie „ICT4Refugees – A report on the emerging landscape of digital responses to the refugee crisis“ basiert auf den Ergebnissen unserer Feldforschung, die wir zusammen mit Kiron Higher Open Education im März 2016 im Auftrag von BMZ und GIZ betrieben haben. Drei ganz grundsätzliche Erkenntnisse haben wir mitgebracht:

  • Die hohe Smartphone-Nutzungsrate unter Geflüchteten birgt das große Potential, mit ICT-Ansätzen auch eine große Reichweite und Wirkung entfalten zu können
  • Für die Diversität und Innovation in der dynamischen Landschaft digitaler Projekte sind neben den alten Akteuren zunehmend auch neue, agile Akteure verantwortlich.
  • Projekte, die Bedürfnisse von Geflüchteten und ihr ICT-Nutzungsverhalten nicht verstehen, haben kaum Aussicht auf Erfolg.

Bezüglich der Bedürfnisse der Geflüchteten wurde in allen drei Ländern schnell klar: Noch eine App, noch eine Info-Webseite sind in den seltensten Fällen sinnvoll. Fast alle Menschen, mit denen wir gesprochen haben, bekommen alle Informationen aus Whatsapp- (Vertrauenslevel hoch) oder Facebook-Gruppen. Und so lauten unsere sieben Empfehlungen:

  1. Mit dem arbeiten, was vorhanden ist. Eine neue Software zu entwickeln ist aufwändig, deshalb sollte man überlegen, ob sich bestehende Programme adaptieren lassen.
  2. Hürden für die Nutzung einer IKT-Lösung sollten so niedrig wie möglich sein, die Anwendung soll zu den Usern kommen, die überwiegend Facebook und WhatsApp nutzen.
  3. Vor-Ort-Expertise und User-Centred Design sind unerlässlich.
  4. Eine App allein macht’s nicht fein. Eine digitale Lösung ein- zuführen, ist nicht einfach. Ihre Reichweite hängt auch von den Akteuren ab, mit denen man kooperiert und ob Mittel zur Verfügung stehen
  5. Datenschutz muss Priorität haben. Flüchtlinge können Schaden nehmen, wenn ihre persönlichen Daten in falsche Hände geraten. Bewusstsein und Expertise beim verantwortungsvollen Umgang mit Daten ist sehr wichtig.
  6. Die Digitalkompetenz der Flüchtlinge und Helfer sollte beachtet und nötigenfalls in entsprechenden Kursen gestärkt werden, damit diese das Potenzial des Internets besser zur Selbstermächtigung nutzen können.
  7. Civic Tech (kleine, digital-soziale Initiativen) sollte das breite Spektrum der etablierten Akteure nicht unterschätzen, die etablierten Akteure nicht das Potenzial der agilen und dynamischen Civic Tech-Akteure. Es braucht Formate für Austausch und Zusammenarbeit, die die Stärken beider Seiten für Flüchtlinge in Wert setzt.