Kann man via Skype die Heilungschancen eines Ebola-Erkrankten erhöhen? An der bisher schlimmsten Ebola-Epidemie in Afrika sind laut Angaben der WHO bereits 6.070 Menschen gestorben. Internationale Organisationen, Regierungen und Gesundheitshelfer haben in den vergangenen Monaten viele kreative, technische Lösungen entwickelt um den Menschen vor Ort zu helfen. Worin liegt ihr Potenzial und wie können sie auch die Arbeit der Helfer vor Ort effektiv unterstützen?

Während der Ausbruch des Ebola-Virus in Nigeria in kurzer Zeit gestoppt werden konnte, ist die Situation in den drei westafrikanischen Ländern Liberia, Guinea und Sierra Leone kritisch – in letzterem steigt momentan noch die Anzahl der Neuerkrankungen. Die ohnehin schwachen Gesundheitssysteme in den betroffenen Staaten sind mit der Patientenversorgung völlig überfordert. Mit einer intensiven medizinischen Versorgung ist die Überlebenschance eines Erkrankten um ein Vielfaches höher – das  beweisen die wenigen Fälle in den USA und Europa. Es kommt bei der Behandlung vor allem auf eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung und die Überwachung des Elektrolytehaushalts an. Dafür braucht es ein geschultes Pflegepersonal, das den Zustand des Patienten rund um die Uhr im Auge behält. Weil es in den westafrikanischen Ländern jedoch nicht genug Personal gibt und außerdem die Gesundheitszentren schlecht ausgestattet sind, liegt die Wahrscheinlichkeit, an Ebola zu sterben, momentan zwischen 50-70 Prozent. IKT in der Gesundheitsversorgung In unserem Innovationsreport „Wie Kommunikationstechnologien Leben verbessern“ hat das betterplace lab bereits die wichtige Rolle neuer Technologien (Handys, Apps, das Internet und transportable Geräte) in der Gesundheitsversorgung untersucht: Ihr Potenzial liegt vor allem in der Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten, aber auch in Administration und Management sowie (Weiter-)bildung von Personal. Sie zeigen zudem neue und effiziente Wege auf, um bisher unterversorgte oder schwer erreichbare Menschen und Gesundheitshelfern besser zu helfen. Der Erfindungsreichtum an neuen, kreativen IKT-Lösungen, die die Arbeit der Helfer in den Ebola-Gebieten unterstützten sollen, ist enorm. Besonders effektiv wirken sie vor allem im Zusammenspiel. TechChange hat dazu eine gute, übersichtliche Infografik erstellt:

Geo-Mapping Neben der Behandlung eines Infizierten ist es ebenso wichtig, zurückzuverfolgen, wie sich die Krankheit ausbreitet. Das Team der Humanitarian OpenStreetMap hat seit Beginn der Epidemie versucht, diese Spuren auf einer digitalen Landkarte zu erfassen. Unterstützt wird es von der globalen Freiwilligenorganisation Standby Taskforce, die zudem auch Informationen über die vorhandenen Gesundheitseinrichtungen sammeln und in eine Karte einpflegen. Administration 2.0 Viele Gesundheitseinrichtungen, vor allem in entlegenen Regionen, befinden sich in einem sehr schlechten Zustand. Das überlastete Personal muss sich neben der Behandlung der Patienten auch um die Erfassung aller Daten in den Krankenakten kümmern. Damit dieser Prozess (zeit-)effizienter gestaltet werden kann – und die Informationen schneller an die zentralen Behörden weitergeleitet werden – hat die US-amerikanische Organisation Magpi eine digitale Lösung entwickelt, mit der Mitarbeiter alle relevanten Patienten-Informationen über ihr Handy versenden können, die dann in eine Datenbank eingepflegt werden. SMS-Service und Online-Übersetzung Damit Gesundheitspfleger selbst auch immer auf dem neuesten Stand in Sachen Patientenversorgung sind, versendet der SMS-Service mHero regelmäßig Updates über Ebola. Und um Einwohner in entlegenen Regionen über Risiken und Vorsorge aufklären zu können, bietet Translators Without Borders kostenlos online Übersetzungen von Plakatkampagnen in lokale Sprachen an. Skype Viele Menschen weigern sich, ihre erkrankten Verwandten in den Gesundheitseinrichtungen abzugeben. Vor allem Mütter haben Angst, ihre Kinder nie wieder lebend zu sehen. Der physische Kontakt ist aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr während der Behandlung strengstens untersagt. Diese zusätzliche psychische Belastung verringert die Heilungschancen für die Erkrankten und führt dann eben dazu, dass viele Menschen zu Hause bleiben und weitere Personen in ihrer Umgebung anstecken. Aus diesem Grund hat Save the Children in einigen Einrichtungen die Möglichkeit genutzt, innerhalb lokaler Netzwerke eine Skype-Verbindung zwischen Erkrankten und Angehörigen einzurichten. Hier konnten sie sich austauschen, Zuspruch erhalten und den Kontakt zur Außenwelt halten. Social Media Über Ebola und Möglichkeiten ihrer Behandlung sind inzwischen viele, teils gefährliche Informationen im Umlauf. So hat das Baden im und Trinken von Salzwasser natürlich keinen heilenden Effekt – stattdessen gab es in Folge mehrere Todesopfer, die dieser Theorie Glauben geschenkt haben. Daher nutzen die WHO und andere Organisationen ihre Social Media Kanäle, um solche Falsch-Informationen möglichst im Keim zu ersticken. Facebook & Co. mag vielleicht in Guinea und Sierra Leone nur von einer Minderheit genutzt werden – viele Einwohner haben aber Verwandte in der Diaspora, denen sie meist größeren Glauben schenken als staatlichen Initiativen. Einwanderer in den USA oder Europa sind die Zielgruppe solcher Social Media-Kampagnen, denn sie stehen besonders in Krisenzeiten wie jetzt mit ihrer Familie in engem Kontakt. Hackathons Das GEN Editors Lab, ein Programm, das regelmäßig Entwickler, Journalisten und Designer im Rahmen von 2-tätigen Hackdays zusammenbringt, um neue Prototypen verschiedenster Arten zu entwickeln, hat eine Serie von drei Hackathons in Accra, Lagos und Dakar gestartet. Ziel ist, SMS-basierte Lösungen zu entwickeln, die möglichst viele Menschen in den betroffenen Regionen erreichen und sie über die Krankheit aufklären und Unterstützung bieten. Die Gewinner der Hackathons werden von einer Expertenjury ausgewählt, die ihnen dann auch bei der Umsetzung ihrer Ideen beratend zur Seite steht. In Nigeria hat EbolaGo gewonnen: Es stellt wichtige Informationen und Updates über den Ebola-Status im Web, per SMS und als App für’s Smartphone bereit. Zusätzlich ermöglicht es die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, bzw. Arzt und Krankenhaus. Wie Nigeria Ebola besiegt hat Nigeria wurde vor einigen Wochen offiziell von der WHO als Ebola-frei erklärt. Das schnelle Eingreifen der Behörden nach Bekanntgabe der ersten Infizierten, die Ausrufung des Notstands und ein sehr gut abgestimmtes Vorgehen aller Verantwortlichen sind nur eine der Gründe warum das bevölkerungsreichste Land Afrikas vergleichsweise glimpflich davon gekommen ist. Denn obwohl Nigeria als digital nur schwach durchdrungen gilt (nur 8,1 Prozent haben Zugang zu einem eigenen Computer), haben IKT vor allem bei der Informationsweitergabe eine entscheidende Rolle gespielt. Nigeria liegt nämlich trotz seiner schlechten digitalen Infrastruktur auf Platz drei der Twitter-Nutzerrate in Afrika. @EbolaAlertTwitter, von einem Zahnarzt gestartet, hatte in kürzester Zeit 76.000 Follower, die Informationen über die Krankheit und Hilfe-Hotlines erhalten wollten. Ebenso hat die Regierung täglich mehrere SMS an über 50.000 Nigerianer versendet, in denen sie über die Krankheit aufgeklärt hat. eHealth & Informations Systems hat eine App entwickelt, mit deren Hilfe Gesundheitspersonal Symptome ermitteln und Berichte versenden konnten. Das hat die Zeit, die normalerweise für die Berichterstattung über Neuinfektionen gebraucht wird, um 75 Prozent reduziert. Aussicht Neben den oben bereits genannten Vorteilen von IKT im Bereich Gesundheit liegt ihr Potential in Krisensituationen wie der Ebola-Epidemie also vor allem in der Schnelligkeit der Berichterstattung, Datenübertragung und Bereitstellung von Informationen. Bei einer so hoch infektiösen Krankheit wie Ebola ist dies besonders wichtig. Dennoch: Um die Krankheit nachhaltig und vollständig in den Griff zu bekommen, müssen bald entsprechende Impfstoffe entwickelt werden. Erst im nächsten Jahr rechnet die WHO mit einem wirklichen Durchbruch. Bis dahin werden weitere (digitale) Zwischenlösungen gefunden. Partners in Health entwickelt beispielsweise eine flexible Datenbank und IT-Plattform, in der alle Erkenntnisse über die Krankheit jetzt und zukünftig gesammelt werden und sich darüberhinaus ein Netzwerk zwischen Industrie, Wissenschaft und Spendenorganisationen bilden soll, das mit vereinten Kräften neue Weg beschreitet.