Im Frühjahr 2010 bekam ich eine 15-seitige E-Mail von einer angeblichen Prostituierten, die den Journalisten und Betreiber der Website Charity:watch, Stefan Loipfinger, als perversen und gefährlichen Kinderschänder denunzierte.

Die Umschreibungen waren derart überzogen, dass ich eine Verleumdung vermutete. Denn Loipfinger geht auf seiner Website intransparenten und kriminellen Machenschaften gemeinnütziger Vereine und Stiftungen nach – hat da vielleicht einer der Kritisierten überreagiert? Ja, schrieb Loipfingerauf Charity:watch, er sollte gezwungen werden seine Website innerhalb von 4 Tagen zu schließen, andernfalls würde die Kampagne gegen ihn fortgesetzt. Mit seiner Kritik bringt Loipfinger seit Jahren viele Organisationen in Verlegenheit – jetzt hat er seine Anklagen und Argumente in einem Buch veröffentlicht: Die Spendenmafia. Schmutzige Geschäfte mit unserem Mitleid. (270 Seiten, Knaur Verlag). Misanthropen und andere Menschen, die in ihresgleichen vor allem das Schlechte sehen, kommen bei der Lektüre voll auf ihre Kosten. Die Bandbreite des Unanständigen reicht von verhältnismäßig harmlosem Betrug wie selbstgebastelten Spendensiegeln bis hin zu spenden- finanzierten Tiertransporten, bei denen Tiere als Drogenkuriere dienen. Hinzu kommt das triste Dasein von Drückerkolonnen, die auf der Straße und am Telefon Spendenabos verticken, die vor allem ihren Bossen, aber kaum bedürftigen Menschen und Tieren zu gute kommen. Auch die weit verbreitete Intransparenz bekannter Charitygalas wie der UNESCO Gala, bei denen niemand so richtig weiß, wieviel genau bei den sozialen Projekten vor Ort ankommt, prangert Loipfinger an. Loipfinger fragt nach Transparenz – und bekommt Anwaltsklagen als Antwort. Der Journalist argumentiert sehr detailliert, er legt seine Recherchen zu fragwürdigen Praktiken und offenkundigen Veruntreuungen von Spendengeldern offen – stößt aber meist sehr schnell auf eine betonharte Mauer des Schweigens. Diese Mauer wurde ihm gebaut von Vereinen und gemeinnützigen Organisationen, bei denen er nach Rechenschaftsberichten und Details über die Mittelverwendung anfragt, aber auch der Politik und Institutionen wie dem Spendenparlament, die ebenfalls unfähig oder unwillig sind, Auskünfte zu erteilen. Die meisten von ihm angeschriebenen Organisationen empfinden es offensichtlich als Frechheit, dass jemand sie um Transparenz bittet und drohen schnell mit Anwaltsklagen – jene Orgas, die auf ihren Broschüren und Websites betonen, wie wichtig ihnen Transparenz ist. Nur in den wenigsten Fällen kann er sich auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft oder einer Behörde wie der ADD, der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier stützen. Letzte ist die einzige deutsche Instanz, die Spendensammlungen kontrolliert, deren Hoheitsgebiet aber nicht über Rheinland-Pfalz hinausragt. Tier- und Kinderschutz sind des Betrügers Lieblingsthemen Und so kann Loipfinger den Spendenmarkt, der jedes Jahr Begehrlichkeiten in Höhe von 4 Milliarden Euro weckt, als einen fast völlig unregulierten Markt beschreiben, in dem Mißbrauch weitgehend ungeahndet floriert. Denn anders als in vielen anderen Ländern besteht in Deutschland für gemeinnützige Vereine, gGmbHs oder Stiftungen keine gesetzliche Offenlegungspflicht ihrer Ausgaben und Einnahmen. Loipfinger betont an vielen Stellen ausdrücklich, dass er nicht das ganze Spendenwesen anklagt, sondern es ihm um die Organisationen geht, die die Leichtgläubigkeit und Großzügigkeit unbedarfter Spender ausnutzen, um daraus eigenen wirtschaftlichen Profit zu ziehen. Die meisten treiben dabei im Tierschutz und in der Kinderhilfe ihr Unwesen, beides Themen die viele Menschen in Deutschland besonders berühren und wo sie offensichtlich auch besonders leichtgläubig sind. Der Vereinsvorstand kauft bei jenem Adresshandel, welcher der Ehefrau gehört. Das Buch zeigt Beispiel für Beispiel, wie Vereine, die wohlklingend nach Mutter Theresa oder anderen bekannten Wohltätern benannt sind, Hunderttausende bis Millionen Euro jährlich für das Verschicken von Bettelbriefen, Einlegern für Zeitungen oder Drückerkolonnen ausgeben und nur ein kleinster Teil der Spendengelder bei den Projekten vor Ort ankommt. Dabei ist es eine feine Gradwanderung zwischen wirklich betrügerischen Organisationen, deren einziger Zweck die Bereicherung ihrer Betreiber ist und den Heerscharen von intransparenten Organisationen, bei denen nur ein Bruchteil der Spendengelder, vielleicht 5-30%, den eigentlichen Begünstigten zugeführt wird. Sehr beliebt ist beispielsweise die Verteilung der Kosten im eigenen Netzwerk. Viele Vereinsvorstände, die im Buch beschrieben werden, haben Marketingagenturen oder Adressenhändler, die von ihren Ehefrauen oder anderen Familienmitgliedern geleitet werden und bei denen der Verein dann Bettelbriefe und andere Dienstleistungen in Auftrag gibt. Promis machen I-Ah! und lassen sich vor den Charity-Karren spannen. Aber Fundraisingkosten werden nicht nur von Betrügern in die Höhe getrieben. Auch bei vielen etablierten Organisationen, die mit bekannten Agenturen wie der SAZ-Gruppe zusammenarbeiten, stehen die Ausgaben in keinem vertretbaren Verhältnis zu den Einnahmen. Keine Spenderin würde ihnen Geld geben, wenn sie wüßte, wie wenig Gutes mit dem Geld geleistet wird. Erstaunlich auch, wie unkritisch sich Prominente, Schauspieler, Musiker oder Fernsehpersönlichkeiten vor den Charity Karren sperren lassen und für Organisationen werben, bei denen völlig unklar ist, wie sie die Gelder ausgeben und von denen viele nicht bereit sind ihre Geschäftsberichte offenzulegen. Wenn Organisationen sagen, dass sie ihre Ausgaben gemäß den Satzungszwecken ausgeben, heißt das nicht viel. Ich habe schon mehrmals von Geschäftsführern von großen, seriösen Hilfsorganisationen gehört, dass die Werbebriefe, mit denen immer noch die meisten Spender gewonnen werden, sinnvolle Investitionen sind, da sie Aufmerksamkeit für das Problem – ob Kinderarmut oder Regenwaldabholzung – erzeugen. Ich möchte den Spender sehen, der sich freut, wenn sein Geld in diese Art von Aufklärungsarbeit fließt statt in Projekte vor Ort. Was sind Loipfingers Forderungen?

  • Das Gesetz zur Veröffentlichungspflicht von Jahresabschlüssen für Kapitalgesellschaften muss auf Gemeinnutzige Orgas erweitert werden – zum Schutz des Spenders vor Mißbrauch, aber auch, um den Staat zu schützen, denn da gemeinnützige Institutionen steuerbegünstigt sind, verzichtet der Staat hier auf bedeutende Einnahmen. (Bei Mißbrauch wird Spender also 2-fach geschädigt, einmal direkt und einmal als Steuerzahler).
  • Errichtung von Kontrollbehörden auf Länderebene.
  • Diskussion in der breiten Öffentlichkeit über die Effizienz und Wirksamkeit von Spendengeldern (wünsch ich mir auch schon lange).
  • besser informierte Spender, damit Geld zu ehrlichen Organisationen, die ernsthaft bemüht arbeiten, fließt.
  • Sehr gut: nicht immer nur mehr Geld fordern, sondern die vorhandenen Gelder sinnvoller einsetzen. Umverteilung.

Dem nicht informierten und gutgläubigen Spender öffnet Die Spendenmafia bestimmt die Augen. Ich frage mich aber, ob diese Zielgruppe so ein Buch überhaupt liest. Für Menschen, die sich ohnehin schon mit den negativen Folgen der Intransparenz im sozialen Sektor beschäftigen, bietet das Buch hingegen leider eine Überdosis an reißerischer Sprache, die sich kaum von der der Spendensammler unterscheidet. Manches ist mir zu pauschal und nicht kritisch genug. Zu pauschal etwa wenn der Eindruck entsteht, alle an der Akademie für Fundraising in Frankfurt/Main ausgebildeten Spendensammler würden ins scheinheilige Geschäft mit den Gefühlen einsteigen. Zu unkritisch, wenn die strukturellen Widersprüche des gesamten Spendenwesens nicht hinterfragt werden: Alle Spenden sammelnden Hilfsorganisationen tendieren dazu, ihre Arbeit mehr an den Bedürfnissen ihrer Geldgeber auszurichten, als an denen ihrer Begünstigten. Die guten unter ihnen sind trotz dieser Dynamik ständig ernsthaft bemüht ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen. Unglaublich günstig: Ein Quadratmeter geretteter Regenwald für nur 0,4 Cent! Ich muss gestehen, dass ich die meisten der von Loipfinger genannten Hilfsorganisationen nicht kannte, auf jeden Fall scheinen sie nicht betterplace als Fundraising-Plattform zu nutzen. Die Namen, die Loipfinger in einem Kapitel über Cause-Related Marketing nennt – Krombacher, WWF, Volvic/Danone und Unicef – sind aber den meisten vertraut. Umso interessanter, was der Autor über diese Kooperationen schreibt: Jeder, der in den fünf seit 2002 ausgerufenen Aktionszeitfenstern einen Kasten Krombacher Bier kaufte, rettete dadurch, so das Werbeversprechen, einen Quadratmeter Regenwald. Günter Jauch und Rudi Völler waren bekannte Werbeträger der Aktion. Wie teuer ist denn eigentlich die Rettung eines Quadratmeters Regenwald? Loipfinger hat nachgerechnet: Krombacher hat 3,35 Millionen Euro gespendet. Bei 83 Millionen verkauften Kästen Bier verkauft sind das 0,4 Cent etwa 4,7 Cent pro Kasten, bzw. Quadratmeter… Ähnliches gilt für Volvic: pro Liter spendete das Mutterunterrnehmen Danone gerade mal o,2 0,02 0,002 Cent an Unicef für den Bau von Brunnen in Äthiopien. Ich schließe mich Loipfinger an, dass solche Kooperationen zwischen Unternehmen, Kunden und Hilfsorganisationen grundsätzlich gut sind. Aber die Relation zwischen Imagegewinn für das Unternehmen und der Höhe der Spende muss stimmen. Und vor allem muß der Verbraucher wissen, wieviel – oder in diesen beiden Fällen besser wie wenig – für den guten Zweck gespendet wird. Stefan Loipfinger hat sich mit diesem Buch bestimmt keine neuen Freunde gemacht. Aber vielleicht ist es ein Anstoß, dass Politik und Medien sich dieses Themas grundsätzlicher annehmen. Denn von einer breiten Debatte über die Chancen und Risiken des Spendenwesens können wir alle nur profitieren.