Vor kurzem fand in einer der letzten geteilten Hauptstädte der Welt, Nikosia auf Zypern, die Build Peace-Konferenz statt. Hier trafen sich Friedensforscher und Tech-Experten, Entwickler und Aktivisten aus aller Welt, um zu diskutieren, ob und wie Technologien Friedensprozesse nachhaltig fördern können. Drei zentrale Fragen standen diesmal im Mittelpunkt: Wie können Technologien Menschen bei ihrer Friedensarbeit unterstützen? Wie können sie vormals von Konflikt und Gewalt geprägte Verhaltensstrukturen beeinflussen? Wie kann der Impact solcher Maßnahmen gemessen werden? Franziska, selbst Friedens- und Konfliktforscherin, war dabei und berichtet von spannenden Projekten und interessanten Einblicken in die Tech4Peace-Bewegung.

Als 2008 die Online-Plattform Airbnb im kalifornischen Silicon Valley gegründet wurde, war der Erfolg dieses neuen Geschäftsmodells noch kaum absehbar. Mittlerweile kann man auf der Website zwischen einer Million privaten Unterkünften aus 192 Ländern und 26.000 Städten wählen – in diesem Jahr wird der Umsatz laut Prognosen bei einer halben Milliarde US Dollar liegen (was ein Plus von 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet). Täglich verbinden sich tausende Menschen auf der Plattform miteinander, vermieten oder buchen Übernachtungen, pflegen Profile oder bewerten sich gegenseitig – quer über geografische oder kulturelle Grenzen hinweg. Die Plattform fördert damit im Grunde die diplomatischen Beziehungen zwischen Bürgern unterschiedlicher Nationalitäten– “citizen diplomacy” – und bezeichnet sich sogar selbst als ein Unternehmen, das aktiv zur Friedensförderung beitragen will. Technologien verbinden Menschen miteinander Warum dieser Gedanke gar nicht so abwegig ist, erklärt Martin Nelson, Gründer des Stanford Peace Innovation Lab. In seinem Panel diskutierte er mit anderen Teilnehmern über die  Frage, wie Friedenstechnologien unser Verhalten nachhaltig beeinflussen können. Er sieht in ihnen eine vermittelnde Rolle mit dem Ziel, unseren Austausch miteinander im positiven Sinn zu unterstützen und zu fördern.

Der erste Konferenztag fand in der St. Nicholas Kirche im türkischen Teil Nikosias statt und gab eine eindrückliche Kulisse für die verschiedenen Vorträge und Panels.


Die erfolgreiche “Israel loves Iran”- Kampagne ist ein weiteres anschauliches Beispiel für diese neue Art der citizen diplomacy. Der israelische Grafiker Ronny Edry, ebenfalls auf dem Panel vertreten, berichtet davon, wie er die Facebook-Seite 2012 ins Leben gerufen hatte. Er und seine Frau hatten ein Foto von sich mit der Bildunterschrift “Iranians, we love you, we will never bomb your country” online gestellt. In Reaktion darauf taten es ihnen tausende Israelis nach und setzten damit ein Zeichen, dass entgegen der offiziell sehr angespannten politischen Beziehungen die Bürger beider Länder keinen Sinn in einer kriegerischen Eskalation des Konflikts sahen. Begeistert erzählt Ronny, wie viele Nachrichten ihn heute noch erreichen von Israelis und Iranern, die sich auf Facebook angefreundet und in der “realen Welt” zu einem Treffen verabredet haben.

Peacebuilding nicht mehr nur Sache der Regierung und NGOs Kampagnen dieser Art machen deutlich, dass viele friedensfördernde Projekte und Ideen nicht mehr nur unbedingt im klassischen Peacebuilding-Bereich, d.h. im Umfeld von Regierungen und großen NGOs, entstehen. Vielmehr sind es inzwischen einzelne Individuen auf der ganzen Welt, die es verstehen, Technologien intelligent und effizient zu nutzen, um ihre Ideen umzusetzen. Wie Dlshad Othman, ein junger Informatiker aus Syrien, der “Aymta” entworfen hat, eine App als Raketenfrühwarnsystem, die Eilmeldungen über mögliche Einschläge in Syrien an alle Nutzer sendet. Oder “Uvirtus”, ein Programm, dass es Syrern erlaubt, Videos über den Konflikt sicher und anonym auf youtube hochzuladen. Ronnys Kampagne und DIshads Programme sind Teil eines Veränderungsprozesses im Bereich Friedensforschung und Konfliktlösung, der von einzelnen Kritikern als “Entprofessionalisierung” des Feldes bezeichnet wird. Man könnte es aber auch mit den Worten von Sheldon Himelfarb, dem Direktor des United States Institute of Peace beschreiben: “Conflict prevention and peacebuilding are getting a new cast of characters and an exciting new script”. Dieses neue Skript erzählt von einer Industrie für Friedenstechnologien, die durch den demokratisierten Zugang zu Information und Kapital Innovationen hervorbringt, die Leben retten und neue Jobs schaffen.

Neuen Ideen gehen oft traurige Ereignisse voraus

Oft geht dem Ganzen ein ausschlaggebendes Ereignis voraus, wie zum Beispiel im Fall der Crisis Mappers: Als 2012 Haiti von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde, fanden sich innerhalb kürzester Zeit im verschneiten Boston eine Gruppe Freiwilliger zusammen um die schlechte Informationslage zu verbessern. Sie begannen aus Social Media-Posts und Tweets von Betroffenen relevante Informationen zu filtern (Wo wird Hilfe benötigt? Wo gibt es Verletzte? Wo sind Krankenhäuser intakt/stehen Nahrungsmittel oder Medizin zur Verfügung?) und diese auf einer digitalen Landkarte zu taggen. In Zusammenarbeit mit einem lokalen Mobilfunkanbieter wurde kurz darauf sogar ein Notfall-SMS-Service eingerichtet, an den Hilfesuchende ihre Nachrichten direkt senden konnten. Weil die Flut an SMS nicht zu bewältigen war, wurden hunderte weitere Freiwilliger weltweit zusammen getrommelt, um die Nachrichten zu übersetzen und in die Karte einzupflegen. So konnten Helfer vor Ort immer genau nachvollziehen, wo ihr Einsatz am dringendsten benötigt wurde (Die ganze Story kann man hier nochmal nachlesen). Inzwischen hat sich eine feste Community – Standby Task Force – etabliert, die sich nach Katastrophen innerhalb kürzester Zeit organisieren um gemeinsam die Flut an Informationsmaterial zu bewältigen und darzustellen.

Jede Zahl steht für die Anzahl von Berichten in dem jeweiligen Gebiet. Durch Zoomen können die einzelnen Meldungen ausgewählt werden. Bild: Ushahidi Haiti Project.


Patrick Meier, einer der Initiatoren des Projekts (seine Frau befand sich zum Zeitpunkt des Erdbebens in Haiti), ist überzeugt, dass dies nur ein kleiner Vorgeschmack auf das Potential zukünftiger humanitärer Hilfe ist. In seinem Vortrag hebt er auch die besondere Rolle von Drohnen hervor, die diese mittlerweile nach Naturkatastrophen wie dem Erdbeben in Nepal einnehmen. Sie nehmen nicht nur Bilder auf und helfen, einen Überblick über ein Krisengebiet zu erlangen – in Syrien versorgen sie Menschen mit Nahrungsmitteln sowie Medizin und ersetzen damit bemannte, lebensgefährliche Einsätze für die Piloten. Das Syria Airlift Project bindet dabei möglichst viele Syrer bei der Umsetzung ein: IT-Experten warten die Drohnen, Freiwillige statten sie aus, Kinder bemalen sie. Das Projekt sieht es zudem als Aufgabe, die negative Wahrnehmung von Drohnen als reines militärisches Gerät in der Öffentlichkeit, aber auch im Umfeld von NGOs, die im Bereich Peacebuilding aktiv sind, zu ändern. Denn auch Satelliten, selbst das Internet, wurden ursprünglich aus militärischen Mitteln entwickelt und finanziert. Wer macht sich über deren Herkunft heute noch Gedanken? „Dual Use“ von Technologien

Festzuhalten bleibt: Technologien (und somit auch Drohnen) sind per se neutral und als Instrument zu verstehen, das im Sinne des Nutzers einen positiven oder negativen Zweck verfolgen kann. Peacebuilder natürlich wollen einen in ihrem Sinne positiven Impact erzeugen. Die meisten Vortragenden haben jedoch angemerkt, dass es für sie weiterhin eine große Herausforderung darstellt, diesen darzustellen und zu messen. Ein paar vielversprechende Ansätze liefern da zum Beispiel der SCORE Index (misst den Frieden in multi-ethnischen Gesellschaften) oder die Arbeit des Peace Informatics Lab der Universität Leiden dar.

Dass Technologien aber auch für die falsche Message eingesetzt werden können, zeigen gerade jüngste Beispiele aus Syrien und dem Irak. Durch die erfolgreichen Social Media Kampagnen der ISIS auf Facebook, Twitter und YouTube schaffen sie es, jeden Monat hunderte freiwillige Kämpfer in die Krisengebiete zu locken.

Selbst wenn sie mit positiven Intentionen eingesetzt, lassen sich durch Technologien allein natürlich keine Konflikte lösen. Und trotz des Erfolgs vieler „spontaner“ Initiativen von Menschen wie Ronny oder Patrick, die sich nicht im klassischen Sinn als Peacebuilder verstehen, schienen sich die Teilnehmer der Konferenz in einem Punkt einig: Technologien wirken für NGOs und Regierungen vor allem dann zielführend, wenn sie auf dem Wissen erfahrener Peacebuilder aufbauen, die sich über die Konfliktstrukturen und die Bedürfnisse der Zielgruppen in den entsprechenden Gebieten bewusst sind.

Lese-Tipp: Mehr Informationen zu dem Thema findest Du in dieser Studie der Alliance for Peace: #PeaceTech. Everything you need to know, from social media in Afghanistan to humanitarian drones in Syria.