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Von Couchpotatoes zu Aktivisten

24.08.2010 | Author: Joana Breidenbach | 0 Kommentare

In den vielen Diskussionen während unseres Strategie-Workshops (Dennis hat darüber geblogt) kam mir immer wieder die Rolle der Technikoptimistin zu. Insbesondere als es darum ging für unseren Trendreport die Chancen und Risiken digitaler Medien für den sozialen Sektor herauszuarbeiten, überwogen für mich die Chancen bei weitem potentielle Probleme (wie gut, dass es im Team auch ein paar kritische Köpfe gibt, die dafür sorgen, dass im fertigen Report Worte wie „revolutionär“ und „innovativ“ maßvoll Verwendung finden werden.)

Cognitive Surplus

Bestätigung für mein Vertrauen in das Potential digitaler Medien für eine bessere Welt fand ich allerdings auch in meinen Sommerlektüren, darunter Clay Shirkys neuestes Buch Cognitive Surplus (Kognitiver Überschuss). In ihm beschreibt der New Yorker Kommunikationswissenschaftler (dem wir schon das phantastische Here Comes Everybody zu verdanken haben) wie digitale Technologien unsere brachliegenden Talente und guten Intentionen zu Tage fördern und für das Gemeinwohl nutzbar machen.

Fast 2 Milliarden Menschen verfügen mittlerweile über einen Netzzugang – und sie haben jährlich über eine Trillionen Stunden freie Zeit zur Verfügung. In den letzten Dekaden verbrachten wir diese Zeit zu einem bedeutenden Teil vorm Fernseher – allein Amerikaner sitzen zusammen jährlich 200 Milliarden Stunden vor dem Flimmerkasten. Doch mit dem Web 2.0 verändert sich das Freizeitverhalten: erstmalig haben Menschen die Möglichkeit nicht nur passiv zu konsumieren, sondern selbst zu Produzenten zu werden, indem sie ihre Kreativität öffentlich ausleben und gemeinsam an Großprojekten – vom Apache Webserver über Wikipedia bis zu Ushahidi – arbeiten.

Soziale Medien bieten Amateuren, die bislang ihre Hobbies im Keller und ihr Wissen im kleinen Kreis gepflegt haben, die Möglichkeit dies öffentlich und gemeinsam zu machen. Die Barrieren, die einem Austausch und einer Zusammenarbeit bislang im Wege gestanden haben, sind gefallen. Nutzer-generierte Inhalte erobern das Netz: jede Minute werden 24 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen, Twitter erhält täglich über eine Millionen Worte.

Was motiviert Menschen sich kostenlos zu engagieren?

Wieso bringen so viele Menschen sich im Netz ein – ohne dafür bezahlt zu werden? Shirky beschreibt eine Reihe eindrucksvoller psychologischer und soziologischer Experimente, die belegen, dass unser Bild vom Menschen als primär finanziell und materiell motiviert völliger Unsinn ist. Vielmehr haben wir eine Vielzahl intrinstischer immaterieller Bedürfnisse und es sind diese für die das Internet eine kostengünstige und einfach zu bedienende Bühne bietet.

Dazu zählen Bedürfnisse wie die eigenen Kompetenzen zu erweitern („in dieser Programmiersprache/ Fototechnik ... habe ich mich verbessert“), sich selbst darzustellen („diesen Song/blogpost ... habe ich geschrieben“), soziale Kontakte zu knüpfen und durch gemeinsame Aktionen („gemeinsam haben wir 2000 € gesammelt“) und Dialoge („gegen die Nebenwirkungen dieses Medikaments hat mir ein Glas Milch sehr geholfen“) zu vertiefen. All dies macht uns selbstbewusster und zufriedener.

Die neuen Ausdrucksmöglichkeiten können für alle möglichen Zwecke eingesetzt werden: für weitgehend sinnleere, etwa wenn Menschen in Foren süße Katzenbilder oder Sexpics tauschen. Aber vieles trägt eben auch zum sozialen Wohl bei. Als ein Beispiel für letzteres beschreibt Shirky die Aktivitäten der Fans des amerikanischen Baritons Josh Groban.

Grobanites for Charity

2002 überlegten Grobans Fans im Online Forum, was sie ihrem Star zum 21. Geburtstag schenken könnten. Eine Teilnehmerin hatte die Idee, in Grobans Namen Spenden für die wohltätige Organisation des Produzenten ihres Lieblingssängers, zu sammeln. Innerhalb von wenigen Tagen hatten die Fans, die sich nun Grobanites for Charity nannten, über 16.000 US$ zusammen. Angespornt von ihrem Erfolg veranstalteten sie mehrere Internet-Auktionen, sodass nach einem Jahr schon 75.000 $ Spendengelder zusammen gekommen waren. Doch das Engagement der Fans beschränkte sich nicht aufs Fundraising. Sie wollten, dass diese Gelder einer NPO zugute kamen, die direkt mit Josh Grobans Namen assoziiert war und setzten sich bei Grobans Anwälten für die Gründung der Josh Groban Foundation ein.

Im Vergleich zum Offline-Leben geschah hier alles rückwärts: während Stiftungen und Vereine normalerweise von Gründern selbst ins Leben gerufen werden und im Anschluss Mitglieder und Gelder gesucht werden, waren es hier die Mitglieder und Spendensammler die zuerst da waren und später auf die Gründung einer NPO drängten. Mittlerweile haben die Grobanites ihre Tätigkeiten weiter expandiert; nicht nur, dass sie weiterhin erfolgreich Spenden sammeln, sie haben auch einen Ableger, Grobanites for Africa gegründet, über den afrikanische Kinderprojekte unterstützt werden.

An einer Fülle detaillierter Beispiele – darunter Patients Like Me und Responsible Citizens - analysiert Shirky die Organisationsformen und Wirkungsweisen kollaborativer Produktionen und beschreibt wie digitale Medien es ermöglichen, dass lose miteinander verbundene Gruppen von Amateuren Aufgaben effektiver und zum großen Teil kostenlos bewältigen können, an denen monetäre Märkte, Regierungen und hierarchische Non Profit Organisationen scheitern.

Das Buch ist eine unterhaltsame und handlungsorientierte Einführung in die Dynamiken des partizipativen Webs – für gemeinnützige Organisationen genauso geeignet, wie für Individuen, die die Welt verändern wollen.

Hier finden Sie ein Interview mit Clay Shirky in Wired und den dazu dassenden Video-Talk

Joana Breidenbach

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