Spenden Reiche anders?

Vor ein paar Wochen nahm ich an einer Diskussion im Industrieclub Hannover teil. Thema des Abends war Social Return on Invest und sozial engagierte Unternehmer wie Dirk Rossmann und Martin Kind diskutierten, inwiefern sie sich mit der sozialen Rendite ihres philanthropischen Engagements beschäftigen und dieses messen (sie tun es nicht und sehen auch keine Notwendigkeit dafür).
Dabei kam die Sprache auch auf die Rolle wohlhabender Bürger in Deutschland, wobei allgemeines Unverständnis über den Giving Pledge von Buffett/Gates laut wurde. Sei es nicht ausreichend, wenn wohlhabende Deutsche im Stillen spendeten? Und auch wenn sie keine genauen Zahlen kennen würden, so würden reiche Deutsche bestimmt ebenso viel spenden wie ihre amerikanischen Kollegen.
Nun liegen die Herren mit dieser Selbsteinschätzung arg daneben, wie ein Blick in die neue Studie von Susanna Krüger und Knut Bergmann zu den Einkommensquellen der Zivilgesellschaft deutlich macht: anders als in den USA hängt die Finanzierung in Deutschland zu einem überwältigenden Maße am staatlichen Tropf, während private Philanthropie im Verhältnis zu den Gesamtausgaben nur einen unbedeutenden Part einnimmt (die letzten validen Zahlen aus dem Jahre 1995 ergeben einen Anteil von 3,4%).
Vermögen in Deutschland
Über das soziale Engagement von wohlhabenden Deutschen ist wenig bekannt. Nur, dass es weit hinter dem von amerikanischen Reichen rangiert. Umso interessanter fand ich deshalb die Ankündigung einer neuen Studie zu Vermögen in Deutschland. Heterogenität und Verantwortung (Dank an Stephan Schwahlen für den Hinweis), in der rund 500 wohlhabende Haushalte auf ihr gesellschaftliches Engagement untersucht wurden.
Auf welche Weise nutzen die obersten drei Prozent der Deutschen, eingeteilt in Wohlhabende (ab 200.000€ frei verfügbarem Vermögen), Reiche (500.000 - 1 Mio€) und High-net-worth Individuals (HNWIs sind Menschen mit über 1 Mio. frei verfügbarem Vermögen), ihre Möglichkeiten um gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft zu gestalten?
Herausgefunden haben die Sozialwissenschaftler, dass vermögende Deutsche weit davon entfernt sind, homogen zu sein. Es gibt altes Geld, junge Gründer und Lottomillionäre, die sich in Wertvorstellungen, Lebensstil und auch sozialem Engagement erheblich unterscheiden.
Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: so engagieren sich vermögende Deustche im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung stärker; 81% gaben an, sich mit Geld und/oder Zeit gesellschaftlich einzubringen. Dabei spielt die Höhe des Vermögens keine signifikante Rolle, da "Reiche" sich verhältnismäßig weniger engagieren als "Wohlhabende". Dagegen hat Religiosität einen signifikant positiven Einfluss: Menschen, die sich als "sehr religiös" bezeichnen kümmern sich mehr ums Gemeinwohl als Atheisten (90% vs. 73%).
Wer weniger hat oder sich Reichtum hart erarbeitet hat, ist großzügiger
Interessant fand ich, dass diejenigen, die sich ihren Reichtum erarbeitet hatten wesentlich großzügiger waren als die, die durch Erbe oder Finanztransaktionen reich geworden waren. Die persönliche Erfahrung, wie schwer und oft auch willkürlich es ist, viel Geld zu verdienen, begünstigt die Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft. Dies wird durch neue psychologische Studien ergänzt, die zeigen, dass einkommensschwache Gruppen verhältnismäßig mehr Geld spenden, da sie aus eigener Erfahrung wissen wie wichtig Hilfe ist und umso stärkere Empathie entwickeln.
57% der deutschen Privatspenden fließen in Katastrophenfonds. Bei den vermögenden Deutschen sind es nur 43%, sie geben dafür signifikant mehr für Forschung, Wissenschaft und Kultur aus. Mit mehr Geld nimmt auch die Anzahl der Spendenzwecke zu: 30% der Wohlhabenden, aber 55% der HNWI engagieren sich in mindestens drei verschiedenen Bereichen.
Bleibt noch die Frage nach der Spendenhöhe. Durchschnittlich spendeten die Befragten 4.500€ im Jahr. Bei Wohlhabenden lag der Betrag bei 3450€, bei HNWI stieg er auf 8740€ an (verglichen mit 325€ in der Gesamtbevölkerung). Die höchste ermittelte Spende der Interviewten belief sich auf 403.150€.
Welches Bild hinterläßt die Studie jenseits der Zahlen? Vermögende Deutsche reden nicht gerne über Geld und Engagement, viele angefragte Personen verweigerten sich einem Interview, mit der Folge, dass das Forschungsdesign umgestellt werden mußte. Von einer Erneuerung der Vermögenskultur und "mehr Philanthropie in Deutschland", wie es vor einigen Jahren eine McKinsey Studie gefordert hatte, sind wir offensichtlich noch weit entfernt. Dies ist umso bedauerlicher, als unser staatslastiges Sozialsystem vor einem radikalen Wandel steht, infolge dessen sich Privatpersonen stärker einbringen werden müssen.
Susanna plädiert in dem oben erwähnten Artikel für eine neue Vermögenskultur und schreibt, dass ein
sehr viel größerer Beitrag nicht nur wünschenswert, sondern auch gesellschaftlich notwendig ist. Nur eine Gesellschaft, an der möglichst viele teilhaben und an der sich möglichst viele beteiligen, ist auch eine gerechtere und nicht zuletzt starke Gesellschaft. Soziale Exklusion funktioniert nämlich auch nach oben.
Ein größerer Finanzierungsmix mit bedeutend mehr privatem Engagement (und dies meint ausdrücklich nicht nur große Vermögen) bedeutete auch eine stärkere persönliche Identifikation mit den jeweiligen Organisationen und beförderte ein neues Qualitätsbewusstsein für u. a. soziale Dienstleistungen in Deutschland.
Wenn dem so wäre, dann würden sich wohl auch mehr Vermögende für die Wirksamkeit ihrer sozialen Tätigkeiten interessieren und nicht, wie die Herren im Industrieclub, (nur) ihr Bauchgefühl walten lassen. Das sinnvolles philanthropisches Engagement schwer ist und genauso kritisch beleuchtet werden sollte wie Unternehmertum haben jüngst gerade wieder Barack Obama (mit seiner Spende an das jetzt demontierte Central Asia Institute) und Madonna in Malawi schmerzlich zu spüren bekommen.
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Ich bezweifle die Aussage, dass religiöse Reiche mehr an Zeit und Geld geben als atheistische. Solche Zahlen hängen oft mit dem Fragestil der Umfragen zusammen.
Hedonistische Egoisten und humanistisch geprägte Religionsfreie Menschen unter "Atheisten" zu subsumieren, ist ein arroganter Grundfehler einer Gesellschaft, die immer noch von der Idee geprägt wird, dass eine Religion haben besser sei als Gutes einfach nur zu tun, weil man Menschen wertschätzt ohne einen metaphysischen Machtapparat zu akzeptieren.
Solche tendenziösen Fragen diskreditieren die ansonsten interessante Studie.
Hallo Joana, du schreibst "81% gaben an, sich mit Geld und/oder Zeit gesellschaftlich einzubringen." Da würde mich interessieren, wie das Einbringen von Zeit -- wahrscheintlich als freiwilliges Engagement oder Ehrenamt -- aussieht. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass freiwilliges Engagement und Ehrenamt ein Phänomen der Mitte unserer Gesellschaft ist. Wohlhabenden Deutschen hätte ich tendenziell überhaupt kein Ehrenamt unterstellt. Wenn du aber auch auf das Einbringen von Zeit hinweist, vermute ich, dass sich das Engagement von wohlhabenden von dem der bürgerlichen Mitte unterscheidet.