Poor Economics: Warum man Arme fragen sollte, um Armut zu erforschen.
Blogpost von Ben Mason, vor dessen Deutsch ich meinen Hut zücke!
Alle sind sich einig, dass wir Armut bekämpfen und den Milliarden der extrem Armen helfen müssen. Aber die Frage, wie wir das am Besten machen sollten, führt schnell zu einer erregten Debatte: Manche denken, es fehle einfach genug Geld; anderen behaupten, es sei ein komplett neuer Ansatz nötig; dritte meinen, dass Entwicklungszusammenarbeit (EZ) sogar schädlich sei und abgeschafft werden sollte.
Diese Debatte ist geprägt von pauschalen Feststellungen und vereinfachenden Sterotypen, die nicht hilfreich, sondern oft sogar kontraproduktiv sind – so das Fazit von Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo in ihrem hervorragenden neuen Buch ‚Poor Economics: A radical rethinking of the way to fight global poverty‘. Die Mitgründer des Poverty Action Lab (J-PAL) am M.I.T. plädieren dafür, dass wir mit zu groβen Fragen wie „Funktioniert EZ überhaupt?“ aufhören und stattdessen spezifischere, beantwortbare Fragen stellen sollten, mit Fokus auf konkretem Beweismaterial statt Hypothesen.
Die Fragen spezifischer zu stellen, bringt aber nichts, wenn wir keine Aussicht auf gute Antworten haben. Deshalb nutzen Banerjee und Duflo mit ihren Kollegen im J-PAL die neue Methode der randomisierten kontrollierten Versuche (randomized controlled trials, RCTs), um konkrete Daten zu schaffen.
Beispiel Kinderimpfungen. Wir wissen, dass Impfungen sehr effektiv Leben retten, aber trotz der vielen Programme in diesem Bereich bleibt die Impfungsrate in vielen Bezirken sehr niegrig – manchmal bei unter einem Prozent. Um festzustellen, warum das so ist, haben die Forscher einen RCT in 134 Dörfern des Gebiets Udaipur in Indien durchgeführt, in dem sie die Dörfer zufällig in verschiedene Versuchsgruppen eingeteilt haben. Es wurde entdeckt, dass in den Dörfern, in denen durch regelmäβige Impf-Camps die Behandlung müheloser gemacht wurde, die Impfungsraten dreimal so hoch waren wie bei der Kontrollgruppe. Wenn zusätzliche Anreize geboten wurden – etwa ein Kilo kostenlose Linsen für jedes geimpfte Kind –war die Rate mehr als sechsmal so hoch. Das sind wertvolle Informationen für die künftige Planung von kostengünstigen Programmen.
In Poor Economics liest man auch die bunten Geschichten von mexikanischen Schülern, nigerianischen Lagerinhaberinnen und vielen anderen der 865 Million Menschen weltweit, die von weniger als 99 US-Cent pro Tag leben. Und wir lernen von RCTs, die versuchen festzustellen, wie man am besten Bettnetze gegen Malaria verbreiten, Kinder länger in Schulen behalten, und Bauern in Entwicklungsländern helfen kann.
Valide Ergebnisse - Aha-Erlebnisse
Diese Experimente führen oft zu überraschenden Ergebnissen. Entwurmenstabletten zu verbreiten, ist zur Verbesserung des Bildungsniveaus beispielsweise wesentlich kosteneffektiver, als in neue Lehrer zu investieren. Andere Befunde sind umstritten, weil man sie als kritisch gegenüber der Mikrofinanzierungsbewegung wahrgenommen hat. Zwar zeigte die Studie, dass die Menschen mit den Mikrokrediten fundierte Investitionen in ihre Unternehmen machten – aber sie konnte keine Verbesserung bei der Gleichberechtigung von Frauen oder bei Investitionen in Gesundheitspflege oder Bildung nachweisen. Die Autoren behaupten nicht, dass Mikrokredite keine Wirkung haben, sondern nur, dass sie nicht das Allheilmittel sind, welches ihre Befürworter während der „Jahrzehnte des Zuvielversprechens“ haben vermuten lassen. So entsteht in Poor Economics mehrmals ein überraschend komplexes Bild. Banerjee und Duflo betonen immer wieder: Es gibt keine Universallösung.
Hungern für einen Fernseher
Wird dieses Buch also als die Tausenden, die gegen Armut kämpfen, entmutigen? So gibt es immer wieder Fälle, in denen sich die Armen gegen Hilfsangebote sträuben. Etwa wenn sie hohe Summen für Gesundheitsversorgung ausgeben sollen, obwohl sie vorbeugende Maßnahmen abgelehnt hatten; Mütter müssen bestochen werden, damit sie ihre Kinder impfen lassen. Ein Helfer würde beim Lesen sicher verzweifeln - warum handeln diese Menschen einfach nicht in ihrem eigenem Interesse? Das ist die falsche Frage, denn sie handeln durchaus in ihrem eigenen Interesse. Es mag nur für den Helfer schwer nachvollziehbar sein, wenn Menschen hungern, um für einen eigenen Fernseher zu sparen. Vielleicht lohnt es sich aber für den Hungernden, weil der Fernseher aus seiner Sicht seine Lebensqualität enorm verbessert?
Man darf nicht den Fehler machen, die Armen als zweidimensionale Gestalten statt der komplexen Individuen zu sehen, die wir alle sind. Die Armen haben Gründe für ihr Handeln. Diese Gründe sind vielleicht nicht immer rational aber stets nachvollziehbar. Vielleicht fehlen ihnen manchmal wichtige Informationen, oder ihr Dasein ist so prekär, dass sie risikoscheu sind, auch wenn sie dadurch ein gute Chance verpassen können. Wie wir auch entscheiden sie sich manchmal für kurzfristigen Nutzen wie Fernsehen oder Tabak statt für langfristige sinnvolle Investitionen wie etwa Sport.
Barfüßige Hedgefond-Manager
Das Buch macht die aufschlussreiche Beobachtung, dass es für uns in entwickelten Ländern mit unseren Altersvorsorgen und Pflichtbildung verhältnismäßig leicht ist, das Richtige zu tun (wobei wir doch alle die Verlockung kennen, vernünftige Aufgaben zu verschieben - denkt mal an all die gescheiterten Neujahrsvorsätze und ungenutzten Mitgleidschaften im Fitnessstudios). Die Armen aber tragen "Verantwortung für zu viele Aspekte ihres Lebens", und da sie ständig Chancen und Risiken abwägen müssen, benehmen sie sich wie "barfüßige Hedgefond-Manager".
Doch eigentlich ist Poor Economics eine Botschaft der Hoffnung. Wir müssen weg von einfachen Stereotypen, unbegründeten Spekulationen und der dadurch produzierten irregeführten Politik. Wenn wir uns die Zeit nehmen, um die Komplexität der in Armut lebenden Menschen und ihre Probleme zu verstehen, kann man wirklichen Fortschritt machen - das Buch gibt zahllose Beispiele von erfolgreichen Programmen und vielversprechenden neuen Richtungen. Aber auch wenn mit diesem Ansatz die Probleme zunächst noch abschreckender und hartnäckiger scheinen: "Der Erfolg kann manchmal näher sein, als es den Anschein hat".
Mit seinem differenzierten Blick auf Armut ist Poor Economics ein wirklich empfehlenswertes Buch.
Hier erzählt Esther Duflo mehr über RCTs.
Poor Economics bei Amazon zur Zeit nur auf Englisch erhältlich
Banjeree und Duflo diskutieren über Poor Economics im indischen NDTV:
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