Open Japan – dreimal um die Welt in 72 Stunden
Über Pfingsten fand in den weitläufigen Räumen der STATION Berlin Open Japan statt, eine Veranstaltung, bei der Entwickler, Architekten und Designer aus der ganzen Welt zusammenkamen, um für das Erdbebengeschüttelte Japan nachhaltige architektonische Projekte zu entwickeln.
Der Ausgangsgedanke von Organisatoren Daniel Dendra und Frederike Beha ist, dass Katastrophengebiete nicht nur von Geldspenden profitieren, sondern das andere Ressourcen - Zeit, Wissen und Erfahrung - ebenso wertvoll sind. Doch diese sind oft schwerer zu organisieren.
Staffellauf rund um die Welt
Um herauszufinden, wie eine weltweite Kollaboration für humanitäre Zwecke aussehen kann, kamen deshalb vom 10. - 12. Juni Programmierer, Designer und Architekten in 4 verschiedenen Zeitzonen zusammen um gemeinsam an konkreten Projektideen zu arbeiten. Den Anfang machte eine Gruppe in Tokio, die möglichst konkrete Probleme aus der vom Erdbeben betroffenen Region in Form von Projekten auf die Open Japan Plattform hochladen sollte. Nach 6 Stunden übergaben die Japaner an Teams in Chennai und Moskau, die ihre Arbeitsresultate wiederum via Skype an unsere Berliner Crew weitergaben, aber auch an je ein Team in Paris, Lissabon und Turin. Die europäischen Gruppen gaben die weiter entwickelten Projekte 6 Stunden später an Teams in NYC und Kansas ab, bevor sie wieder in Japan landeten. Dieser Staffellauf wurde dreimal – von Freitag früh bis Sonntag abend durchlaufen, wobei sich die Problemstellung jeden Tag etwas veränderte.
Unsere Berliner Crew wurde noch ergänzt durch eine Gruppe von Programmierern, die die Plattform, auf der die Projekte hochgeladen und bearbeitet wurden im gleichen Zeitraum errichteten.

Allen Teams konnte man online in einem Livestream beim Arbeiten zuschauen
Schwimmende Städte, Burning Man-Festivals, Gedenkpyramiden und PET-Boote
Entstanden sind 99 Projektideen: schwimmende Bauelemente, die die Städte ins Meer hinaus verlängern, ein Burning Man Festival mit dem Touristen in die betroffenen Gebiete gelockt werden können, um die Wirtschaft anzukurbeln, eine Pyramide als Grab und Gedenkstelle für die vielen unidentifizierten Toten. Eines meiner Lieblingsprojekte sind Fischerboote, die aus Plastikmüll errichtet werden können. Die Fischer, deren Boote nicht nur zerstört wurden, sondern die durch den nuklear verseuchten Küstenstreifen auch ihre Lebensgrundlage verloren haben, könnten, so eine ergänzende Projektidee, im Auftrag der internationalen Gemeinschaft in diesen Booten als Aufräumbrigarde die riesigen Plastikmüllberge beseitigen, die in unseren Weltmeeren schwimmen.

Faszinierend war für mich zu sehen, wie eine höchst heterogene Gruppe für 72 Stunden für Karma-statt-Kohle zusammen arbeitet; mal in größeren Gruppen brainstormt (in Berlin moderiert von Ole Tillmann), dann wieder alleine vor ihren Rechnern Ideen detaillierter ausarbeitet. Wie sie auf den Problemstellungen und Ideen ihrer Vorgänger aufbaut, diese modifiziert, verwirft, einzelne Aspekte weiterspinnt und alle Arbeitsschritte wiederum auf der Plattform dokumentiert und an die nächste Crew übergibt.
Können Sozialunternehmer so zusammenarbeiten?
Auch im sozialen Bereich ist “Kollaboration” ein vielbeschworenes Ideal und Ideenwettbewerbe wie Ashokas Changemakes und Open Ideo bemühen sich der Tendenz entgegenzuwirken, dass jeder Teilnehmer (Sozialunternehmer/NGO) sein eigenes Silo baut. Doch beobachtet man den Austausch, der auf diesen Plattformen wirklich stattfindet, so ist mein Eindruck, dass er das Potential des Internets in keinsterweise ausschöpft.
Das mag zum einen daran liegen, dass im Design- und Architekturbereich schon eine lange Tradition der Zusammenarbeit in Teams existiert; eine Arbeitskultur die auch für die teilnehmenden Drupal Entwickler selbstverständlich ist.
Die Dynamik von Open Japan ist aber wahrscheinlich ebenso auf den Eventcharakter zurückzuführen - es ist einfacher eine Gruppe von Menschen für eine konzentrierte Aktion zu mobilisieren und vor allem das Momentum zu halten, als wenn man einen Ideenwettbewerb über viele Wochen oder Monate laufen läßt. Zusammenarbeit war bei Open Japan von Anfang an untrennbar in die DNA des Ablaufs integriert, während sie bei den oben erwähnten anderen Ideenwettbewerben als gewünschtes Element übergestülpt, aber nicht wirklich incentiviert wird.
Ein "Fundathon" für Open Japan?
In einer Session am 3. Tag überlegten wir in Berlin, wie eine ähnliche Dynamik für das Fundraising der entstandenen Projekte aussehen könnte. Die Projekte bleiben als Ideencloud auf der Open Japan Plattform bestehen und können von allen Interessierten kommentiert und weiterentwickelt werden. Sollten sich genügend Menschen finden, die das ein oder andere Projekt umsetzen wollen, könnte man einen "Fundathon" aufsetzen.
Die Ausgangsbedingungen sind gut: es gibt weltweit Dutzende von kreativen, engagierten Menschen, die an Open Japan teilgenommen haben und die ihre Netzwerke auch für die Beschaffung von Geldern aktivieren könnten. Reizvoll fände ich es diese Gruppe mit einer anderen Gruppe zusammenzubringen: den vielen professionellen Fundraisern, die für NGOs arbeiten und gerade dabei sind zu lernen, wie sie das Internet zum Fundraising nutzen können. Ein Open Japan Fundraiser könnte ein spannendes Experimentierfeld sein, in dem Online Fundraising Experten für 72 Stunden zusammenkommen um, nicht für ihre eigenen Organisationen, sondern für ein gemeinsames Open Japan Projekt ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einbringen und dabei in einem offenen Raum neue Formate wie twitterthons und Tools wie Spendenaktionen austesten oder ganz neue Ansprachen und Strategien gemeinsam entwickeln.
Was haltet ihr von einem solchen Format und welche Bedingungen müßten erfüllt sein, damit deutsche Fundraising-Experten dabei einsteigen würden?
