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Hillary Clintons Berater im Gespräch: Wie digitale Medien Politik grundlegend verändern

17.04.2012 | Author: Joana Breidenbach | 0 Kommentare

Gestern traf sich in der Stiftung Neue Verantwortung eine kleine, lebhaft diskutierende Gruppe, um mit Ben Scott, dem Policy Advisor for Innovation für Hillary Clinton, das Thema 21st Century Statecraft - The Future Role of Open Government, Technology and Innovation zu diskutieren.

Ben Scott ist einer der Vordenker des amerikanischen Außenministeriums, und es war spannend zu hören, wie junge tech-affine Berater, die als Quereinsteiger ins Zentrum des politischen Apparats gekommen sind, versuchen, digitale Medien in den Bereichen Diplomatie, Entwicklung und politische Entscheidungsfindung zu integrieren.

Von Anfang an, so berichtet Ben, war Hillary Clinton entschlossen, dass digitale Medien nicht nur ein abgetrennter neuer Bereich im Außenministerium sein sollte, sondern ein integraler Bestandteil aller Abteilungen und Aufgabenfelder. Dafür rekrutierte sie außerhalb der etablierten Politikerkanäle und holte gleich nach ihrer Amtsernennung Ben und seinen Kollegen Alec Ross aus dem Obama-Camp in ihr Minsterium.

Der twitternde Botschafter

Im Bereich der Diplomatie kann Social Media effektiv dafür eingesetzt werden, die eigenen Botschaften zu verbreiten und Institutionen ein menschlicheres und interessanteres Gesicht zu geben. Als Meister der neuen Kommunikation entpuppte sich beispielsweise der amerikanische Botschafter in Moskau Michael McFaul, der via blog und twitter genauso über interessante Ausstellungen und persönliche Begegnungen wie über Politik schreibt und damit einen höchst effektiven, menschlichen Kommunikationskanal in die russische Gesellschaft aufgebaut hat.

Die neuen bottom-up Kommunikationsformen dürfen jedoch nicht nur als Sendungsmedium für die eigenen Botschaften verstanden werden. Diplomaten müssen vor allem lernen, sie als Seismographen für die Belange der Öffentlichkeit zu nutzen, d.h. dafür besser in ihre Zielgruppen hineinzuhorchen. Um erfolgreich in Netzwerken navigieren zu können muss die nächste Generation von Diplomaten ein neues Selbstverständnis haben und dem entsprechend werden sich Rekrutierungsqualifikationen für den diplomatischen Dienst und die Ausbildung an sich verändern. Die Zeit, die Diplomaten mit dem Verfassen von Memos und Informationen verbringen, ist zum großen Teil völlig überflüssig, da 90% der klassifizierten Informationen heutzutage online sowieso schon verfügbar sind.

Wael Ghonim, noch nie von gehört!

Einmal von dieser unproduktiven Arbeit befreit, könnten Auslandsentsandte viel effektivere Arbeit on the ground leisten, z.B. in dem sie sich besser mit den unterschiedlichsten sozialen Milieus der Länder  vertraut machen. Wie wenig dieser Kontakt in die lokale Bevölkerung heutzutage gegeben ist, wird z.B. dadurch deutlich, dass die Botschaften in den arabischen Staaten von den Revolutionen des letzten Jahres völlig überrascht waren. Als Ben mit den Entsandten die Namen der bedeutsamen Aktivisten und twitterer durchging, mussten sie feststellen, dass diese den amerikanischen Diplomaten alle völlig unbekannt waren, da sie nur mit den jeweiligen Eliten kommunizierten. In Zukunft müsste dieser top-down Dialog durch einen direkten Kanal zu viel breiteren Bevölkerungsgruppen ergänzt werden. Ein neuer Kanal, durch den Technologiebegeisterte Studenten für den amerikanischen diplomatischen Dienst gewonnen werden sollen, ist der Virtual Student Foreign Service, bei dem sich Studenten für online Volunteering Jobs in den Botschaften bewerben können.

Entwicklungshilfe als  Wegbereiter für IT-Unternehmen

In Bezug auf den Einsatz von Technologien im Entwicklungsbereich beschrieb Ben Scott, dass in Zukunft Entwicklungshilfeorganisationen vor allem dabei helfen sollten die richtigen Rahmenbedingungen für technische Innovationen zu schaffen, die dann von Unternehmen genutzt werden können um Geld zu verdienen und zugleich soziale Probleme zu lösen. Wandel sei weniger davon zu erwarten, dass die EZ selbst digitale Technologien auf innovative Weise in ihre Programme einbaut. Statt dessen würde USAID heute z.B. im Kongo dafür arbeiten, das die Bankgesetze sich dahingehend verändern, dass mobile banking Fuß fassen kann und dadurch indirekt wirtschaftliches Wachstum angekurbelt wird.

Politisch disruptiv

Grundsätzlich sprach Ben Scott von einem fundamentalen Wandel der politischen Strukturen durch digitale Medien, dessen Anfang wir gerade erst erleben und in deren Folge sich hierarchische Systeme wie das Auswärtige Amt den Dynamiken einer Netzwerkgesellschaft stellen müssen, die sich mittels Mobiltelefonen und Internet einfach selbst organisieren kann, um Politik von unten mit zu gestalten. Scott verschwieg nicht, dass es im politischen Establishment viel Widerstand gegen diese Veränderungen gibt. Aber, so sein Fazit, die politischen Eliten und Systeme, die sich diesem Wandel öffnen und konstruktiv experimentieren, werden die maßgeblichen Spieler der Zukunft sein. Denn nicht nur ist der Geist längst aus der Flasche entwichen und wird nicht wieder einzufangen sein, die Chancen partizipativere und transparentere und damit bessere Politik zu gestalten überwiegen bei weitem die Risiken.

Dank an Lars Zimmermann für die Einladung zu der spontanen, aber umso inspirierenderen Veranstaltung!

Joana Breidenbach

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