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Heiligt der Zweck die Mittel – wie sollten NGO’s mit Marktbeherrschern wie Facebook, Youtube, Twitter umgehen?

19.03.2012 | Author: Joana Breidenbach | 17 Kommentare

Letzte Woche erreichte uns diese Mail von Samantha Staudte von der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. Wir fanden ihre Frage so interessant, dass wir sie gerne untereinander und mit euch diskutieren möchten. Also, laßt euren Kommentaren freien Lauf!

Hallo liebes betterplace-Team,

ich habe eigentlich keinen Gastbeitrag, sondern eher eine „Gastfrage“, zu der ich gerne mal die Meinung anderer hören würde.

Ich arbeite für eine NGO, die den Machenschaften und dem Einfluss von Großkonzernen und Banken sehr kritisch gegenübersteht. Immer wieder bekommen wir daher von Mitgliedern und Unterstützern auch Kritik darüber zu hören, dass wir Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube etc. für unsere Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Als Beispiel zitiere ich hier mal aus einer Mail, die uns vor einiger Zeit erreichte: Kritisiert wird, dass wir damit Unternehmen unterstützen/promoten, deren Firmenpolitik intransparent ist, die Monopolstellung inne haben und und deren Umgang mit persönlichen Daten mehr als fragwürdig ist.

Doch sind nicht gerade 'Facebook' und 'Youtube' genau diese Haie, welche u.a. bekämpft werden sollen? Der x-fache Milliardär Mark Zuckerberg ist doch nur ein drohendes Beispiel dafür! Auch nutzen Sie sicher die Möglichkeiten eines Herrn Bill Gates, eines ebenfalls zigfachen Milliardärs? Also gegen Großkonzerne wettern, aber diese nutzen – ist das einer Ihrer Philosophien?

Natürlich sollte man Marktbeherrschern wie Youtube, Google und Facebook kritisch gegenüberstehen. Dennoch denke ich persönlich, dass man hier Vorteile und Nachteile gegeneinander abwägen muss – und die Vorteile für unsere Öffentlichkeitsarbeit überwiegen: Über so große soziale Netzwerke erreicht man einfach viel mehr Menschen mit unseren Anliegen und v.a. auch Menschen, die sich sonst vielleicht nie mit unseren Themen befassen bzw. auf unsere Webseite stoßen würden. Gleichzeitig macht man sich damit auch unabhängiger von der News-Agenda klassischer Medien (Print/TV/Radio) und hat ganz neue Möglichkeiten Themen zu verbreiten und Feedback und Unterstützung dazu zu erhalten. Hingegen würde es für die großen Plattformen keinen Unterschied machen, wenn wir als NGO uns entscheiden würden, sie nicht zu nutzen.

Für wichtiger, als diese Plattformen generell zu verteufeln, halte ich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema und die Aufklärung unserer Mitglieder/ Unterstützer darüber, wieso wir diese Plattformen nutzen, und was sie persönlich bedenken und wissen sollten, bevor sie selber Benutzerkonten dort anlegen. Daher arbeiten wir zurzeit auch an einem „Social-Media-Guide", der unsere Mitglieder über Nutzen und Risiken aufklären soll.

Bei Facebook und Co. handelt es sich ja nicht nur um einen vorübergehenden Trend und NGO's können mithilfe dieser großen Netzwerke auch viel Gutes erreichen. Zwei erfolgreiche Beispiele von Greenpeace: Mit ihrer Kampagne „unfriend coal“ und 181.448 Facebook-Unterstützern, hat Greenpeace Facebook dazu bewegt, einen Umstieg von  Kohle auf ökologisch produzierten Strom anzugehen. Und die Kampagne „Nestlé – give the Orang Utan a breack", die über Youtube Millionen Menschen erreichte, hat Nestlé dazu gebracht auf die Verwendung von Palmöl in ihren Produkten zu verzichten (für dessen Anbau wird Regenwald im großen Stil gerodet) S. dazu hier und hier.

Also, was meint Ihr? Über Feedback zum Thema von Euch und euren Lesern/Nutzern würde ich mich daher sehr freuen!

Samantha Staudte

Hier als Hintergrund noch ein paar Links zum Thema intransparente Firmenpolitik/fragwürdiger Umgang mit Datenschutz/Monopolstellung bei den großen Social-Media-Plattformen:

Sascha Adamek über gravierende Risiken und Nebenwirkungen des Internet-Giganten Facebook

Über das Problem der Monopolstellung der Internet-Giganten und dezentrale Soziale Netzwerke als Alternativen.

Facebook & Co. - Netzwerk oder Datenkrake? - PHOENIX Runde vom 31.01.2012

Joana Breidenbach
  1. micha
    31.03.2012

    hallo.

    ich bin einer von der hannoverschen gruppe des arbeitskreises vorratsdatenspeicherung und vermutlich, weil wir vor kurzem eine landtagspetition "keine steuergelder für facebook" eingereicht haben
    http://wiki.vorratsdatenspeicherung.de/Hannover/Niedersachsen-und-Facebook
    wurden wir angeschrieben, ob wir nicht auch noch unsere meinung hier darstellen möchten.

    diese anfrage hat mich also nun erreicht, deswegen nun meine einzelmeinung dazu.

    meine grundsätzliche einstellung dazu ist in der petition nachzulesen, die ich voll unterstütze. es geht nicht um eine verdammung "sozialer" netzwerke, die gewinnorientierten darunter (facebook, google+, twitter etc.) sind allerdings nicht, wie irgendwo hier steht mit "öffentlichen räumen" vergleichbar. der vergleich zu "gated communities", wie von rena vom foebud vorgebracht, bringt es besser auf den punkt (siehe die links zu den mp3-dateien von renas beiträgen in unserer petition).

    bitte schaut doch auch mal auf die verweise, die wir in unserer petition als belege gebracht haben. damit wird unsere position, dass mit öffentlichen geldern finanzierte stellen nichts in solchen netzwerken zu suchen haben sollten noch etwas klarer untermauert.

    ich möchte nur auf vier zusätzliche voneinander völlig unterschiedliche punkte über alles in der petition schon gesagte hinweisen:

    1.)
    der jüngste vorfall aus emden, wie sehr gut bei telepolis geschildert
    http://www.heise.de/tp/blogs/8/151721
    zeigt mir, dass die viralen effekte von online-netzwerken nun mal nicht oder nur sehr schwer plan- und beherrschbar sind. das ist nicht per se schlecht sondern kann gerade gut und toll sein, sollte aber m.e. dann zu einem äußerst sorgsamen und reflektierten umgang mit sensiblen daten führen.

    2.)
    im übrigen geht es gar nicht nur um "nackte daten". das, was wir durch unsere protokolliertes verhalten, verhaltensweisen, verweildauer und beziehungsnetzoffenbarung über unser jeweils eigenes persönliches wesen verraten hat eine (aus meiner sicht) weitaus größere bedeutung und stellt dank zukünftig verfügbarer rechenkapazitäten und algorithmen eine große gefahr für uns und unseren wunsch eines menschlichen zusammelebens dar.

    3.)
    wir lassen uns die freiheit einer freien entscheidung, ob wir an solchen netzwerken teilnehmen möchten oder nicht wegnehmen und aus meiner sicht fehlt (auch mir!) genügend bewußtsein, dieses als merkmal einer freien entscheidung zu reflektieren und sich erst danach für oder gegen eine solche teilnahme zu entscheiden.

    damit auch zum letzen punkt:

    4.)
    alleine wegen des titelnamens dieses threads möchte ich etwas aus günther anders' "die antiquiertheit des menschen" aus 1956 zitieren, auch wenn es etwas auf dem ersten blick schwer verdaulich erscheint:

    "Die erste Reaktion auf die Kritik, der Rundfunk und Fernsehen hier unterzogen werden, wird lauten: Eine solche Verallgemeinerung sei verboten; es komme ausschließlich darauf an, was wir aus diesen Einrichtungen "machen"; wie wir uns ihrer bedienen; für welche Zwecke wir sie als Mittel einsetzen: Ob für gut oder für schlechte, für humane oder für inhumane, für soziale oder für antisoziale.
    (...)
    [Die] Gültigkeit [dieses Arguments] ist zweifelhaft. Die Freiheit der Verfügung über Technik, die es unterstellt; sein Glaube, daß es Stücke unserer Welt gebe, die nichts als "Mittel" seien, denen ad lib. "gute Zwecke" angehängt werden könnten, ist reine Illussion. Die Einrichtungen selbst sind Fakten; und zwar solche, die uns prägen. Und dieses Tatsache, daß sie uns, gleich welchem Zwecke wir sie dienstbar machen, prägen, wird nicht dadurch, daß wir sie verbal zu "Mitteln" degradieren, aus der Welt geschafft.
    (...)"

    das ist ein mehr als unvollständiger auszug aus buche, vielleicht etwas komprimierter und leichtfüßiger als von anders angeführte fabelgeschichte:

    "Da es dem König aber wenig gefiel, daß sein Sohn, die kontrollierten Straßen verlassend, sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er ihm Wagen und Pferd. 'Nun brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen', waren seine Worte. 'Nun darfst du es nicht mehr', war deren Sinn. 'Nun kannst du es nicht mehr', deren Wirkung."

    entschuldigung für den umfangreichen beitrag. danke für die aufmerksamkeit an alle, die alles lesen und nachzuvolliehen versuchen.

    -michael.
    vom ak vorrat hannover

  2. Kalle
    29.03.2012

    Ich finde, wer als linke Organisation glaubwürdig bleiben will, verzichtet auf Facebook, hat keinen Googlemail-Account und wirbt natürlich auch nicht in der Bildzeitung.

    Die Behauptung, man erreiche ohne den ganzen Kram keine Leute mehr, hätte ich gerne mal empirisch belegt. Ich war gestern auf einer nur per Mail und mit Flyern (auf Papier! Igitt!) beworbenen Veranstaltung in einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt und es waren über 40 Menschen da. Ob das mehr gewesen wären, wenn man sich vorher im Frazenbuch 50 "Likes" abgeholt hätte, bezweifele ich.

    Und um die Problematik mal etwas plastischer zu sehen, empfehle ich das Online-Spiel Datadealer: http://datadealer.net

  3. Kay
    28.03.2012

    Puh, eine lange Liste von Kommentaren. Ich bin gebeten worden, als Attac-Campaigner ein paar Bemerkungen zu schreiben und hoffe, dabei nicht allzuviel zu wiederholen.

    Eine Unternehmung, die heutzutage schnell, einigermaßen billig und vergleichweise effektiv Öffentlichkeitsarbeit machen möchte, kommt an Facebook praktisch nicht vorbei. Da mögen die Argumente des Kollegen von FoeBud noch so zutreffend sein, das Dilemma lässt sich nicht wirklich lösen.

    Bei Attac kam und kommt es immer mal wieder zu Vorschlägen, "doch einfach ein eigenes soziales Netzwerk" aufzubauen. Tatsächlich haben wir das sogar angeleiert: Unter attac.org gibt es eine internationale Plattform, die ebenfalls viele Leistungen bekannter sozialer Netzwerke bereit stellt. Abgesehen von dem enormen Konfigurations- und Pflegeaufwand leidet attac.org (oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: we.riseup.net) unter demselben Problem wie andere konkurrierende Netzwerke auch: Dem Bandwaggon-Effekt (bzw. eigentlich dem Pinguin-Effekt - siehe Wikipedia #klugscheissoff). Die Attraktivität Facebooks (und damit die Unattraktivität der Alternativen) ergibt sich nun mal wesentlich daraus, dass alle anderen schon dabei sind und dass drüber gesprochen wird, q.e.d.. Für eine Organisation wie Attac, die Themen und Forderungen breitenwirksam verankern möchte, wäre es fahrlässig, dieses Medium einfach zu ignorieren.

    Um dennoch nicht allzu sehr Dienstleister eines Großkonzerns zu werden, bedienen wir FB eher im Stillen: Wer sich schon in diesem Netzwerk bewegt, kann uns finden - woanders machen wir auf unsere Fanpage(s) aber seltenst aufmerksam. Außerdem nutzen wir die Seite i.d.R. nur als weiteren Veröffentlichungskanal, Kampagnenarbeit im engeren Sinne machen wir dort nicht. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sich bereits dieser low-power-Einsatz rechnet: ein paar Mal hatten wir durchaus schon virale Effekte auslösen können; die LeserInnenschaft auf Facebook ist zu einem großen Teil nicht identisch mit den Attac-Aktiven, mit denen wir über unseren Haupt-Verbreitungsweg Mailinglisten Kontakt haben; zugleich ist regelmäßig ein erheblicher Teil der Klicks auf neu eingestellte Webseiten auf unsere Facebook-Ankündigungen zurückzuführen. Und für meine eigene Arbeit stellt meine Neuigkeiten-Liste inzwischen eine schwer zu ersetzende Fundgrube relevanter Infos dar.

  4. frieder b
    28.03.2012

    Der Vorwurf an irgendjemanden, Facebook, Microsoft, Apple, Google & Co zu benutzen ist unberechtigt, weil es sich dabei um eine - sorry - falsche Sicht der Dinge handelt:

    - Facebook ist sozusagen heute, 2012, sowas wie die Fussgängerzone einer grossen Stadt. Wer die Öffentlichkeit verändern will, muss dorthingehen, wo die meisten Menschen sind. Das ist oft nicht lustig, Fussgängerzonen sind perse eher als menschenfeindliche Umgebung zu betrachten und niemand geht dort freiwillig hin, sondern nur um zu shoppen, zu shoppen und zu shoppen ...

    - natürlich kann auch darauf verzichtet werden in die Fussgängerzonen der Schönen Neuen Welt zu gehen, das ist dann ein bisschen so wie der Hungerkünstler, der das ganze Jahr im Wald lebt und am Wochenende kommen alte Damen zu Besuch, damit sie mal einen Eremiten in echt gesehen haben ...

    Wer die Welt verändern will, muss sich in dieser Welt bewegen wie ein Fisch im Wasser. Wer das Wasser scheut, wird es sicher nicht verändern"!;-)))

  5. changenow
    27.03.2012

    Anfang 2008 erschien ein Kommentar im Guardian zu facebook:

    With friends like these ...
    Tom Hodgkinson, Feb. 29 2008, Guardian

    I despise Facebook. This hugely successful American business describes
    itself as "a social utility that connects you with the people around
    you". But why would I need a computer to connect with the people
    around me? Why should my relationships be mediated through a bunch of
    supergeeks in California? What was wrong with the pub?

    And does Facebook really connect people? Doesn't it rather disconnect
    us since, instead of doing something enjoyable with my friends, I am
    sending them little ungrammatical notes and amusing photos in
    cyberspace, while chained to my desk? A friend recently told me he
    spent a Saturday night at home alone on Facebook, drinking at his
    desk. What a gloomy image. Far from connecting us, Facebook isolates
    us at our workstations.

    http://mg.co.za/article/2008-02-29-with-friends-like-these

  6. ches
    27.03.2012

    ich finde es ganz wichtig medien wie facebook zu nutzen.wo sonst kann man so einfach und schnell nachrichten etc. verbreiten? auf diese weise erreicht man viele menschen, die sonst wenig oder kein interesse gezeigt hätten oder einfach nicht zeigen konnten und schließt eventuelle lücken.

    wir wollen keine großen konzerne etc unterstützen, aber: dann müssen wir konsequent alles vom computer zum schreibblock in frage stellen und schießen uns damit selbst ins bein. menschen muss man dort abholen wo sie sind. und wenn es bei facebook ist...

  7. Hannes Jähnert
    26.03.2012

    Eine Woche und schon so viele Kommentare. Ich finde die Skepsis gegenüber Facebook & Co. sehr berechtigt. Wie meine Vorkommentator!nnen halte ich eine generelle Aversion dagegen aber für nicht unbedingt zielführend. Wichtig sind die Menschen, die erreicht werden sollen und wenn es um Masse geht, waren Medienriesen schon immer eine nahe liegende Wahl (z.B. BILD-Zeitung).

    Was ich seltsam finde, ist die Abneigung gegen Eliten, die sich mithin aus der Kritik an Zuckerberg, Brin, Page und Co lesen lässt. Ohne eliten wüssten wir gar nicht auf wen wir genau aufpassen sollten. Ohne Eliten gäbe wären doch alle gleich und die Welt ziemlich langweilig -- denkt nur mal an Raumschiff Enterpreis in der alles Militärisch organisiert werden muss, weil sich sonst keine Sozialdynamik entwickeln würde ...

  8. Anica
    26.03.2012

    Ich vertrete betterplace.org in sozialen Netzwerken. Youtube, Facebook, Twitter und Google+ sind auch an vielen Stellen in unsere Website integriert. betterplace.org steht Facebook & Co. also sehr offen gegenüber. Für uns ist dies ein guter Weg, Menschen zu erreichen, denn ein Großteil der betterplace.org Zielgruppe hält sich in sozialen Netzwerken auf. Wenn deine Zielgruppe – genau wie deine NGO – Facebook etc. eher ablehnt, dann wirst du über diesen Kanal auch niemanden erreichen. Ich stelle mir immer wieder die Fragen: Mit wem spreche ich? Wer ist meine Zielgruppe? Wo finde ich diese Zielgruppe? Es ist gut möglich, dass eure Zielgruppe durch Newsletter oder Pressemitteilungen in Fachzeitschriften viel besser erreicht wird als über Social Media.

    Es gibt also kein klares Ja oder Nein. Meine persönliche Meinung ist: NGOs brauchen manchmal solche Großkonzerne – und Großkonzerne brauchen NGOs. Wer sonst soll Facebook darauf hinweisen, auf erneuerbare Energien umzusteigen?

  9. Samantha
    23.03.2012

    Ich wollte Euch allen schon mal meinen herzlichen Dank für eure Meinungen und Anregungen sagen! Habe die Beiträge mit großem Interesse verfolgt, nur leider – da wir am Montag eine neue Kampagne starten und hier die Luft brennt – noch selber keine Zeit gehabt, ausführlicher zu antworten. Werde das aber nächste Woche nachholen.
    Vorerst allen ein schönes Wochenende!

  10. Lucas
    23.03.2012

    Was ist denn die Alternative? Eine nicht-digital Kampagne machen, die niemanden erreicht?

    Wenn ich gegen den Verbrennungsmotor in Automobilen bin habe ich Alternative. Ich kann mit dem Zug fahren, mit dem Bus, oder mit dem Fahrad. Aber ich denke, dass eine kleine NGO mit einer kleinen Stelle für die Öffentlichkeitsarbeit meist keine Möglichkeit hat auf diese Netzwerke zu verzichten.

    Als Kompromis würde ich vorschlagen, zusatzlich zu den proprietären Netzwerken auch noch freie zu benutzen, wie z.B. Identi.ca. Sei es nur um diesen Netzwerken mehr Inhalte zu geben und sie somit ein kleines bischen interessanter zu machen.

    ... oder auch Organisationen unterstützen, die sich für einen offenen Social Media Standart einsetzen.

  11. Aline
    22.03.2012

    Auch wir bei der taz. die tageszeitung stellen uns die Frage immer wieder. Ein kritischer Umgang ist immer gut, gibt aber noch keine Hilfe für das konkrete Dilemma. So lange wir nur sagen können, irgendwann wird es mal Alternativen geben, machen wir uns selbst in einem bestimmt Bereich handlungsunfähig.
    Ein wichtiger hier noch nicht erwähnter Punkt ist doch auch der eigene - jetzt mal übertrieben - Auftrag. Wir wollen doch mit unseren Themen, unserer Sicht und unserer Art der Berichterstattung Menschen erreichen, auch Menschen, die vielleicht noch nicht die taz lesen, oder sich engagieren.
    Viele Jugendliche informieren sich in sozialen Netzwerken und lassen sich durch die dortige Beiträge beeinflussen. Die Netzwerke spielen eine Rolle, die nicht unterschätzt werden sollte. Und wollen wir diesen Kontaktweg wirklich Gruppierungen überlassen, die keine Skrupel haben Konzerne wie Facebook zu unterstützen?!

    Ich glaube nicht. Einige Nazi-Seiten wurden z.B. verboten weil sie zu plakativ waren, nur leider sind nicht alle so doof. Soziale Netzwerk sind eine Kontaktstelle, die kritisch betrachtet sollte. Ich persönlich bin lieber da und sehe was passiert.

  12. jean
    22.03.2012

    Zu Facebooks neuer (schon wieder) Policy:

    https://www.readwriteweb.com/archives/what_you_need_to_know_about_facebooks_new_privacy_1.php

  13. jean
    21.03.2012

    hier auch eine Sammlung freier und vertrauenswüdiger Programme: http://libreprojects.net/

  14. dennis
    21.03.2012

    Sicher eine sehr wichtige Frage in der Arbeit von NGOs, die Samatha da aufgeworfen hat. Für uns vom FoeBuD, die wir uns als NGO für eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter einsetzen, ist es klar, dass wir keine Facebook-Präsenz haben und auch in Zukunft darauf verzichten werden. Das hat verschiedene Gründe, die im Geschäftsgebaren von Facebook und in unserem Selbstverständnis angelegt sind.
    Wir haben Facebook 2011 einen BigBrotherAward verliehen, weil Facebook die Datenschutzbestimmungen ständig zum Schlechten verändert, wichtige Informationen in schierer AGB-Textmenge versteckt und bewusst täuscht, um immer mehr Daten öffentlich machen zu können, um die Nutzerinnen und Nutzer so daran zu gewöhnen, immer mehr von sich preis zu geben. Aber selbst diejenigen, die versuchen, ohne Facebook auszukommen, werden mittels Freundesfinder und "like-button" auf vielen Seiten im Internet von Facebook ausspioniert – ein klarer Rechtsbruch in Deutschland.

    Als NGO, die wir Datensammlern und Datenhändlern die Stirn bieten, steht für uns die Glaubwürdigkeit des Datenschutz an erster Stelle. Diese würden wir verspielen, wenn wir uns auf Facebook einließen. Wir alle wissen, dass Facebook auswertet, wer mit wem befreundet ist, wer was "geliked" hat. Facebook wertet sogar Stimmungen aus, die in privaten (!) Nachrichten geäußert werden.
    Besonders prekär ist Facebook für Kampagnenarbeit, weil es auch Beziehungen zwischen Menschen auswertet. Das ist eine der wertvollsten Informationen überhaupt und lässt sich niemals in einer "Datenschutzeinstellung" verhindern. Selbst wenn ich wenig über mich preisgebe: meine Peer-Group verrät sehr viel über mich, ohne dass ich es in der Hand habe. Zu wissen, wer mit wem in Kontakt tritt, ist für die staatlichen und nicht-staatlichen Überwacher und Kampagnengegner Gold wert. Wir sollten im Hinterkopf haben, dass die US-Amerikanische Regierung aufgrund ihrer sogenannten Antiterrorgesetze jederzeit die Möglichkeit hat, auf die Daten von Facebook zuzugreifen. Und – auch wenn das lächerlich erscheinen mag – für US-Amerikaner ist jegliche unerwünschte oppositionelle Kampagne eben oft gleichbedeutend mit Terrorismus.

    Ganz zu schweigen von der intransparenten Firmenpolitik, bei der es vorkommt, missliebige Kommentare oder Kampagnenansätze einfach zu löschen. Bei einem Vorstandsmitglied und Finanzier wie Peter Thiel, der Steueroasen, Ronald Reagan und Margaret Thatcher toll findet und meint, dass sich Demokratie und Freiheit ausschließen und der auch das Frauenwahlrecht ablehnt, verfolgt Facebook natürlich auch eine explizit politische Agenda. Diese Tatsachen werden in der Nutzung häufig ausgeblendet, weil die Plattform natürlich die oben genannten Vorteile zu bieten scheint und eine große Reichweite verspricht.

    Diskussionen sind wichtig und müssen geführt, nicht geliked werden.
    Aber würde eine sehr gute Webpräsenz, bei der die Kampagne in der eigenen Hand bleibt und deren Link höchstens über Facebook und Twitter geteilt wird, nicht genauso weit reichen? Facebook bestimmt mit seinem Layout und seinen Voreinstellungen die Kampagnenarbeit, was vielen NGOs vielleicht gar nicht bewusst ist: Es kann nur etwas "geliked" werden, aber "disliken" geht nicht. Diese Möglichkeit verführt auch dazu, nur diesen einen "Wohlfühlklick" für die gute Sache und das eigene Gewissen zu setzen, aber einen Kommentar mit vielen erwähnenswerten Gedanken – wie hier im Blog – auszulassen. (Übrigens sehr gute Anregung, in wie weit Facebook auch unsere soziale Identität bestimmt: http://networkcultures.org/wpmu/unlikeus/2012/03/01/identity-on-facebook-even-who-you-are-is-defined-and-controlled-by-facebook/)
    Wir brauchen wirkliches Engagement und keinen Wohlfühl-like. Damit will ich nicht sagen, dass Facebook nicht auch Aufmerksamkeit generieren kann, ganz im Gegenteil. Aber eine Kampagne gegen Facebook oder andere Datenkraken auf Facebook zu führen, wäre lächerlich und unglaubwürdig.
    Wie intransparent und gefährlich Facebook für Öffentlichkeitsarbeit sein kann, zeigten zuletzt auch mehrere "Fehler" im Facebookauftritt der Stadt München und von der Süddeutschen bzw. sueddeutsche.de (http://www.sueddeutsche.de/kolumne/social-media-groteske-wieso-die-sz-ploetzlich-doppelt-auf-facebook-ist-1.1272331) und (http://www.sueddeutsche.de/bayern/probleme-mit-fanseiten-von-unternehmen-verloren-im-facebook-universum-1.1299041)
    Als NGO, die sich gegen genau solches Verhalten und Intransparenz einsetzt, können wir Facebook nicht unterstützen oder verharmlosen. Es würde unserer Glaubwürdigkeit und dem Verständnis unserer Unterstützerinnen und Unterstützer zuwiderlaufen. Wir fördern ganz bewusst offene Plattformen wie Diaspora mit unserer Initiative "Social Swarm", weil sie genau das bieten, wofür wir und alle NGOs einstehen: demokratische Teilhabe und Meinungsfreiheit. Deshalb ist es für uns kein Verlust, auf Facebook zu verzichten, weil der Kern unserer Arbeit, die Glaubwürdigkeit, ohne Facebook besser geschützt ist.

    PS: Sehr gut zusammengefasst hat das auch Christiane Schulzki-Haddouti http://pb21.de/2011/06/nur-facebook-abstinenz-uberzeugt/

  15. Jean Peters
    21.03.2012

    Liebe Samantha,

    vielen dank für deine Frage. Aus meinen Erfahrungen in anderen NGOs wie attac, der taz - die tageszeitung oder unserem Kinderzirkus Cabuwazi in Berlin weiß ich, dass überall diese Frage intern intensiv diskutiert wurde. Und immer wieder endet sie damit, dass alle ihre kritische Meinung gesagt haben, und eine Facebook Seite gepflegt wird. Manchmal werden sogar Stellen geschaffen, die einzig dazu da sind, sich um Facebook zu kümmern.

    Wenn man sich für Facebook entscheidet, muss man aber diese Plattform ja nicht unbedingt in den Mittelpunkt stellen. Ich würde Alternativen anbieten. Über Profile bei dezentralen Social Media Plattformen wie Diaspora oder friendi.ca und verschiedenen Microblogging Angeboten kann Facebook auch indirekt bespielt werden. Dann erscheint in der Meldung der subtextschwangere Hinweis: "send via diaspora" und wirbt damit indirekt für die dezentrale Alternative.

    Leider ist Diaspora aber noch nicht mal in der Beta-Phase angekommen und ich wundere mich schon, wieso die sich so viel Zeit lassen. friendi.ca bietet schon weit mehr Funktionalitäten, müsste aber dafür mal an seiner intuitiven Kompatibilität arbeiten. Die Möglichkeiten sind also noch nicht ganz ausgereift.

    Der gesellschaftliche Lernprozess, hin zu einem sicheren und fairen Umgang mit Daten, entwickelt sich, mit vielen kleinen Symbolen. Und die gestalten wir: mit vielen kleinen Akupunkturnadeln, die wir alle ins Internet stecken. Als weitere Kleinigkeit würde ich auch empfehlen, die Reihenfolge der Buttons am Rande der Webseite mit Diaspora und friendi.ca zu beginnen und Facebook erst als viertes oder fünftes Element anzubieten. In einem deiner Links wird auch das Social Swarm Projekt erwähnt, bei dem an anwendbaren Alternativen gearbeitet wird.

    Und diese Dienste sind nicht nur denzentral organisiert, sie sind auch Open Source. Wenn eine NGO ausschließlich Open Source Plattformen benutzt, signalisiert sie nicht zuletzt, dass der Umgang mit den Daten der Benutzer immer nachvollziehbar bleibt, da der Quellcode, also die Programmarchitektur offen liegt.

    Die Zyklen, von denen meine Kollegin Joana schreibt, finde ich spannend und stimme auch spontan zu. Doch da würde ich Medium, also Kino, Telefon und Internetarchitektur von den Informationen trennen. Von den Inhalten, den Daten, also von gesamtgesellschaftlichen Hirnergüssen, die dort repräsentiert und verarbeitet werden. Und tatsächlich erinnere ich mich noch an die kindliche Begeisterung, mit der ich eine Firmware auf mein Android Telefon spielte, die Open Source ist. Die Begeisterung war ganz natürlich, da ich nun selber entscheiden kann, auf welche Daten google zugreifen kann, welche Rechte ein Programm hat. Mich begeistert auch, dass ich mit einem kleinen Open Source Programm namens CSipSimple verschlüsselt telefonieren kann und mit TextSecure verschlüsselt SMS versenden kann.

    Joana hatte schon darauf hingewiesen, dass wir im betterplace lab nicht alle Apple benutzen. Meine Arbeit basiert hier auf Ubuntu, einer benutzerfreundlichen Linux-Distribution und meine Recherchen mache ich am liebsten mit DuckDuckGo.com. Die versprechen, mein Nutzerverhalten nicht zu verfolgen ("we don't track you") und mich nicht in eine profileigene Blase einzuschließen ("we don't bubble you"). Wenn ich da aber nicht fündig werde, schau ich auch schon mal bei google nach.

    Zu alledem kommt dann noch eine technische Seite: Langfristig werde ich mir auch die sogenannte Freedombox nach Hause stellen, auf der ich meine Emails ablegen und verschlüsseln kann, anstelle sie bei Google zu speichern. Das ist ein Zigarettenschachtel-großer Server, für den momentan eine umfassende Open Source Software entwickelt wird. Wenn wir das eines Tages alle tun – und das werden wir! – dann wird das Internet in seine ursprünglich angedachte Form gegossen: in ganz viele intelligente Knotenpunkte mit gleichem Zugang zu Informationen.

  16. joana
    20.03.2012

    Wir bei betterplace, auf der Plattform, ebenso wie im lab, nutzen alle im Blogpost genannten Plattformen und Dienste. Aus den Gründen, die Samantha genannt hat: facebook ist ein hochrelevanter Kanal für Spenden auf betterplace.org und darüber erreichen wir auch im betterplace lab wesentlich mehr Menschen als über das offenere (und noch um ein Geschäftsmodell ringende Twitter). Google ist meine präferierte Suchmaschine, in unserem Team gibt es aber eine Reihe von Mitarbeitern, die bewußt Alternativen benutzen. Die werden sich in diese Diskussion hoffentlich auch noch einmischen.

    Ich bin bei der von Samantha aufgeworfenen Frage zwiegespalten, insbesondere nachdem ich Tim Wu's Buch über die Zyklen in der Mediengeschichte des 20 Jh. gelesen habe. Wu beschreibt dort den zyklischen Prozess, den Medien - Telefon, Radio, Kino, Fernsehen - im Laufe ihrer Evolution durchlaufen: Perioden großer Offenheit, Kreativität und der Überzeugung, die jeweils neue Technologie würde die Gesellschaft grundlegend zum Guten verändern, werden abgelöst von Zeiten der Konsolidierung, Monopolisierung und geschlossener Marktstrukturen, in denen Vielfalt und Konkurrenz – ebenso wie zahlreiche Innovationen - unterdrückt werden.

    Die Monopolisten (und Apple, mit dessen Produkten wir hier bei betterplace fast alle arbeiten, ist ein Paradebeispiel) gewinnen zyklisch die Oberhand, weil sie extrem konsumentenfreundliche Produkte anbieten und eine autarke, horizontal und vertikal integrierte Welt erschaffen, in der man viele Bedürfnisse befriedigen kann. Aber wir zahlen einen Preis: Vielfalt und Improvisationen, und die aus ihnen entstehenden Innovationen werden verdrängt. Wu beschreibt sehr eindrücklich, dass die Monopolbildung im Internet wesentlich gefährlicher ist, als in den alten Medien. Mehr dazu hier: http://www.betterplace-lab.org/de/blog/the-master-switch-lasst-sich-das-internet-beherrschen

    Bei google und facebook stellt sich für mich die Frage nach dem relativen Nutzen und Schaden. Vor dem Mißbrauch meiner (pseudonymisierten) Daten habe ich weniger Bedenken. Und die Vorteile - relevantere Suchergebnisse, Stärkung sozialer Beziehungen, Dialogmöglichkeiten, Selbstorganisation etc. - überwiegen m.E. bei weitem die Nachteile. Wir müssen uns aber der Mechanismen, die hinter diesen Dienstleistungen stehen, bewußter werden und dafür einstehen, dass das "Backend" transparent gemacht wird. Auch wenn es mittlerweile abgedroschen klingt: Wenn ein Produkt für mich umsonst ist, bin ich (oft) das Produkt. (Nicht bei betterplace.org!). Deshalb ist es uns im lab auch wichtig auf solche Bücher wie Eli Parisers Filter Bubble hinzuweisen http://www.betterplace-lab.org/de/blog/filter-bubble. Und ich stimme mit den Autoren vor mir überein: wir müssen die Plattformen, die wir nutzen, mitgestalten. Ebenso sollten wir aber auch aktiv alternative Angebote bespielen. Nur, let's be realistic: Alternativen wie Diaspora, haben noch nicht die kritische Masse und hier müßten wir zeitintensive "Pionierarbeit" leisten.

    Unsere Diskussion würde sich wahrscheinlich auch noch mal verändern, wenn wir eine "globozentrischere" Perspektive einnehmen: Freie Software ist in weiten Teilen der Welt viel verbreiteter als im Westen und lokale Anbieter, wie MXit in Südafrika sind weit dominanter als facebook. Da ich davon ausgehe, dass zukünftige, auch für den Westen relevante, Innovationen aus Ländern wie Kenia, Ghana oder Indien kommen werden, kann das Pendel durchaus bald wieder kippen.

  17. Alf-Tobias
    20.03.2012

    Samantha wirft eine sehr wichtige Frage auf und führt in ihrer Mail an euch auch einige Punkte auf, die richtig sind.

    Für das "Publik machen" von wichtigen Anliegen und Initiativen sowie der öffentlichkeitswirksamen Präsentation von Projekten und Ergebnissen sind die sozialen Netzwerke einfach essentiell und ein wichtiger Baustein, um Ziele zu erreichen.

    Auf diese kann gänzlich verzichtet werden, allerdings wird man(n und frau) dann auch einen limitierten Erfolg haben - wenn das bewusst eingerechnet wird, kann auf den Einsatz der Technologie und der Kommunikationskanäle verzichtet werden - aus meiner Sicht wäre dies aber der falsche Weg.

    Wichtig dabei ist, kritisch mit den Unternehmen, die dahinter stehen (Google, Facebook und Co.), umzugehen und die "Zusammenarbeit" mit Ihnen zu reflektieren. Die angeführten Projekte zeigen ja, dass man auch durch die Kommunikationskanäle auch deren Inhaber oder Bereitsteller zu Änderungen bewegen kann.

    Aus meiner Sicht funktionieren diese Veränderungen besser im System als außerhalb des Systems.

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