Die Alleswisser-Algorithmen: Warum ich jetzt ein wenig Muffensausen vorm Internet hab
Nach dem Buch "The Filter Bubble – What the Internet Is Hiding from You" hatte ich zwar Muffensausen und dachte, ach wie gruselig, was Algorithmen alles errechnen können, wenn man sie mit Daten füttert. Und dieses Daten geben wir ihnen mit jedem Surf im Internet. Aber irgendwie blieb ich auch unberührt von der eigentlich gruseligen Vorstellung, dass über mich als Internetnutzer nicht nur bei google und facebook, sondern auch bei abseits der Öffentlichkeit agierenden Datensammelunternehmen Profile von mir gespeichert sind.
Das Buch handelt davon, dass Daten, die unaufhörlich nicht nur von g und fb gesammelt werden, zu immer besseren Vorhersagen führen, wie sich Menschen verhalten und was ihre Vorlieben sind. Getrieben wird diese Entwicklung der Personalisierung von der Werbeindustrie. Denn wenn man weiß, dass die Person, die da gerade am Rechner sitzt, weiblich und 34 Jahre alt ist, Archäologie studiert hat, wie viele ihrer Freunde auf Live-Rollenspiele steht, die Piratenpartei wählt, bald ihren Eisprung hat und 3000 andere Dinge ist oder hat, dann kann man ihr ganz gezielt Werbung für mittelalterliche Miniröcke inklusive Augenklappe zukommen lassen.
Weil Du das gut findest, findest Du das gut, findest Du das gut…
Der Autor Eli Pariser zeigt, dass wegen der Überinformation im Internet Relevanz der Schlüssel zum Nutzer ist. Und um wissen zu können, was der einzelne Nutzer relevant findet, muss man ihn kennen. facebook erzählen die Nutzer direkt, was sie gut finden. Bei google wird vor allem die Klick-Historie genutzt, um Schlüsse zu ziehen – hinzu kommen jetzt soziale Informationen durch google+. Personalisierte Suchergebnisse führen aber zu einem You Loop, wie Pariser es nennt. Die Ergebnisse spiegeln die Ansichten wider, die sehr gut zum einzelnen Nutzer passen und ihn in seinen Erwartungen bestätigen. Durch Klicken auf diese Ergebnisse wird der Personalisierungseffekt verstärkt. Leider können abseitige und überraschende, also inspirierende Suchergebnisse den Filter nicht durchdringen, weshalb die eigene Kreativität auf der Strecke bleibt.
Ich geb Dir nur das, was Du willst
Bezüglich des Medienkonsums wurde es schon etwas gruseliger. Denn wenn man Nachrichten nur noch personalisiert zu sich nimmt, also nur noch das geboten bekommt, was den eigenen Interessen entspricht, dann wird man bräsig. Wegen der Selbstbestätigungsschleife kann die Eintönigkeit zur einer Falle werden, die man nicht bemerkt. Pariser schreibt, dass Redakteure bislang Themen für den Leser priorisieren. Wer keine Lust hat, über die politischen Hintergründe der Hungersnot in Ostafrika zu lesen, hat zumindest durch die Überschrift mitbekommen, dass es eine Hungersnot in Ostafrika gibt. Bezüglich des Medienkonsums frage ich mich, ob die Selbstbestätigungsschleife den Nutzer nicht irgendwann langweilt und er nach Abwechslung schreien wird. Ob Algorithmen wirklich Redakteure ersetzen können – abgesehen von den Personalkosten.
If Eissprung then sexy Kleidung kaufen
Das Problem der Computer und Algorithmen ist ihre Logik der Induktion. "If" das ein "then" das andere. If eine Frau bald ihren Eisprung hat, then wird sie in dieser Zeit eher sexy Kleidung kaufen (offline-Erkenntnis aus einer Studie). Bei der Induktion werden allgemeine Erkenntnisse aus einzelnen gewonnen. Aber Verallgemeinerungen sind mit Vorsicht zu genießen ("Die spinnen, die Römer."). Doch obwohl Menschen eher deduktive Typen sind und die Verallgemeinerungen der Algorithmen nicht auf jedes einzelne Individuum zutreffen mögen, ist die erhöhte Wirkungswahrscheinlichkeit von Anzeigen für die Werber ein Segen. Allgemeine Werbung funktioniert zwar bei etwa der Hälfte der Menschen, die Werber wissen aber nicht bei welcher. Durch personalisierte Werbung sind Nutzerdaten nun aber bares Geld wert.
Jetzt als Doku: Minority-Report
Das kurzweilige Buch mit seinen interessanten Ausflügen in die Medientheorie, Neuropsychologie und Philosophie macht schon ein wenig Muffensausen: Der Film Minority-Report verliert mit jedem neuen Algorithmus an Fiktion (Werbeanzeigen, die personalisiert erscheinen, wenn man an einem digitalen Plakat vorbei geht, gibt es schon in Tokyo beim NEC-Headquarter). Firmen verkaufen Wahrscheinlichkeiten über zukünftige Ereignisse. Bei Amazon bekommt man nicht nur personalisierte Angebote, sondern auch in der Form, für die man die größte Schwäche hat (Der eine steht auf laute "HALBER PREIS!!!"-Angebote, der andere eher auf distinguierte Kritiken eines Literaturprofessors).
Aber verspüre jetzt nicht den Drang, schnell in eine Höhle auf La Gomera zu ziehen. Noch sind die Menschen um mich herum, obwohl sie den ganzen Tag vorm Internetrechner sitzen, ziemlich menschlich und unberechenbar (Rülps!). Entweder hat die Filter Bubble tatsächlich noch keinen signifikanten Einfluss auf mein Leben – oder ich merks nur nicht.

Danke, wichtiges und interessantes Thema. Mein "Lösungsansatz": Ich schaue keine Werbung und filtere diese :) u.a. mit AWP.