Wie Ökonomen das menschliche Spendenverhalten verstehen.
Gastbeitrag und gekürzte Übersetzung des Blogposts von Raji Jayaraman
Für Viele ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen nett zueinander sind. Menschen sorgen für ihre Kinder, lächeln sich bei Begegnungen an, werfen Kleingeld in den Hut des Bettlers… Und viele Spenden Geld an soziale Organisationen. Solche offenbar selbstlosen Taten erscheinen den meisten Menschen ganz natürlich. Die Ökonomie aber basiert auf der Annahme, dass Menschen eigennützig handeln. Bezogen auf die meisten Märkte, auf denen viele Menschen viele Güter austauschen, führt diese vereinfachte Annahme menschlichen Verhaltens auch zu erstaunlich guten Vorhersagen der Marktentwicklungen. Wie aber erklären sich Ökonomen nun das menschliche Spendenverhalten?
Die erste Theorie: Menschen sind gar nicht selbstlos. Warum ich an eine NGO für Brustkrebs-Forschung spenden sollte? Weil ich eine Frau mittleren Alters bin und die Wahrscheinlichkeit immerhin bei 40 Prozent liegt, dass ich an Brustkrebs erkranke – ich würde von der Brustkrebsforschung profitieren. Eine weitere Theorie ist die des „erleuchteten Selbstinteresses“: Obwohl ich ein Haus und einen festen Job habe, spende ich an die lokale Obdachloseneinrichtung, damit ich dort auch unterkommen kann, falls ich – obwohl es unwahrscheinlich ist – arbeitslos werde und mein Haus verliere. Hier handelt es sich um eine Mischung aus Altruismus und Eigennutz.
Warum adoptiert man Schneeleoparden?
Ich habe nicht vor, nach Haiti oder in die Antarktis zu ziehen. Warum aber spende ich an die Erdbebenopfer oder adoptiere einen Schneeleoparden? Was sollte das für einen Nutzen für mich haben? Die dritte Theorie meint: keinen, denn es handelt sich um Altruismus.
Die vierte Theorie spricht vom so genannten warmen Gefühl („warm-glow“), mit dem man belohnt wird, wenn man spendet. Ich glaube doch nicht wirklich, dass meine 20 Euro für die Umwelt-NGO den Klimawandel aufhalten. Und von den 50 Euro für Haiti kommt ja auch höchstens die Hälfte an. In solchen Fällen fühlt es sich vielleicht einfach gut an, gespendet zu haben.
Es gibt also Eigennutz, Altruismus, ein Mischung aus beidem und ein gutes Gefühl. Warum diese Unterscheidung der Motivationen wichtig ist? Weil sie NGOs beim gezielten Fundraising helfen kann. Dem warm-glow-giver sollte man sein gutes Gefühl auch geben, etwa mit kleinen Aufmerksamkeiten als Dankeschön. Eigennutz lässt sich auch gezielt ansprechen: Wer sich gegen Internetzensur engagiert, sollte vielleicht zwischen 20 und 30 Jahre alte Städter ansprechen. Bei Brustkrebs-NGOs gilt entsprechendes.
Ökonomen haben viel experimentiert, um herauszubekommen, was zum Spenden anregt und was nicht (später dazu mehr). Aber es gibt noch viel zu tun, um die individuellen Spendenmotivationen besser zu verstehen. Es sei denn, die Ökonomen liegen falsch, und Menschen spenden einfach, weil sie es als ihre moralische Pflicht ansehen. In diesem Fall müssten wir noch mal von vorn anfangen.
Quellen:
- James Andreoni (2006): "Philanthropy", in Serge-Christophe Klom and Jean Mercier Ythier (eds.), Chapter 18, Handbook of the Economics of Giving, Altruism and Reciprocity, Elsevier: Oxford, p. 1201-1269.
- James Andreoni (2001): "The Economics of Philanthropy.'' in N. Smeltser, P. Baltes, eds., International Encyclopedia of Social and Behavioral Sciences, Elsevier: Oxford, 2001, 11369-11376.
Raji Jayaraman ist Professorin an der European School of Management and Technology in Berlin. Sie erforscht als Entwicklungs-Ökonomin, wie Menschen auf Motivationsanreize reagieren.
Exklusiv: NGO-Meter bringt erste fundierte Zahlen zum deutschen Online-Spendenmarkt
Gastbeitrag von Angela Ullrich, Daniel Harbig und Silke Penner.
Wir freuen uns, heute das erste Ergebnis unserer Benchmark-Studie zum Thema Online Fundraising vorzustellen. Knapp ein Jahr hat es gedauert, bis aus der Idee Realität wurde und sich genug Teilnehmer zur Erhebung und Auswertung ihrer Online-Fundraising-Daten gefunden haben.
In den USA gibt es bereits eine Reihe von Studien zu Online Fundraising den Funktionsweisen des amerikanischen Spendenmarkts. Doch meist lassen sich jene Konzepte und Mechanismen aus Übersee nicht direkt auf Deutschland übertragen. Das liegt unter anderem daran, dass es keine Vergleichsdaten für den Deutschen Spendenmarkt gibt. Es ist noch nicht klar, wie Online Fundraising in Deutschland funktioniert. Das NGO-Meter ist ein erster Schritt, um diese Wissenslücke zu schließen.
Daran teilgenommen haben Organisationen unterschiedlicher Größe, etwa Aktion Deutschland hilft, Save the Children Deutschland oder Kinder von nebenan e. V.. Auch wenn die Pilotgruppe mit sechs teilnehmenden Organisationen überschaubar ist, gibt es bereits Erkenntnisse, die Fundraiser für ihre Online Aktivitäten nutzen können. Zum Beispiel zur Optimierung der Öffnungs- und Klickraten bei E-Mailings oder der Conversion-Rates des Spendenformulars. Auch saisonale Schwankungen lassen sich ablesen. So zeigen z.B. Katastrophen wie das Erdbeben in Japan (März 2012) oder die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika (Juni 2011) deutliche Auswirkungen im Bereich Traffic, Spendenvolumen und Conversion-Rate der Spendenformulare.
Interessant ist auch der Umfang der Online-Fundraising-Aktivitäten einzelner Organisationen in Deutschland. Der Anteil des Online-Spendenvolumens am Gesamt-Spendenvolumen beträgt teilweise schon 50% – ein Zahlenfundament für die wachsende Bedeutung des Online Fundraising in Deutschland:
Wie geht es nun weiter? Wir möchten mehr Organisationen für die Teilnahme am NGO-Meter gewinnen, um Trends eindeutiger zu identifizieren und einen fundierten Vergleichsmaßstab anbieten zu können. Deshalb laden wir alle Fundraiserinnen und Fundraiser herzlich ein, an dieser Benchmark-Analyse teilzunehmen. Die Daten werden halbjährlich erhoben und aufbereitet. Die Teilnahme ist kostenlos!
Melden Sie sich einfach bei oder . Weitere Infos zur Teilnahme finden Sie hier.
Ist Deutschland ready for change? Ein Abend mit betterplace lab und change.org
Gestern abend habe ich auf Einladung von Daniel Kruse von nest mit Weldon Kennedy von change.org über den deutschen NGO-Sektor und digitale Mobilisierung diskutiert. Die Petitionsplattform change.org expandiert momentan nach Deutschland und sucht für ihren Berliner Standort Mitarbeiter.

Change.org ist eine Plattform die kostenlos Tools zur Verfügung stellt, mit der Bürger Unterschriftensammlungen organisieren können: so können Eltern change.org nutzen, um Unterstützung für einen Lehrer zu mobilisieren, dem ihrer Meinung nach zu Unrecht gekündigt wurde oder sich für die Instandsetzung eines Kinderspielplatzes zusammentun. Andere nutzen Petitionen, um Druck auf Politiker auszuüben und sich für ein bestimmtes Thema einzusetzen; als Beispiel führte Weldon die erfolgreiche Kampagne in den USA, nach der Hilary Clinton das Fahrverbot für Frauen in Saudi Arabien angeprangerte.
Hier ist meine Präsentation zum Einfluss digitaler Medien im sozialen Sektor:
Der Präsentation könnt ihr entnehmen, dass ich mich um einen differenzierteren Blick auf den digitalen Hype bemühe, der bei Aktivisten oft überwiegt. Ja, wir können die Welt verändern, aber laßt uns realistisch sein: Wir stehen vor einer langen Entwicklung. Nach der Gutenbergschen Revolution dauerte es auch noch 70 Jahre, bis die ersten signifikanten gesellschaftspolitischen Veränderungen eintraten. Im Internetzeitalter wird dieser Machtwandel schneller voranschreiten, aber seine Folgen sind keineswegs automatisch und determiniert. Wenn die deutsche Zivilgesellschaft durch Plattformen wie change.org sich ihrer Macht schneller bewußt wird und von unten auf Veränderungen drängt, umso besser.
Vielen Dank an Daniel für die gute Organisation und Moderation des Abends und einen Gruß an die Caterer, Esst Misfits.
P.S. Die Veranstaltung war über die neue Berliner Peer-to-Peer Plattform gidsy organisiert worden, die es Privatpersonen ermöglicht, Aktivitäten, Unternehmungen und Kurse für Interessierte anzubieten und damit Geld zu verdienen. Wieder ein perfektes Beispiel für Nischenpower! Gidsy bietet übrigens einen wirklich schön gemachten Leitfaden für das optimale Gidsy-Inserat an.
Marx fehlte nur das iPhone: Neues Buch über digitale Medien und globale Protestwellen.
Warum gibt es gerade jetzt Umbrüche in so vielen arabischen Ländern? Was sind Apple-Aktivisten? Und hätte sich Karl Marx ein iPhone gekauft? In seinem neuen Buch „Why it's kicking off everywhere: The New Global Revolutions“ schreibt Paul Manson über eine bunte Melange sozialer Bewegungen und Zusammenhänge. Zumindest vom Guardian wird das Buch des BBC-Journalisten gefeiert. Zu Recht?
Paul Mansons Buch und die sozialen Bewegungen über die er schreibt haben eins gemeinsam: Sie sind ist voller Tatendrang und trauen sich an unendlich große Aufgaben. Über sozialen Wandel, der in solcher Geschwindigkeit um den Globus wirbelt, kann man aber nicht schreiben ohne sich dem Risiko auszusetzen, schon morgen nicht mehr aktuell zu sein. Und dann schreibt Manson auch noch über die Bedeutung von Twitter und Co. – in einem Buch, was als Medium statischer kaum sein kann. Allein der Titel sei ein Wagnis, rezensiert Andy Beckett im Guardian, da er im Präsenz gehalten ist.
Doch Manson hält den Ball flach: "This book makes no claim to be a 'theory of everything,'" schreibt er gleich auf der zweiten Seite. "And don't file it under 'social science': it's journalism." Es sei keine Universal-Theorie, sondern Journalismus. So hat Manson schon Anfang 2011, als die Dimensionen der Proteste noch lange nicht absehbar waren, 20 Thesen formuliert, denen er nun in seinem Buch Rechnung trägt.
Folgt man Becketts Lesart ist Manson eine tiefgehende Reportage gelungen, deren analytische Kraft unter Journalisten seinesgleichen sucht. In zehn kompakten Kapiteln verbindet er geschichtliche, ökonomische, technologische und philosophische Hintergründe der globalen Proteste – was manchmal flüssig in nahtlosen Übergängen gelingt aber manchmal auch etwas sprunghaft wirkt. Er berichtet aus Ägypten, aus Großbritannien, den USA, den Philippinen und entschuldigt sich: "Some theatres of the conflict have been ignored, simply because I couldn't get there." Manche Orte konnte er nicht berücksichtigen, weil er nicht da war.
Mit dem iPhone gegen das Banken-System?
Wenn er den politischen Einfluss digital-sozialer Netzwerke reflektiert, spürt man seine intellektuelle Begeisterung aufflammen. Könne man den aufgeklärten Bürger, wie Karl Marx ihn in den 1840gern vor Augen hatte, heute im Occupy-Wall-Street-Aktivist mit dem Apple unterm Arm wiederfinden? Mit dem iPhone gegen das Banken-System? Der Apple-Aktivist sei ein lebendiges Paradox, denn durch digitale Medien informiert und vernetzt, entstamme er den kapitalistischen Entwicklungen und stehe in fundamentalem Konflikt mit ihnen. Würde Marx ihm da zustimmen? "I don't know the answer," schreibt er, "but merely to pose the question is exhilarating."
Mit dieser Rethorik und seiner Begeisterung für sozialistische Philosophen könnte man ihn auf den ersten Blick als linkspopulistischen Autor verorten. Doch so einfach geht das nicht. Denn er sieht die Ursprünge der Protestwellen eben in den paradoxen Wirkungen neoliberaler Globalisierung: "The plebeian groups that kicked things off," schreibt er am Ende des Buches, "possess skill, ingenuity and intelligence. Info-capitalism has educated them." Der Pöbel sei gut ausgebildet, dank Info-Kapitalismus. Das Scheitern eines Freien Marktes habe – von prekären Arbeitsverhältnissen bis zu tödlichen Sprungen der Nahrungsmittelpreise – zu sozialen Spannungen geführt. Es hat aber auch die Mittel zum Kampf in die Hände gedrückt: gute Ausbildung und Know-How.
Seine sozialen Analysen erscheinen da oft wertvoller als seine Rückschlüsse, die er aus digitalen Trends ableitet. So wären es für prekär Angestellte im Großraumbüro wahrscheinlich gute Neuigkeiten, das ein Smartphone Macht und Raum verleiht. Ola Shahba, Sprecherin einer kommunistischen Gruppen in Kairo, die die Aufstände lange geplant und vorbereitet hatte, sagte kürzlich bei einem Info-Abend in Berlin, dass Facebook eher dazu diene, die Schläger-Trupps der Polizei auf falsche Fährten zu bringen als untereinander zu kommunizieren. Meinte er vielleicht diese Art von Macht?
Bildung, Techno und Bürgertum – der Schlüssel zum Umbruch?
Insgesamt sind Mansons rauschende Szenen der Proteste mitreißend und authentisch. An der Geschichte des Info-Kapitalismus ist was dran: auch die französische Revolution wurde, abgesehen der Sansculottes, hauptsächlich vom gebildeten Bürgertum getragen. Und die industrielle Revolution basierte auf so starken technologischen Umbrüchen, dass man sich fragen kann, ob die heutigen digitalen Veränderungen auch umwälzender werden könnten als erwartet. Im Guten wie im Schlechten.
Wie also sieht die Zukunft der globalen sozialen Bewegung aus? Manson schwingt zwischen Aufbruchs- und Untergangsstimmung, und vermittelt damit die leidenschaftliche Atmosphäre sozialer Umwälzungen. Ein inspirierendes Stück persönlichen Journalismus, was Lust auf eine zweite, aktualisierte Auflage macht. Vielleicht sogar Open Access und digital.
Spenden kann man lernen – etwa an der Uni. Teilnehmer des Kurses haben nun die beste Berliner NGO gekürt.
Ein Gastbeitrag von Julia Propp:
Ein Semester lang zerbrachen sich 16 Studierende an der Humboldt Universität zu Berlin die Köpfe, wie und wohin man am besten spendet. Nach langer Suche übergaben sie letzten Mittwoch schließlich zwei Schecks an ihre Lieblings-Organisationen in Berlin: Morus 14 und das Medibüro des Flüchtlingsrat.

Vor einigen Monaten habe ich hier im lablog über den Start des Kurses zum Spendenverhalten berichtet. Nach heftigen Diskussionen und überraschenden Wendungen ist es nun Zeit, Bilanz zu ziehen und einen kleinen Blick in die Universitätslehre zu werfen.
Die Idee ist schnell erklärt: 1222 Euro standen der Gruppe von zwei Geldgebern zur Verfügung. Nun sollten sich die Studenten über den gemeinnützigen Sektor schlau machen danach das Geld an eine „gute“ Organisation in Berlin spenden. Aber an welche? Bei 16 TeilnehmerInnen mit verschiedenen Meinungen und Werten fiel die Suche anfangs schwer.
In einem ersten Schritt bildeten sich fünf Teams nach Interessensgebieten. Ein Team beschäftigte sich daraufhin mit Umweltschutzorganisationen, ein anderes recherchierte die Rechte von Menschen ohne Aufenthaltsstatus und wieder andere kümmerten sich um die Lesefähigkeit von Grundschülern. Soziale Probleme gibt es genug, aber welche der Organisationen arbeiten wirkungsvoll? Wie unterscheiden sich die guten von den schlechten?
Viele Stunden lang wurde diskutiert. Experten des betterplace lab, von PHINEO, Active Philanthropy und der Freiwilligenagentur halfen bei der Suche. Heraus kam ein Kriterienkatalog, mit dem sich die Teams ins Feld begaben, um die Organisationen zu interviewen und zu besuchen. Einige Teams verbrachten ganze Vormittage bei ihren Organisationen, bevor sie tatsächlich von deren Qualitäten überzeugt waren.
Die neuen Spender von morgen, wissen wie man wirkungsvoll spendet.
Fünf herausragende Organisationen präsentierten die Teams im Januar den kritischen KommilitonInnen und Gästen, von denen nach einer finalen Abstimmung schließlich zwei einen Scheck von je 611 Euro erhielten: Der Flüchtlingsrat e.V. wird das Geld für das “Medibüro” nutzen, in dem kostenlos medizinische Hilfe an Menschen ohne Aufenthaltsstatus vermittelt wird. Der Verein Morus 14 kümmert sich mit dem Geld auch in Zukunft um die Integration von Kindern und Jugendlichen im Neuköllner Rollbergviertel. Vertreter beider Organisationen kamen persönlich vorbei, um den Studierenden zu danken und den Scheck entgegen zu nehmen.
Durch den Kurs wurde eine neue Generation “Spender von Morgen” ausgebildet, die genau weiß, wo das Geld wirklich gebraucht wird und wie man gute Organisationen findet. Dabei können die Teilnehmerinnen stolz auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit sein und darauf, dass sie sich auf das Experiment eingelassen haben, mit echten Experten, echtem Geld und echten Organisationen ein Ergebnis zu erzielen. Die glücklichen Gewinner unter den Studierenden waren am Ende nicht die mit den besten Noten, sondern die, die das Geld für ihre Organisation gewinnen konnten.
Bisher ist das Format einzigartig in Deutschland und eine Folgefinanzierung noch nicht in Sicht. Aber das Potential für mehr Spenderbildung ist groß! Der Kurs wurde von den Beteiligten nämlich begeistert mit Bestnoten evaluiert und Projekte und Themen gibt es auch noch genug.
Brandneuer Look: Think Big nach dem ReDesign
Eben noch eine Ankündigung, jetzt schon Realität! Seit heute, 1.2.2012 könnt ihr www.o2thinkbig.de in neuem Glanze bewundern:

Die große Herausforderung der neuen Seite wird sein, immer ein paar gute Fotos parat zu haben – für mehr Farbe im Newsblog und inspirierende Bilder auf der Startseite. Das Bilderkarussell haben wir gegen eine großzügigere Slideshow ausgetauscht. Hier springen ab sofort dem Besucher die wichtigsten News und tollsten Projekte entgegen.
In der Operation „Shampoo“ haben die Programmierer in technisch aufwendiger Frickelarbeit Ideen und Projekte fusioniert – abgeguckt aus der Kosmetikbranche, wo auch nur noch „Shampoo und Spülung in einem“ verkauft wird. Damit verpufft auch vor allem die Frage nach dem Unterschied zwischen Ideen und Projekten.
In den nächsten Wochen werden die Programmierer ein dann neues Feature nach dem anderen online stellen. Aus praktischen Gründen freuen sich schon viele auf den Facebook-Login. Probleme mit den oftmals vergessenen Think Big Logindaten sollten dann Schnee von gestern sein. Aber auch eine Eventseite ist geplant – hier können dann alle Think Big Macher, die eine Veranstaltung im Rahmen ihres Projekts planen, die gesammte Community einladen.
Bei Think Big glühen also die Finger der Programmierer, die Ohren des Projektmanagers und die Hirne der Konzepter – damit wir so schnell wie möglich alle Neuheiten online bekommen. Und wie findet ihr das ReDesign?
Brauchen wir 129 Crowdfunding Plattformen? Vielleicht. Ein Gespräch mit Tarmo Jüristo über digitales Mitmachen in Estland
Ich komme gerade aus Tallinn zurück, wo ich auf der Winter School der Graduate School of Cultur and Art unterrichtet habe. Die Einladung verdankte ich dem estischen ex-Investmentbanker, Kulturwissenschaftler und Blogger Tarmo Jüristo, der mein Buch Seeing Culture Everywhere gelesen hatte. Gemeinsam mit Freunden startet Tarmo gerade die estische Crowdfunding-Website Hooandja. Wir sprachen über seine eigene überraschende Crowdfunding-Erfahrung auf facebook, Occupy Wall Street, digitales Mitmach-Potential in Estland und ob es wirklich sinnvoll ist eine 129. Crowdfunding-Plattform ins Leben zu rufen:
(Videotechnisch habe ich inzwischen übrigens dazu gelernt und werde das nächste Mal mein iPhone quer halten!)
P.S. Hier findet ihr die blogposts, die aus der gemeinschaftlich finanzierten Reise von Tarmo entstanden sind und die das Thema Occupy in Estland in die etablierten Medien katapultiert haben.
Wie es um NGOs in China steht. Ein Videoblog
Wir testen ein neues Format und erzählen euch per Videoblog, wie es beim Mittagsgespräch der Humboldt-Viadrina School of Governance zum Thema NGOs in China war. Da Videos schnell aufwändig werden können, haben wir nur einen Take aufgenommen und ohne Oscar-Ambitionen zusammengeschnitten (was dann insgesamt trotzdem etwa 2 Stunden gedauert hat). Der Vortragende hat auch noch kein Moderatorentraining o.ä. absolviert.
SMS-Spenden: Schnell, spontan und viral. Aber hierzulande bislang eher ein Flop

Gerade ist in den USA die erste detaillierte Studie zu SMS-Spenden erschienen. Die repräsentative Studie, durchgeführt vom Pew Center for the Internet and American Life, The Berkman Center at Harvard, und mGive (und finanziert von der John S and James L Knight Foundation - wann wird mal eine deutsche Stiftung in diese Themen investieren?) untersucht das Spendenverhalten von 863 Handybesitzern während der Text for Haiti Kampagne, über die 2010 43 Mio. USD an Hilfsgeldern für Haiti zusammenkamen. 9% der Amerikaner beteiligten sich an der Kampagne und etablierten einen neuen Typ von höchst spontanen und viralen Spenden.
Fernsehen ist der wichtigste Multiplikator
Die überwältigende Mehrheit der Spender (89%) erfuhr übers Fernsehen von der Kampagne und verschickte ihre Spenden-SMS sofort (50%), bzw. noch am gleichen Tag (23%). 80% nutzten nur diesen Kanal und ignorierten andere Spendenaufrufe im Internet oder per Postwurfsendung.
Für die meisten (73%) war Text for Haiti der Einstieg ins SMS-Spenden - aber mehr als die Hälfte (56%) haben seitdem auch für andere Katastrophen wie das Erdbeben in Japan oder die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko per SMS gespendet.
Die SMS-Spenden erfolgten meist ohne weitere Recherche. Hierin unterscheiden sie sich von anderen digitalen Spendenentscheidungen, denen, so die Studie, öfter Internetrecherchen zugrunde liegen (so gaben 21% der SMS-Spender an, sie würden Hilfsorganisationen online checken).
Mund zu Mund statt Online
Interessant sind auch die Erkenntnisse zur viralen Verbreitung der Kampagne. Fast die Hälfte der SMS-Spender (43%) forderten Freunde und Verwandte auf, ebenfalls zu spenden und waren darin auch in 76% der Fälle erfolgreich. Besonders effektive Multiplikatoren waren schwarze Amerikaner (die im Durchschnitt 25% mehr spenden als weiße) und junge Zielgruppen.
Die meisten weiteren Spenden (75%) wurden dadurch ausgelöst, dass über SMS-Spenden im Freundeskreis gesprochen wurde, 34% forderten ihre Freunde per SMS zum Spenden auf, 21% indem sie die Kampagne über ein soziales Netzwerk verbreiteten und 10% indem sie eine email schrieben.
Es ist vorhersehbar, dass SMS-Spenden zukünftig noch eine größere Rolle im Spendenmarkt spielen werden. Fast jeder trägt ein Handy mit sich herum und insbesondere im Katastrophenfall können Menschen schnell und spontan ihrem Bedürfnis zu helfen nachgehen. Es wird interessant sein zu verfolgen, wann dieser Spendenkanal auch in Deutschland relevant wird. Denn obwohl es hierzulande ein paar erfolgreiche SMS-Spendenaktionen gab - u.a. als nach dem Erdbeben auf Haiti der Bundespräsident SMS-Spenden erwähnte und auch der WWF berichtet von Erfolgen mit gezielten SMS-Mailings - sind SMS-Spenden in Deutschland im Allgemeinen noch zu vernachlässigen (s. hierzu auch den Beitrag zu Online Fundraising im betterplace lab Trendreport).
Hier findet ihr die ganze Studie.
Buch "Technology at the Margins" – Wie Technologie hilft, Armut zu bekämpfen.
Kann Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) wirklich bei der Armutsbekämpfung helfen? Wie soll ICT eingesetzt werden, um effektiv und nachhaltig zu sein? Welche Partnerschaften und Business-Modelle funktionieren? Das Buch Technology at the Margins ist gut recherchiert und bearbeitet das Thema anschaulich mit zahlreichen Beispielen.
Die Autoren Chutani, Aalami und Badshah stellen zunächst klar: Ressourcen sind begrenzt. Es wird nie genug Mittel für Entwicklungs-zusammenarbeit (EZ) geben. In der Tat ist die offizielle Entwicklungshilfe mit momentan 140 Mrd. US-Dollar jährlich relativ gering. Der Erfolg werde darauf ankommen, ob es gelingt, die transformative Macht des Marktes zu nutzen. Zum Phänomen der knappen Ressourcen kommt das der ungerechten Verteilung nicht nur zwischen Stadt und Lande, sondern auch zwischen reichen und armen Ländern. Die Autoren argumentieren überzeugend, dass der Preis von Dienstleistungen von folgenden abhängt: der Qualifikation der Person, die die Leistung erbringt, und dem Ort, wo die Dienstleistung erbracht wird. Demnach kostet eine Untersuchung mehr, wenn sie ein Arzt in einem Krankenhaus vornimmt, als wenn sie Zuhause beim Patienten durch einen Gemeindegesundheitshelfer geschieht, der z.B. durch Telemedizin den Kontakt mit einem Krankenhaus hält.
Durch Telemedizin wird Gesundheitsversorgung auch zu einer Frage des Informationsmanagements: Der Arzt oder Gesundheitshelfer untersucht den Patienten, schickt die Ergebnisse an ein zentrales Labor und bekommt die Diagnose zurück. Zu Fuß undenkbar, und so entfaltet sich die Hauptaussage des Buchs: ICTs überbrücken Entfernungen und mindern Kosten.
An Hand vieler Beispiele beschreiben die Autoren, welches Potenzial ICTs in Entwicklungsländern haben. So erwiesen sich beispielsweise SMS und Handys für HIV/AIDS- Kampagnen schon mehrmals als sehr nützliches Medium, um Bürgern Gesundheitsinformationen zu vermitteln. Ein Handy lässt sich auch zur Diagnose von Malaria oder in Klassenzimmern für Multiple-Choice-Tests nutzen. Schulklassen könne sich auch einen Computer teilen, in dem sie multiple Mäuse verwenden; die Kinder lernen dabei zusätzlich gemeinsame Entscheidungsfindung. Im Internet sind außerdem freie landwirtschaftliche Ratgebervideos für analphabetische Kleinbauern erhältlich. Die Autoren betonen aber auch, dass ICT nicht per se das Wundermittel für alle EZ-Probleme ist und erwähnen auch negative Beispiele.
Neue Businessmodelle, gesenkte Profiterwartungen
Damit das Potential von ICT genutzt werden kann, müssten Investoren und Akteure der EZ offener werden. Die Privatwirtschaft sollte erkennen, dass aufstrebende Märkte ein großes Potenzial darstellen. Mit Verweis auf das Buch The Next Four Billion wird argumentiert, dass es einen Kundenkreis an der Base-of-the-Pyramid gibt, der Profite in Billionenhöhe verspricht. Insbesondere ICTs aus dem Westen sind für Kunden in Entwicklungsländern noch „unerreichbar, unbezahlbar und irrelevant“. Investoren müssen ihre Profiterwartungen senken und strategisch auf langfristiges Geschäft umstellen. Ein Beispiel der Autoren hierfür ist die Telekommunikationsbranche in China und vielen Ländern Afrikas, die in den letzten 10 Jahren enorm an Kunden gewann, viel Geld erwirtschaftete und zu niedrigeren Preisen für die Kunden führte.
Gezielte Innovation, neue Partnerschaften
Ein weiterer Erfolgsfaktor, so die Autoren, ist gezielte Innovation. Die Einstellung „one size fits all“ kann nicht funktionieren, und dieses stellt auch eine implizite Kritik an der planerischen („top down“) EZ dar. Technologie muss die lokale Kaufkraft und den sozialen Kontext berücksichtigen. Außenseiter können nicht wissen, was man vor Ort braucht, Lösungen müssen mit Einheimischen entwickelt werden. Das One Laptop per Child Projekt des MIT, das auf bessere Bildung armer Kinder durch billige Laptops zielt, scheiterte teilweise aus diesem Grund: Man hatte nicht beachtet, dass viele derjenigen, die man erreichen möchte, Analphabeten sind, die lokale Stromversorgung nicht adäquat ist, Ersatzteile lokal nicht angeschafft werden können, usw.. Neue Partnerschaften zwischen For-Profit-Akteuren und lokalen NGOs oder Social Businesses sind nötig, um das lokale Wissen effektiver nutzen zu können.
Ein empfehlenswertes Buch! Einige Mängel beachten
Technology at the Margins möchte ich jedem empfehlen, der sich in die Thematik ICT und Entwicklung („ICT4D“) einlesen möchte. Aber selbst denen, die sich auskennen, kann das Buch Aha-Momente bescheren. Es ist eins der wenigen Bücher, die ICT auch von einer unternehmerischen Sicht betrachten.
Was ein bisschen fehlt: Die Auswahl an Projekten hätte ein Tick ausführlicher und repräsentativer sein können. Der Leser wird zwischen Forschungen bei Microsoft und großen Universitäten der USA hin-und hergeführt, aber selten darüber hinaus. Aber das kann man einem Buch, das im Rahmen der Microsoft Leadership Series geschrieben wurde, verzeihen. Was man in dieser Qualität weniger verzeihen kann: Die Schattenseite der ICTs wird so gut wie gar nicht thematisiert. Die lang beschriebenen, positiven Auswirkung der ICTs kamen mir schon ein bisschen zu traumhaft vor. Klar hilft das die Analyse von Suchanfragen im Internet dem Staat, Epidemien zu prognostizieren. Aber ein Diktator kann das Gleiche tun, um seine Bürger zu kontrollieren. Schade fand ich ferner, dass die Rolle der Frauen in der Innovation gar nicht angesprochen wurde. Die meisten innovativen Projekte stammen von Männern. Wie würde sich Innovation gestalten, wenn Frauen mehr Teilhabe daran hätten?
