Innerhalb von bislang 6 Tagen wurde der YouTube Film Kony 2012 knapp 66 Mio. mal gesehen (nach einer kurzen Schreibpause waren es schon 67). Und das, obwohl der Film ADS-untaugliche 30 Minuten lang ist und von einem afrikanischen Rebellenführer handelt. Im Video ruft der Filmemacher und Aktivist der Organisation Invisible Children Jason Russell die Welt zur Jagd auf Joseph Kony auf. Der hat es als brutaler Menschenrechtsverbrecher sicher verdient an den Pranger gestellt zu werden. Doch wie sinnvoll ist die bislang viralste Online Campaign ever wirklich und was sagt sie über das Wesen von Online Aktivismus aus?

Massenmörder Joseph Kony Montag von der amerikanischen Lobbygruppe Invisible Children ins Netz gestellt, erreichten mich begeisterte emails über den Film am Mittwoch. Am gleichen Abend erzählte mein 16 jähriger Sohn, in der Schule würden alle über den Film reden (das Durchschnittsalter der Zuschauer ist laut YouTube 13-24). Donnerstags bekam ich über twitter mit, dass sich starke Kritik am Film ausbreitete und gen Wochenende hatten auch die großen deutschen Online-Zeitungen (hier die SZ, die Zeit und faz) das Thema Kony 2012 auf dem Radar. Wer ist Kony? 1988 hatte Joseph Kony als Widerstand gegen die Machtergreifung Yoweri Musevenis die Lords Resistance Army (LRA) in Uganda gegründet und seitdem im hochgradig instabilen Norden Ugandas seinen besonders brutalen Terror verbreitet. Die LRA tötete Zigtausende von Menschen, veranlasste über 1.8 Millionen zur Flucht und verschleppte gezielt Tausende von Kindern, um sie als Kindersoldaten z.B. nach Darfur oder in den Südsudan zu schicken. Kony wird seid 2005 vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag gesucht, bislang vergebens. Ein Appell an die globale Netzgemeinschaft Diesen Verbrecher möchte Jason Russell, der Mann hinter Invisible Children und Regisseur des Films, mit Hilfe des Videos so bekannt machen, dass die ganze Welt ihn sucht:

99% of the planet doesn’t know who Kony is. If they did, he would have been stopped years ago.

Um dies zu ändern ruft Russell die Netzgemeinschaft auf, Druck auf 20 einflußreiche amerikanische Kulturschaffende und 12 Politiker auszuüben, die das Thema in der Öffentlichkeit und Politik weiter verbreiten sollen. Am 20. April wiederum sollen Menschen weltweit Poster und Sticker von Kony aufhängen (die sind Teil des Action Kits, welches man für 30 Dollar bei Invisible Children beziehen kann). All dies, damit die US-Regierung, die seit 2008 eine 100-Mann starke militärische Präsenz in Uganda hat, weiterhin die ugandische Armee unterstützt, nach Kony zu suchen. Während die Kunde von Kony 2012 durch die sozialen Netzwerke ging, meldeten sich aber auch die ersten Kritiker. Einer der ersten von ihnen, Grant Oyston ein 19 jähriger Student der Politikwissenschaften in Nova Scotia, startete einen Tumblr blog zum Thema, in dem er fragte, ob der Ansatz von Invisible Children wirklich geeignet sei, um den Menschen in Uganda zu helfen:

I do not doubt for a second that those involved in KONY 2012 have great intentions, nor do I doubt for a second that Joseph Kony is a very evil man. But despite this, I’m strongly opposed to the KONY 2012 campaign.

Seitdem haben sich Hunderte von Bloggern und Kommentatoren (darunter auch der von mir sehr geschätzte Ethan Zuckerman) kritisch zu Wort gemeldet, in Uganda, ebenso wie in den USA und Deutschland. Manipulativ, Kolonial, Ineffektiv, Kontraproduktiv Was sagen die Kritiker? Manipulativ: Der hoch professionell gemachte Film ist manipulativ. Geschickt spricht das Video den Betrachter gleich zu Anfang als Teil der globalen Netzgemeinschaft an, die durch social media die Welt verändern kann, s. arabischer Frühling. Die darauf folgende Botschaft ist einfach. Im Video sieht man über lange Strecken, wie der Filmemacher seinem fünfjährigen Sohn die Geschichte von Kony erzählt: Kony ist ein sehr böser Mann, der anderen Kindern weh tut. Er muss gefangen genommen werden und Papi wird ihn zur Strecke bringen. Das Video bietet uns einen Helden – den Filmemacher – der von seiner Freundschaft mit einem ehemaligen Kindersoldaten angetrieben wird. Mit ihm können wir uns identifizieren und unsere Verantwortung für die Weltgemeinschaft ausleben. Einfache Botschaften verkaufen sich gut, sie verzerren aber unseren Blick auf die Wirklichkeit, auf wesentlich komplexere Verhältnisse und Kausalitäten. In der realen Welt gibt es nämlich nicht nur einen identifizierbaren perversen Kriminellen, sondern widersprüchliche lokale Machtkämpfe, instrumentalisierte ethnische Identitäten, Streitigkeiten um Landrechte, sowie die Interessen der internationalen Gemeinschaft und deren Militärpräsenzen – alles Elemente, die in Uganda eine wichtige Rolle spielen. Kolonial: Die Kampagne verstärkt ein eurozentrisches Weltbild, in dem die Weißen die aktiven Helden, die Schwarzen die passiven Opfer sind. Die Kampagne wird dominiert von weißen Amerikanern. Kein Afrikaner sitzt im Board von Invisible Children und die Zielrichtung der Kampagne sind ebenfalls Amerikaner. Ineffektiv: Ob eine Festnahme von Kony wirklich zu einer Stabilisierung des Nordens von Uganda und verbesserter Lebensbedingungen für die Bevölkerung führen würde – und das sollte unser oberstes Ziel sein – ist mehr als fragwürdig. Denn offensichtlich ist Kony gar nicht mehr in Uganda, sondern versteckt sich in einem Gebiet zwischen DRK, Sudan und Zentralafrikanischer Republik. Vielleicht ist er auch schon längst tot. Zudem stellt die LRA seit einigen Jahren auch keine wirkliche Bedrohung mehr dar. Heute, so ein ugandischer Journalist, sind im Norden Ugandas die Behandlung von Krankheiten, wie die Nodding Disease, Kinderprostitution, fehlende Arbeitsplätze und die brachliegende Infrastruktur die vordringlichsten Probleme. Die wenigen LRA-Attacken im vergangenen Jahr wurden von der UN als „letzte Zuckungen einer sterbenden Organisation“ beschrieben. Kontraproduktiv: Viele Afrikakenner meinen, dass für die Kony 2012 zusammenkommende Geld wäre besser in anderen Themen und Organisationen investiert. In lokale Organisationen, die sich schon seit Jahren um den wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau der Region nach dem Bürgerkrieg kümmern. Bei Invisible Children gehen weniger als ein Drittel der Spendengelder direkt nach Ostafrika. Die meisten Erlöse werden für Mobilisierung, Filme und weiteres Fundraising ausgegeben. Russell fordert uns dazu auf, die ugandische Armee bei der Suche nach Kony zu unterstützen. Doch die ist selbst für Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Inkompetenz berüchtigt. Museveni wiederum ist ein korruper und diktatorischer Regierungschef , der jeden Widerstand gegen seine Alleinherrschaft brutal unterdrückt und unter dem im Parlament die Todesstrafe für Homosexualität diskutiert und fast verabschiedet wurde. Wieso adressiert der Film nicht Museveni und übt Druck auf ihn aus? Dreimal hinsehen In den letzten Tage haben viele politisch und sozial Engagierte fassungslos und auch ziemlich neidisch zugeschaut, wie ein Nischenthema in die facebook-Profile von Teenagern gelang, die sich bislang vordringlich mit Mode, Musik und Gossip beschäftigten. Wie ein gut gemachter Film über einen politischen Konflikt, von dem die wenigsten Menschen jemals gehört hatten, Millionen von ihnen bewegt eine Petition zu unterzeichnen, in der sie ihre Regierung zu einem Militäreinsatz auffordern. Wie ein Action Kit für 30 Dollar schon nach wenigen Tagen ausverkauft war. Zeigt uns Kony 2012 die Grenzen des Netzaktivismus? Werden online nur einfachste Geschichten voller Klischees – Monster, gut aussehender Held (der sich selbst in der Rolle des Retters offenbar ganz großartig findet), süßes Kind – verbreitet? Müssen wir unsere eigenen Botschaften, wenn wir sie unter die Leute bringen wollen, ebenso simple stricken? Und richten wir damit u.U. mehr Schaden als Nutzen an? Ja, aber … auch die kritischen Stimmen konnten sich online massenweise Gehöhr verschaffen und ein differenzierteres Bild verbreiten. Der 19jährige Student, dessen Tumblr blog viele Diskussion angeregt hatte, war am Tag 4. auch schon über 2.2 Millionen Mal geklickt worden und sein Autor erhält stündlich Hunderte von emails. Wie Zeynep Tufecki in ihrem blog Technosociology schreibt:

the swift backlash against Kony2012 was loud, organized and, most importantly, also able to command attention. In just one day, I saw more human-rights experts and African and Ugandan voices on mainstream media than I do in a month or three.  My social media stream was flooded by critical and in-depth discussion about the topic, often from Ugandans or topic experts. This is a key way in which Kony2012 differs from, say, “We are the World” campaign in the eighties in which Africans never got to be anything beyond silent victims.

Natürlich sind 2.2. Mio Leser weit weniger als 67 Mio Zuschauer, aber darin unterscheidet sich online nicht von offline. Auch die Bild-Zeitung erreicht mit ihren Schlagzeilen mehr Menschen als die Süddeutsche Zeitung. Doch im Gegensatz zu Printmedien ist die Website von Invisible Children dialogisch: Prominent auf der homepage erscheint der twitterfeed zu #Kony und dort finden sich ebenso Links zu kritischen Kommentaren und Hinweise auf ugandische Organisationen, die vor Ort einen Unterschied machen. Zudem stellen sich die Macher von Invisible Children online ihren Kritikern und diskutieren mit ihnen. Dabei besteht die Chance, dass sich der Verlauf der Kampagne verändert und differenzierte Töne anschlägt. Ausschnitt der Invisible Children Homepage Die Maßstäbe für gelungende Massenmobilisierung im Netz, so hieß es auf SZ digital, seien mit Kony 2012 gewaltig verschoben. Digitale Aktivisten können viel über die neue Wahrnehmungsökonomie lernen, wie man online Menschen aktiviert und Spenden sammelt. Meines Erachtens spricht nichts dagegen, Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Wie meine Freundin Josefina, der ich den ersten Hinweis auf das Video verdanke, mir eben in einer SMS schrieb: „Wenn ich heute Abend beobachte, wie Zwölfjährige sich auf einmal mit einer solche Thematik beschäftigen, dann finde ich die Aktion trotzdem gelungen.“ Die Kunst besteht jetzt darin, das entfachte Interesse weiter zu treiben, die einfachen Botschaften zu hinterfragen und statt Marketing wirkliche Antworten anzubieten.