Wir hüpfen. Hoch, runter, hoch, runter. 130 Teilnehmer. Hoch, runter, hoch, runter. Das fühlt sich komisch an, vermutlich weil es ungewöhnlich ist. Als Erwachsener hüpft man ja doch sehr selten, auf einer Konferenz eigentlich nie. Aber am Ende des betterplace labtogether tat es einfach gut, noch ein letztes Mal Körper und Geist durchzuschütteln.

Eine ganz gewöhnliche Konferenz wollten wir ohnehin nicht veranstalten. Wir wollten nicht viele Stunden rumsitzen, nur um am Ende mit der gleichen Meinung nach Hause zu gehen, mit der wir schon gekommen waren. Unser Ziel war es, gemeinsam New Work als Inner Work zu erfahren. Aber wie soll das gehen?

Im Zuge des betterplace lab Team Transformers – unserer eigenen Reise hin zu Selbstorganisation und “evolutionary purpose” – war deutlich geworden, dass man über das Thema gut theoretisch reflektieren konnte, dass es aber etwas ganz anderes war, New Work am eigenen Leib zu erfahren. Was macht es mit uns als Menschen, wenn wir plötzlich viel weniger Strukturen und dafür mehr Freiheit, aber auch Verantwortung haben? Was bedeutet es als “ganzer Mensch” im Team zu erscheinen? Was geht in uns vor, wenn wir unser eigenes Gehalt mit den Kollegen verhandeln? Und wie schützen wir uns vor Stress und Überarbeitung und steigern unser inneres Wohlempfinden am Arbeitsplatz?

 

Wie fühlt sich New Work an?

Diese Themen wollten wir beim labtogether holistisch, d. h. körperlich, emotional und intellektuell erforschen. Um uns darauf einzustimmen, starteten wir mit einer Meditation zu John Cage 4’33“, bevor wir uns eine gemeinsame Wissensbasis geschaffen haben. In unser Intro-Session stellten Joana und Stephan (beide Breidenbach) sowie Bettina Rollow einen breiten theoretischen Rahmen vor. Ausgehend von der Feststellung, dass wir ein neues gesellschaftliches Betriebssystem brauchen, um die anstehenden sozialen, ökologischen und existentiellen Herausforderungen zu meistern, fokussierte der erste Teil auf dem entstehenden digitalen Mindset. Digitale Dynamiken wie Dezentralisierung, Kollaboration und Offenheit, so die These, bieten adäquate Werkzeuge für den benötigten gesellschaftlichen Systemwandel (mehr dazu hier). In dem zweiten Teil stellte Stephan dann ein dynamisches Bild von menschlicher Entwicklung vor (im Detail hier beschrieben), welches Bettina dafür nutzte um einige zentrale Prinzipien der Selbstorganisation und New Work zu verorten. (Unter Future Sensor findet ihr die gesamte Präsentation ausführlich aufbereitet.)

„Durch die Bilder und den Input habt Ihr mich wirklich so ein bisschen in eine Zukunft katapultiert, von der ich denke: Ja, da ist es jetzt an uns, sie zu gestalten! So da hat sich etwas auf der Gefühlsebene mitgeteilt: Ich bin bereit und ich habe große Lust, die Möglichkeiten zu eruieren und wirklich Potenziale auszuschöpfen. Ihr habt ja auch noch mal gesagt: Natürlich kann man das alles auch defizitärer sehen und wer weiß, in was für Dystopien wir landen. Aber Ihr habt mich mitgenommen in sowas: Yeah, da tun sich Möglichkeitsräume auf und da will ich rein!“ (Teilnehmerin)

Der Rest der Konferenz war dann sehr interaktiv. In der ersten Workshop-Runde stand der einzelne Mensch und Mitarbeiter im Zentrum, während wir in der zweiten Runde  auf unsere Unternehmen/Organisationen schauten.

„Wir müssen mehr neue soziale Praktiken einüben. Das haben wir heute auch gemacht: empathisches Zuhören, Momente der Stille. Und das kann man auch, wenn man keine Führungskraft ist; einfach mitnehmen und ausprobieren, einfach gucken, was das macht mit einem Team oder einer Organisation.“ (Teilnehmerin)

In Workshops erforschten Teilnehmer, wie im Rahmen von New Work neue Rollen und Prozesse entwickelt werden, die adäquater auf menschliche Bedürfnisse, Diversität und Komplexität abgestimmt sind. Unser Fokus lag dabei auf den inneren, sozio-psychologischen Reifungsprozessen, die wir durchlaufen müssen, um die neuen Strukturen erfolgreich und nachhaltig in die Praxis umzusetzen. Welche Kompetenzen umfasst dieser Entwicklungsprozess und wie können wie diese erlernen und verstärken? Welche digitalen Tools können dabei unterstützen? Neben kurzen Inputs kamen in diesen Sessions die Teilnehmer selbst viel zu Wort und erforschten in Triaden ihre individuellen Bedürfnisse und Interessen.

 

Wie geht’s Dir eigentlich?

Auch das Thema Wellbeing fand großen Anklang, denn hohe Stresslevel, Traumatisierungen und prekäre Arbeitsverhältnisse sind unter Sozialunternehmern erschreckend weit verbreitet. Matthias Scheffelmeier von Ashoka und Joana stellten in einem Workshop das Wellbeing Project vor, über das Joana auch schon vorher gebloggt hatte. Sozialunternehmer Ralf Sange, Teilnehmer des Wellbeing Projects, berichtete aus seiner Perspektive, wie wichtig innere Arbeit, selfcare und offene Kommunikation für seine persönliche Entwicklung und die seines Unternehmens sind. In den anschließenden Kleingruppen wurde deutlich, auf welch große Resonanz das Thema bei sozialen Akteuren stößt und wie wichtig es ist, sowohl individuelle Faktoren und Strategien mit einzubeziehen, als auch sich die systemischen Facetten anzuschauen. Viele Teilnehmer waren sichtlich berührt auf eine so intime Weise auf einer öffentlichen Konferenz angesprochen zu werden und sich ebenso zeigen zu können.

 

Die Rechnung geht auf

Wir kennen das im lab. Auch wir haben reichlich gegrübelt, ob wir 2017 wieder ein labtogether auf die Beine stellen können und wollen. Es gibt gute Gründe dafür (Spaß, Bock auf die Themen und Leute, Wirkung, Tradition) und dagegen (Aufwand, Kosten, genug Wirkung?, nur aus Tradition?). Letztlich hat unsere Neugier gesiegt und der Ehrgeiz, das labtogether das erste Mal in seiner langen sechsjährigen Geschichte mit einem kleinen Plus abzuschließen. Und ein Blick in unsere Abrechnung zeigt (und dank Open Bookkeeping auch möglich): Wir haben’s geschafft und haben dank unserer Sponsoren, zahlenden Teilnehmer und einigen Pro-Bono-Leistungen stolze 2.221,58 Euro erwirtschaftet. Außerdem konnten wir so einfach mal ausprobieren, wie das so ist, wenn man alle Kosten transparent macht und so eine ernsthafte Diskussion darüber führen kann, ob sich diese Veranstaltung lohnt – und das nicht nur finanziell.

 

Apropos, hat’s den Teilnehmern auch gefallen?

Insgesamt haben wir mit 130 Teilnehmern die Microsoft Eatery gefüllt – wahrscheinlich sogar etwas überfüllt, sodass es in den Workshops manchmal zu laut wurde und beim Flying Buffet manchmal nicht schnell genug ging. Ein leerer Magen und dröhnende Ohren sind auf keinen Fall die besten Zutaten, wenn man achtsam mit sich und anderen umgehen will. Sorry! Dass sich die Teilnehmer trotzdem begeistern konnten, lag vor allem am Thema, den Speakern, den Formaten und den Austausch. Das zeigt unsere Umfrage, ausgefüllt von 22 Teilnehmern.

Das Thema war ein Volltreffer. Nach wie vor beschäftigt es viele Menschen, wie sie arbeiten – mit der Frage, wie sich dabei ihre Bedürfnisse mit den hohen Anforderungen durch eine immer komplexere und schnellere Welt vereinbaren lassen. Die Antworten gibt es leider nicht von der Stange, die muss jeder für sich selbst finden – zum Beispiel in den unterschiedlichen Formaten wie beim labtogether.

„Mir hat’s gut gefallen. Und vor allem, dass so ein interaktives Format einfach über das Spielerische sehr viel mehr Kreativität, Gestaltung und auch Verbindung untereinander freisetzt und am Ende bei mir auch so ein Gefühl hinterlässt: Wir sind viele und wir sind alle interessiert an diesen Themen. Und das gibt auch so einen tollen Mut, hier rauszugehen und zu sagen: Ja, auch da wo es noch nicht da ist, vielleicht kann ich irgendwas Kleines einstreuen.“

Dafür braucht es natürlich den gemeinsamen Willen aller Beteiligten. Die Antworten sind neu, die Wege sind neu. Sie trotzdem zu gehen braucht besagten Mut und Energie oder “Spirit”. Vielleicht war das das größte Erfolgsrezept beim diesjährigen labtogether: viele Menschen, seien es Teilnehmer oder Speaker und Organisatoren, die sich darauf eingelassen haben und wollten. In dieser Atmosphäre waren neue Erfahrungen möglich, die hoffentlich nachhalten…