Geht es nach dem Autor Christoph Kucklick, sinkt die Lebenserwartung des Durchschnitts rapide. Seine These: Da es immer mehr Datenpunkte über Menschen, die Gesellschaft und alle Aspekte des Lebens gibt, handelt man nicht mehr aufgrund von durchschnittlichen Erfahrungswerten, sondern individuell nach Kontext und Datenlage des jeweiligen Subjektes oder Objektes. Zu abstrakt? Das Beispiel des kleinen Felix verdeutlicht die Auswirkungen im medizinischen Bereich.

Klein Felix hat Diabetes. Die Eltern des Vierjährigen erfassen minütlich mittels Sensoren den Blutzucker, Herzschlag oder Stresslevel. Welch großartige Datengrundlage für eine individuelle und präzise Insulingabe! Doch die Ärzte von Felix sind überfordert und beharren auf einer Behandlung aufgrund von Durchschnittswerten, die sie aus einer Masse von Patienten errechnet haben. Datenperlen vor die Säue. Die bislang noch grobe Wahrnehmung des Einzelnen wird in Zukunft durch ein hoch aufgelöstes – granulares – Bild ersetzt. Das bedeutet: Unterschiedliches wird auch unterschiedlich behandelt. Und zwar nicht nur in der Medizin. Kuhklick bringt viele Beispiele, von denen einige zwar nicht neu sind (Obamas Datenwahlkampf, Robotik, Algorithmen, die Experten ablösen). Aber sie dienen als gute Argumente für seine Ableitungen und Thesen, die wichtige Fragen zu unserer digitalen Zukunft aufwerfen. Dass die Digitalisierung weder gut noch böse ist, weiß Kucklick und entsprechend sachlich schreibt er über Chancen und Risiken. Drei „Revolutionen“ bilden das Grundgerüst seines klugen Buches.

  • Die Differenz-Revolution: Durch immer mehr Daten werden auch immer mehr Unterschiede zwischen den Menschen erkennbar. Die Menschen werden „singularisiert“, die Gesellschaft erlebt eine Krise der Gleichheit, die unsere Demokratie verändern wird.
  • Die Intelligenz-Revolution: Intelligente Maschinen und Algorithmen übernehmen immer häufiger Wissensmonopole. Kucklick bringt das Beispiel eines mathematischen Beweises, den ein Computer erbracht hat, der aber so kompliziert und lang ist, das kein Mensch ihn nachrechnen bzw. nachvollziehen kann.
  • Die Kontroll-Revolution: Die Granularisierung führt dazu, dass wir genauer sortiert, bewertet, verglichen und durchschaut werden. Wir werden nicht mehr ausgebeutet, sondern „ausgedeutet“. Fundamentale Fragen nach Gerechtigkeit zu den Prinzipien der Demokratie kommen auf.

Insgesamt ist „Die granulare Gesellschaft“ ein angenehm zu lesendes und inspirierendes Buch des Soziologen Kucklick, das anhand von konkreten Beispielen abstrakte Herausforderungen greifbar macht. Dass beispielsweise die Herausforderungen von selbstfahrenden Autos ans Rechtssystem nur wenige Jahre entfernt sind, sieht man Runden Tisch, den Bundesverkehrsminister Dobrindt nun zusammen gerufen hat. Wer haftet, wenn ein solches Auto einen Unfall verursacht? Der Programmierer des Algorithmus, auf dessen Grundlage das Auto seine Entscheidung gefällt hat? Der Hersteller? Der Besitzer? Leuten, die solche Fragen gefallen, sei „Die granulare Gesellschaft“ empfohlen.